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Melk/Zentralafrikanische Republik. Der Melker Reinhard Lassner kam im Herbst von einem neuerlichen Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ zurück. Erst jetzt kann er über seine Erfahrungen und Eindrücke in der Zentralafrikanischen Republik sprechen. Denn diesen Einsatz bezahlte der Melker beinahe mit dem Leben.

Reinhard Lassner verbrachte sechs Monate in der Zentralafrikanischen Republik.
Reinhard Lassner verbrachte sechs Monate in der Zentralafrikanischen Republik.

2014 berichtete Tips bereits über Reinhard Lassners unermüdlichen Einsatz in den ärmsten Regionen der Welt. Damals verbrachte er Monate im Kongo. Nun kam der ehemalige Vertriebsleiter einer Bank erneut zurück und schilderte seine eindrucksvollen Erfahrungen in Afrika. Die Zentralafrikanische Republik zählt mit etwa 4,5 Millionen Einwohner zu einem der ärmsten Länder der Welt. In der ehemaligen französischen Kolonie brach 2013/2014 der Bürgerkrieg aus. Nach einer Beruhigung im Jahr 2015 herrscht nun erneut Gewalt, wodurch auch die halbe Mannschaft während seines Aufenthaltes evakuiert werden musste. Der Melker war als Finanzkoordinator und Administrator für MSF France (Medicines Sans Frontieres – Ärzte ohne Grenzen) tätig. „Während der Mission war es relativ ruhig und sicher in Bangui, dennoch durfte man sich nur mit dem Auto fortbewegen. An ein Spazierengehen zu Fuß war nicht zu denken. Zudem konnten wir nur ausgewählte Märkte und Restaurants besuchen“, so der Melker über das Leben in der Zentralafrikanischen Republik und führt weiter aus: „Ich war unter anderem als Administrator in einem Spital tätig. Das Krankenhaus hat aber absolut nichts mit unseren Vorstellungen eines Spitals zu tun. Es gab zum Beispiel keine Spitalsküche, die Patienten werden dort von ihren Angehörigen versorgt, die im Hof und auf der Straße wohnten und kochten.

Eskalation der Gewalt

An den 26. September wird sich Reinhard Lassner immer erinnern, denn dieser Tag war vorerst der negative Höhepunkt seiner Mission. „Es sollte eigentlich ein fröhlicher Tag mit einem kleinen Abschiedsfest werden, denn wir verabschiedeten unseren Projektleiter. Aber schon morgens wurden die ersten Verletzten in unsere Notaufnahme verbracht. Und der Zustrom wollte einfach nicht abreißen. Grund dafür war, dass ein Muslime geköpft in einem Haus aufgefunden wurde. Es folgte ein Rachefeldzug der Muslimen in einem christlichen Stadtviertel. Nach einem Tag verzeichneten wir 21 Tote und etwa 100 Verletzte. Die Situation wurde zunehmend angespannt; es wurde eine Ausgangssperre verhängt. An ein Fest war nicht mehr zu denken“, erinnert sich der Niederösterreicher. Und auch der nächste Tag war von Anspannung und Aufnahme neuer Verletzter geprägt. „Diese entsetzliche Gewalt war unvorstellbar. Wir hatten Verletzte mit Stich- und Hiebverletzungen durch Messer und Macheten, Bauchschüsse und einen Patienten mit verbranntem Leib und gespaltenem Kopf. Die Verletzten wurden schon am Gang auf Matten versorgt, überall war Blut. Ich habe noch nie so viele Verwundete auf einmal gesehen“, so Lassner. Tags darauf wurde die Evakuierung der Mitarbeiter beschlossen. Nach einer Autofahrt durch eine fast leere Stadt erfolgte die Übersetzung mittels Holzboot in den Kongo. Von dort wurden die Helfer mittels Flugzeug des Roten Kreuzes nach Kinshasa und mit einem Anschlussflug nach Paris geflogen. „In Paris angekommen genoss ich zuallererst eine heiße Dusche und ein Frühstück. Danach besprach ich mit meiner Poolmanagerin mögliche Einsätze. Es war nicht klar, ob ich nach Bangui zurückkehren werde, wenn sich die Lage beruhigt hat oder ich eben eine neue Mission antreten soll. Auch eine kurze Mission über die Wintermonate wäre eine Option gewesen. Doch bevor ich mich entscheiden konnte, kam auch das Angebot, dass ich im Wiener Büro von Ärzte ohne Grenzen eine Urlaubsvertretung machen kann. Und so flog ich sofort von Paris nach Wien, wo ich übrigens Bundespräsident Heinz Fischer getroffen habe und mit ihm plaudern konnte“, so der Engagierte.

Tödliche Krankheit im Gepäck

Doch dann kam alles anders. Elf Tage nachdem der Melker wieder in Österreich war, brach bei ihm die gefährliche Malaria Tropica aus. „Offensichtlich bin ich bei der Evakuierung im Kongo gestochen worden, es gab ja keine Moskitonetze. Leider ist bis zur Diagnose viel Zeit verloren gegangen. Nach der Einlieferung ins Klinikum St. Pölten wurde ich in die Intensivstation des Tropeninstituts im Kaiser Franz Josef Spital in Wien überstellt. Dort verbrachte ich zehn Tage auf der Intensivstation. Mein Zustand war sehr kritisch, ich hatte bereits Nierenversagen und brauchte mehrere Wochen um wieder gesund zu werden. Nun befinde ich mich am Weg der Regeneration.

„Bereue absolut nichts“

Obwohl Lassner seinen Einsatz fast mit seinem eigenen Leben bezahlte, blickt er auf die Zeit in Afrika gerne zurück und zieht nüchtern Bilanz: „Trotz der Gewalt wird das Leben in der Zentralafrikanischen Republik weitergehen; früher oder später wird es auch die schon lange angekündigten Wahlen für eine neue Regierung geben. Dann kann eines Tages der Weg zurück in die Normalität beschritten werden. Ich konnte mich generell in Afrika an die einfachen Lebensbedingungen sehr gut anpassen und fühlte mich in Afrika wesentlich glücklicher als mit all dem Überfluss zu Hause. Es ist für mich vielmehr befremdend in der U-Bahn oder im Zug zu sitzen und die Menschen zu beobachten, die sich mit ihren Laptops, Smartphones und Ohrstöpsel total abschotten und nicht mehr in der Realität präsent sind. Wie Henning Mankell bereits sagte „In Afrika finden wir Europäer noch das, was wir bei uns längst verloren haben“; dieses Zitat ist auch für mich absolut stimmig. Leider endete dieser Einsatz ganz anders als erwartet, ich gönne mir nun die Auszeit und die Phase der Regeneration. Daher ist es noch offen, ob und wann der nächste Einsatz erfolgt.“


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