Tabuthema Gewalt gegen Frauen: Sprechen wir darüber!
Gewalt gegen Frauen passiert. Psychisch und physisch. Eine junge Frau aus dem Bezirk Melk erzählte uns ihre Geschichte über Gewalt und Vergewaltigung. Wie sie damit umgeht und welche Rolle dabei das Frauenvolksbegehren und eine Smartphone-App spielen, lesen Sie im folgenden Artikel.

Die junge Frau, deren Name hier aus Gründen des Opferschutzes nicht genannt wird, strahlt Selbstbewusstsein und Lebensfreude aus. Nichts an ihr verrät das jahrelange Martyrium das sie erleben musste. Unbemerkt und mitten unter uns.
Vergewaltigung
In jungen Jahren hat sie ihren Partner kennen gelernt. Anfangs schien alles noch idyllisch, aber schon bald nach Beginn der Schwangerschaft fingen die Schläge an. Hatte die junge Frau kein Mittagessen gekocht, Kinderkleidung über das Konto des Mannes bezahlt oder mit guten Freunden und Bekannten telefoniert, reagierte ihr Lebensgefährte mit Gewalt. Aus Stoßen wurden Schläge und blaue Flecken. Die erste von vielen Vergewaltigungen geschah am Abend. Das gemeinsame Kind nur durch eine dünne Wand getrennt. Schreien unmöglich. Sie ertrug die Schmerzen. Die körperlichen und die seelischen. „Dass es eine richtige Vergewaltigung ist, habe ich am Anfang gar nicht mitbekommen. Weil ich mich nicht mit Händen und Füßen gewehrt habe. Weil das Kind im Nebenzimmer gelegen ist. Wegen dem Kind habe ich auch nicht geschrien. Ich habe zwar geweint und Nein! und Au! gesagt. Aber das war egal. Im Anschluss bin ich gleich baden gegangen. Da ist es mir erst gekommen: Du hast Schmerzen und blutest. Das war eine Vergewaltigung“, schildert die junge Frau den sexuellen Übergriff durch ihren Lebensgefährten. Aus Angst um ihr Kind wollte sie nicht ins Krankenhaus fahren.
Rückkehr
Tags darauf versuchte sie Unterschlupf zu finden. „Du bist so gut wie verheiratet und musst Sex mit deinem Mann haben“, war eine der Reaktionen von ihr sehr nahestehenden Personen, denen sie sich anvertraut hat. Sie kehrte wieder nach Hause zurück.
Keine Anzeige
Von einer Anzeige bei der Polizei sah sie ab. Die Exekutive hätte den Mann umgehend vorgeladen. Zu wenig Zeit um auszuziehen. Aus Angst um sich und ihr Kind hat sie diesen Schritt nicht gewagt. Die weiteren Vergewaltigungen durch ihren Lebensgefährten hat sie still ertragen. „Es war ihm einfach egal“, bricht der jungen Frau die Stimme. Erst die psychische Gewalt gegen die gemeinsame Tochter brachte die junge Frau dazu auszuziehen. Das kleine Mädchen wollte in eine Auseinandersetzung eingreifen und wurde von ihrem Vater mit den Worten:“ Geh sofort weg, sonst bring ich deine Mutter um“ davon abgehalten. Der Täter − in seinem Umfeld als liebenswerter Mensch wahrgenommen − wurde nie belangt. Da keine Beweise aufgenommen wurden, ist ein Verfahren aussichtslos. „Ich habe bislang fünf Frauen aus unserem Bezirk getroffen, die auch von ihrem Lebensgefährten oder Ehemännern vergewaltigt wurden“, sagt die junge Frau. Diese Männer leben unauffällig unter uns. Sie haben einen Freundeskreis, gehen einer geregelten Arbeit nach und haben keinen Migrationshintergrund. Gewalt gegen Frauen passiert auch in unserem Bezirk. Nicht nur irgendwo weit weg. In den Städten.
