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LOOSDORF. Am 26. September wird Josef Jahrmann 70 Jahre. Tips sprach aus diesem Anlass mit dem langjährigen SPÖ-Bürgermeister, Musiker, Ex-Lehrer und Fotografen über sein Leben. Dabei verriet er auch, dass er im Frühjahr 2018 als Bürgermeister aufhört.

Jubilar Josef Jahrmann ist leidenschaftlicher Musiker, Fotograf und Bürgermeister.
Jubilar Josef Jahrmann ist leidenschaftlicher Musiker, Fotograf und Bürgermeister.

Tips: Herr Jahrmann, die Musik spielt in Ihrem Leben eine große Rolle. Ein Spiel: Welcher berühmte Musiker wären Sie gerne?

Jahrmann: (lacht) Da fallen mir einige ein. Also nicht unbedingt der Ambros, obwohl mir seine Lieder gut gefallen. Ich wäre gerne ein englischer Rockmusiker, einer von den Stones vielleicht. Bands, die mich immer fasziniert haben, waren die Blood, Sweat & Tears oder die Chicago, die mit Bläsersatz gespielt haben. So wie wir vor Ort mit „Chaos total“.

Tips: Wie lange spielen Sie eigentlich schon ein Instrument?

Jahrmann: Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Violine zu spielen. Der damalige Volksschuldirektor hat mir das sehr nachhaltig erklärt, dass ich das jetzt spielen soll. Bis ich acht Jahre alt war, habe ich Geige gelernt, danach Klarinette und dann eine selbstumgebaute Gitarre gespielt. Meine Mutter hat immer etwas Geld für meine Maturareise auf die Seite gelegt. Mit 16 oder 17 Jahren habe ich zu ihr gesagt: „Ich will eh nicht auf Maturareise fahren. Gib mir das Geld, ich möchte mir eine Gitarre kaufen.“ Das war eigentlich der Einstieg in die elektronische Musik.

Tips: Können Sie sich an Ihren ersten öffentlichen Auftritt erinnern?

Jahrmann: Das war ganz lustig, wir sind damals in ein sehr bekanntes Gasthaus in Spitz gegangen und haben gefragt, ob wir am Sonntag einen Fünfuhrtee spielen dürfen. Dann haben wir selbst Plakate geschrieben und uns schwarze Leiberl gekauft und mit Papier „Lions“ draufgeschrieben, damals haben wir uns so genannt. Als Verstärker für die einzige E-Gitarre diente ein altes Radio. Da haben wir halt irgendwelche Liedchen geträllert. Das Publikum war mehr amüsiert als von der Musik angetan.

Tips: Sie sind nicht nur passionierter Musiker, sondern auch leidenschaftlicher Fotograf. Beim Fotografieren braucht man das Auge fürs Motiv. Welches Motiv wollen Sie noch ablichten?

Jahrmann: Ich will mich in der Wildlife-Fotografie versuchen. Wir planen eine größere Fahrt nach Afrika. Da probieren wir, die Wildnis in Afrika fotografisch einzufangen. Vor Ort taugen mir am meisten schwarz-weiß Porträts. Da kann ich mich entfalten.

Tips: Was ist Ihnen fotografisch gelungen?

Jahrmann: Das gelungenste Foto ist ein Selfie. Selber kennt man sich am besten. Ein Foto ist nicht nur eine Abbildung, sondern man muss etwas raussehen.

Tips: Was sieht man im Selfie?

Jahrmann: Einige Narben, die das Leben geschlagen hat. Ich mache eine Pose, so wie ich mich selbst wohlfühle und mich selbst sehe. Und wie ich glaube, dass es ein gutes Abbild von meiner Persönlichkeit ist.

Tips: Wie sehen Sie sich selbst?

Jahrmann: Die Frage ist etwas schwer zu beantworten. Ziemlich nachdenklich, weniger rationell und stark durch die Gefühlswelt beeinflusst. Denn es gibt für mich keine ausschlaggebenden Entscheidungen, wo einfach nur Kalkül oder kalter Intellekt dahinter steckt.

Tips: Legen wir das auf die Bürgermeisterei um. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Jahrmann: Kommt auf die Situation an. Es gibt Dinge, die kann man einfach nur berechnen und da darf die Emotion nicht hineinspielen. Wenn sie irgendwo eine Straße bauen, da hat Gefühl keinen Platz. Wenn sie eine Entscheidung treffen, wo sie die menschliche Komponente reinbringen müssen – meistens im sozialen Bereich – das kann man nicht berechnen. Da muss man sich in die Leute hineinversetzen.

Tips: Wie sehr geht das dem Bürgermeister Jahrmann nahe?

Jahrmann: Das ist mir immer nahe gegangen. Ich habe sehr viele gute und weniger gute Freunde, die, wenn ich so eine Entscheidung hinausschiebe und nachdenke, damit ich das möglichst breit fasse, sagen: „Was tust du dir wegen dem an. Das ist eh ganz klar. Mach das so! Du brauchst a dicke Haut.“ Und diese dicke Haut habe ich mir nie angewöhnt. Aus Überzeugung, dass nur dicke Haut schlecht ist. Ich bin froh, dass ich mir die Emotionalität erhalten habe und nicht irgendwie zur kommunalpolitischen Rechenmaschine geworden bin. Weil da geht die Politik an ihrem Zweck vorbei. Politik ohne persönliche Emotionen ist kalt und tot.

Tips: Sie waren 20 Jahre Lehrer und sind seit gut 30 Jahren Bürgermeister. Was hat den größeren Reiz?

