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„Wir wollten Frauen eine Stimme und mehr Selbstbewusstsein verleihen“

Sabrina Reiter, 14.03.2017 10:27

MATTIGHOFEN. Mit ihrer Lebensgeschichte und ihrer Vitalität beeindruckte Eva Vogl (97) das Publikum bei den ersten Mattighofner Stadtgesprächen. Sie erzählte von der schwierigen Zeit während des Krieges und wie sie danach als Gründungsmitglied der Katholischen Frauenbewegung die Stellung der Frauen in Kirche, Politik und Gesellschaft verbessern wollte.

Geboren 1920 in Niederösterreich kam Eva Vogl schon als Baby nach Braunau. Ihr Vater, ein ehemaliger Marineoffizier, fand hier nach dem Ersten Weltkrieg eine Anstellung in einer Bank. Doch nur wenige Jahre später erkrankte dieser an Tuberkulose und starb. Mit gerademal 32 Jahren wurde ihre Mutter Witwe und zog wieder zurück ins niederösterreichische Weissenbach, wo sie in einer Fabrik arbeiten konnte. „Das war eine höchst sparsame Zeit. Die Gehälter für Frauen waren sehr schmal“, erinnert sie sich, dennoch fehlte es ihr an nichts. „Ich war ein Einzelkind und verwöhnt“, gibt die heute fünffache Mutter, 16-fache Großmutter und 26-fache Urgroßmutter schmunzelnd zu. Nachbarn und Bekannte haben sie sehr unterstützt. „Damals habe ich großen Glauben an die Mitmenschen gewonnen, das hat mir auch später in jeder Situation gut getan“, erzählt Eva Vogl.

Holzstoßbegegnung

Mit 18 Jahren begegnete sie erstmals ihrem späteren Ehemann, bei einem Wanderausflug. Damals saß sie auf einem Holzstoß und regte sich über ihre Mutter auf, weil sie wegen ihr einen Umweg gehen mussten. Heinrich Vogl, der in der Nähe auf der Jagd war, bekam dies mit und amüsierte sich köstlich über das bockige Mädchen. Aber einen Eindruck hat er damals bei Eva noch nicht hinterlassen, wie sie sagt. Erst ein Jahr später, als sie sich während ihrer Maturareise in Lungötz offiziell kennenlernten, funkte es. „Die Holzstoßbegegnung hat sich doch noch in Wohlgefallen aufgelöst“, scherzt sie. Im Alter von 19 Jahren wurde geheiratet.

Vormarsch des Nationalsozialismus

Zwar war ihr Mattighofen anfangs noch ein wenig fremd – ihr fehlten die großen Wälder –, doch schnell wurde sie hier heimisch. Dem Großteil der Gesellschaft ging es in den 1930er Jahren jedoch nicht so gut, weiß Vogl: „Es gab sehr viele arme Leute, denen es wirklich schlecht gegangen ist.“ Ein Umstand, den Adolf Hitler für sich nutzte. „In Deutschland war der Nationalsozialismus schon verbreitet und viele Österreicher befürworteten den Anschluss, weil es den Menschen dort scheinbar besser ging“, erzählt Vogl. Die Gesellschaft war in zwei verfeindete Lager gespalten. Eines möchte Vogl jedoch klarstellen: „Viele Leute gingen nicht wegen ihrer Weltanschauung zu den Nazis, sondern weil sie einfach nichts gehabt haben und um ihre Existenz fürchteten.“ Die Nazis drohten auch der Familie Vogl mit der Schließung der Lederfabrik, weil sie jüdische Verwandtschaft hatte. Da hier aber wertvolles Leder für die Wehrmacht produziert werden konnte, kam es nie dazu. Der Krieg war eine Zeit voller Angst, erinnert sich Vogl, vor allem um jene, die eingezogen wurden, darunter auch ihr Mann. Viele Freunde und Bekannte sind an der Front gefallen.

Zeit des Umbruches

Nach dem Krieg begann eine Zeit des Umbruches. Der Lederfabrik machte das Aufkommen des Kunstleders schwer zu schaffen. Autos verdrängten die Pferdegespanne von der Straße. Doch die Leute fanden auch endlich wieder Arbeit und die Katholische Frauenbewegung, bei der sich auch Eva Vogl von Beginn an engagierte, wurde gegründet. „Frauen standen damals in den Bereichen Kirche, Politik und Wirtschaft in zweiter Reihe. Wir wollten ihnen mehr Selbstbewusstsein und eine Stimme verleihen“, erzählt sie. Auch wenn sie damals einige Kritik – übrigens nicht nur von Männern – einstecken musste, so ließ sich Eva Vogl nicht beirren und trug mit ihrem Wirken und auch ihrem Redetalent dazu bei, dass sich die Stellung der Frau seit 1945 stark verändert hat. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass der Einfluss der Frauen noch stärker wird. Sie weiß aber auch: Frauen sind heutzutage wesentlich mehr gefordert, vor allem im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Rezept für Vitalität im Alter

Mit 90 Jahren stand die begeisterte Tennisspielerin noch auf dem Platz. Mit heute 97 Jahren ist sie noch selbst mit dem Auto unterwegs. Seit dem Tod ihres Mannes 1998 betreut sie die Liegenschaften der Familie und steht noch regelmäßig selbst im Büro. Doch was ist das Geheimnis ihrer Vitalität? Zum einen sei dies der Glaube an ihre Mitmenschen, denen sie immer freundlich begegne, erklärt sie. Möglichst wenig Streit und Zorn lautet die Devise. Zum anderen ist sie immer interessiert an neuen Dingen, denn „das hält frisch im Kopf“. Natürlich bringe das Alter auch Plagen mit sich und manche Dinge sind dann einfach nicht mehr möglich. „Ich merke, wenn ich etwas nicht mehr kann und ersetze es einfach mit etwas anderem anstatt dem nachzutrauern.“

Auch die jahrzehntelange Mitgliedschaft im Tennisclub brachte ihr sehr viel: „Es ist wichtig, mit jungen Leuten in Verbindung zu bleiben. Dadurch wird das Leben bunter und interessanter. Aber von selbst kommen sie nicht, man muss schon auf sie zugehen.“


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