Studie
Von sexueller Gewalt sind hauptsächlich Frauen betroffen. Mütter, Schwestern und Töchter. Eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung aus dem Jahr 2011 zeigt: Nahezu jede dritte Frau hat Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Als häufigster Lebensbereich wurde die Partnerschaft angegeben und als häufigster Ort die eigene Wohnung.
Anlaufstellen-Schließung
Hilfe erhalten betroffene Frauen unter anderem von nichtstaatlichen Anlaufstellen. Ein Blick nach Oberösterreich lässt aber nichts Gutes ahnen. Dort hat das schwarz-blau geführte Bundesland drei Beratungsstellen für Frauen mit Gewalterfahrung geschlossen. Aus Kostengründen. Die Beratungsstellen bekamen zusammen 60.000 Euro Förderung pro Jahr.
Frauenvolksbegehren
Die Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens sehen das anders. Sie fordern neben Präventions- und Anlaufstellen auch einen rechtlichen Rahmen für die Finanzierung ebendieser Einrichtungen. Derzeit ist es ohne viel Aufwand möglich, eine Beratungsstelle durch Streichung von Förderungen stillzulegen. Dagegen tritt unter anderem das Frauenvolksbegehren ein. Lena Jäger, Projektleiterin des Frauenvolksbegehrens, zählt dazu auch eine Beratungsstelle für Melk, die niederschwellige Hilfs- und Präventionsarbeit leisten soll. Unter Prävention versteht sie nicht nur die Sensibilisierung für Gewalt an Frauen, sondern auch Arbeit an Schulen und die Schulung von Polizisten. Ab 12. Februar kann das Frauenvolksbegehren auf jedem Gemeindeamt unterstützt werden. Kommen die bundesweit cirka 8000 Unterstützungserklärungen zusammen, kann noch in der ersten Jahreshälfte abgestimmt werden.
Fem:Help
Die Dokumentation von Vergewaltigung und Gewalt ist schwierig. Muss doch erst die Hürde überwunden werden, überhaupt Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Je traumatisierender das Ereignis, desto höher ist im Regelfall die Hemmung. Auch weil es von Behörden noch Vorbehalte gibt, Delikte wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung aufzunehmen. Wenn sich Frauen dann entschließen, etwas zu tun, sind sie oft in der unglücklichen Lage, die Beweise nicht liefern zu können. Eine Rötung geht vorbei, eine Kratzspur verschwindet“, führt der Psychologe John Haas aus. Der Melker entwickelte die Smartphone-App Fem:Help. Sie enthält neben Informationen zu Mobbing und Stalking auch Notrufnummern und ein Werkzeug, um Zeit, Ort und Verletzungen zu dokumentieren. „Außerdem haben Betroffene die Möglichkeit, das Geschehene besser zu reflektieren und können sich überlegen, was sie mit dem Erfassten machen“, erklärt John Haas. Die Daten werden verschlüsselt und sind nur mit Hilfe eines vorher festgelegten Zugangscodes auszulesen. Außerdem werden sie verschlüsselt auf einen Server übertragen und stehen so auch bei Verlust des Smartphones zur Verfügung. „Die App soll dazu dienen, Menschen − vornehmlich Frauen − in Notsituationen eine wesentliche Hilfe zu sein“, so der Entwickler des Konzeptes der App.
Tabu
Die junge Frau wollte ihre Geschichte erzählen. Um ein Bewusstsein für ein Thema zu schaffen, das von der Gesellschaft tabuisiert wird. Nach der #metoo-Debatte ist es an der Zeit etwas dagegen zu tun. Sei es indem man Stellung zum Frauenvolksbegehren bezieht oder psychische, physische und sexuelle Gewalt gegen Frauen öffentlich diskutiert. Nicht nur online, sondern auch im Bezirk Melk. Am Küchentisch, im Wirtshaus, auf der Baustelle oder im Büro.


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