Jahrmann: Ich war zuerst Volksschullehrer, Hauptschullehrer, Bezirksschulinspektor, Landtagsabgeordneter und über weite Strecken parallel dazu Bürgermeister. Eigentlich habe ich fünf Berufe gehabt. Und ich muss ganz ehrlich sagen, den Beruf, den ich am meisten vermisse, und den ich am schwersten gegen den nächsten ausgewechselt habe, war Lehrer. Beim Lehrer hast du Teile vom Bürgermeister drinnen. Ich wäre nicht 35 Jahre Bürgermeister, wenn ich den Beruf nicht gerne gehabt hätte. Denn es hat genug Anlässe gegeben, wo man sagt: „Reicht“s ned?“ Aber es hat nicht gereicht (lacht). Aber dieser enge Kontakt mit jungen Menschen, wo du gespürt hast, du kannst was ändern, denen was beibringen, das war unheimlich faszinierend. Ich habe fast etwas gelitten, als ich Bezirksschulinspektor geworden bin. Denn diesen Kontakt habe ich sehr lange vermisst.

Tips: Wenn Sie in wenigen Tagen nicht Ihren 70er, sondern den 40er feiern würden: Würden Sie die kommenden 30 Jahre wieder so angehen?

Jahrmann: Ja. Natürlich ist die Verlockung groß zu sagen: „Mit dem Wissen von heute.“ Das wäre der Hammer.

Tips: Sie leiten seit 1986 die Geschicke der Marktgemeinde. Was ist Ihnen in diesen Jahrzehnten besonders gut gelungen?

Jahrmann: In der Entwicklung von Loosdorf ist schon einiges weitergegangen. Betriebsgebiet sowieso mit Autobahnanschluss, Sportzentrum, Gemeindezentrum im Ort mit Einkaufszentrum und Rathaus. Ich glaube, dass es mir ganz gut gelungen ist, die Vereine zu unterstützen. Denn durch Social Media und Computer entwickeln wir uns zu Einzelwesen, die nur mehr mit der Elektronik in Verbindung stehen. Und die Vereine halten das vitale Gemeinschaftsleben noch aufrecht. Daher muss man die unterstützen, denn wenn die mal baden gehen, schaut es schlecht aus in der Gesellschaft.

Tips: Was ging daneben?

Jahrmann: Da gibt es eine ganze Menge Einzelfälle. Es sind viele Betriebsansiedlungen gelungen, aber jene, die nicht gelungen sind, sind in der Versenkung verschwunden. Mir sind sie sehr stark in Erinnerung. Im Schnitt kann man sagen, dass die Hälfte danebengegangen ist. Das eklatanteste Beispiel war damals die Geschichte mit der Umdasch. Die hat mir viel Substanz gekostet, das habe ich sehr persönlich genommen.

Tips: Als gebürtiger Wachauer schätzen Sie den Wein. Gehen Sie eigentlich auch mit den politischen Mitbewerbern auf ein Glaserl Grüner Veltliner?

Jahrmann: Ganz sicher. Man geht zum Heurigen und sieht einen andersfärbigen Kommunalpolitiker, setzt sich zu ihm und dann rennt der Schmäh. Das ist auch im Ort so. Ich bin letztens dem blauen Fahnenführer im Kaffeehaus begegnet und da wird scherzhaft hingehalten: „So lange ich da bin, verbreitest du keine politischen Parolen, sonst gibt“s einen Krieg.“ Und er lacht zurück und sagt: „Selbstverständlich, ich warte eh bis du gehst.“ Und dann trinken wir ein Achterl miteinander. Da habe ich nie Probleme gehabt.

Tips: Sie haben jahrelang das Leben als Landtagsabgeordneter genossen. Wie viel Inszenierung ist die Landespolitik?

Jahrmann: (lacht) Das, was nach außen dringt, ist die Fassade. Die Entscheidungen werden in den Ausschüssen oder in den Fraktionssitzungen getroffen. Kurz gesagt: Die Arbeit passiert hinter den Fassaden, zelebriert wird an der Front.

Tips: Im Tips-Interview im Dezember 2016 haben Sie Ihren Rückzug aus der Kommunalpolitik angekündigt. Sie haben angedeutet, noch vor der nächsten Gemeinderatswahl 2020 das Zepter übergeben zu wollen. Haben Sie schon einen konkreten Fahrplan?

Jahrmann: Ich habe gesagt, dass ich meinen 70. Geburtstag als Bürgermeister feiern will. Ich lege mich nicht genau fest, aber ich werde das Zepter im nächsten Halbjahr übergeben. Wobei ich eines festhalten möchte: Es liegt nicht daran, dass ich keine Kraft habe. Aber Stelen am Rande des Lebensweges sind immer so Geburtstage, wo die Leute gratulieren kommen und man denkt nach. Das große Tor ist ein Stück näher gerückt und du weißt nicht, wann du durch musst. Da fragt man sich: „Was hättest du noch gerne gemacht? Was möchtest du noch unbedingt machen?“ Dann denke ich mir zum Beispiel: Jetzt möchte ich ein anerkannter und guter Fotograf werden. Was mir rückblickend wirklich wehtut: Die Politik und der Terminkalender haben mir die Zeit geraubt, Freundschaften zu pflegen. Das spielt sogar bis in die Familie hinein. Meine Frau war eine gute Ratgeberin und hat auf viel verzichten müssen. Das kommt leider nicht mehr zurück. Solche Packen wie der 70er sind Zeitpunkte, wo man zurückdenkt. Dann fragst du dich: Wie ist das Leben verlaufen? Und dann hat das Wort verlaufen einen ganz anderen Sinn.


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