Einmal Karibik und zurück, um die Freiheit zu feiern
NICARAGUA/OÖ/NÖ. „Eines Tages werden wir siegen. Und wenn ich es nicht mehr erlebe, kommen die Ameisen zu mir unter die Erde und werden es mir erzählen.“ Das soll der 1934 ermordete nicaraguanischen Volksheld und Freiheitskämpfer Sandino einst zu den Bauern seines Landes gesagt haben. Tips begleitete die entwicklungspolitische Organisation „Sei so frei“ nach Nicaragua. Ein Sieg, wenn man so will, konnte dort gefeiert werden. Sandino hat es unter der Erde vielleicht schon gehört.

Am Wawa-Fluss ist nach einer Stunde Autofahrt erst einmal Halt. Es gibt kein Weiter. An der alten rostigen Autofähre ist ein Stahlträger gebrochen. Am Himmel geben Sonne und Regen ein Wechselspiel und machen die Luft heiß und dampfig, während Fährenmitarbeiter Schweißgeräte herbeischaffen. Immer mehr Menschen und Fahrzeuge sammeln sich auf der von Holzhütten gesäumten roten Erdstraße. Schnell ist klar: Das kann länger dauern. Mitten unter den am Wawa-Fluss Gestrandeten: Franz Hehenberger und Elisabeth Tanzer. „Abenteuer muss man nicht suchen, sie kommen von selbst“, hatte Hehenberger tags zuvor noch gesagt. Er weiß, wovon er spricht. Immerhin ist der Jurist seit 27 Jahren als Geschäftsführer von „Sei so frei“ – die entwicklungspolitische Organisation der Katholischen Männerbewegung in Oberösterreich – in der Welt unterwegs. Die Abenteuerlust ist es aber nicht, die Hehenberger gemeinsam mit Tanzer zum Warten an den Wawa-Fluss geführt hat, vielmehr ist es ein Wagnis, das er mit Sei so frei in den 1990er Jahren auf sich genommen hat. Denn damals wurde der Wunsch nach einer Universität laut. Und das ausgerechnet in einer der ärmsten Gegenden Lateinamerikas, in der fernab von der Hauptstadt Managua gelegenen Karibikregion Nicaraguas. Viele NGOs wollten diesen Wunsch ob der prekären Lage damals nicht hören. Sei so frei aber hatte ein Ohr, nahm das Risiko und investierte Geld. 1994 war es schließlich so weit: Die Atlantikuniversität URACCAN (Universidad de las regiones autonomas de la costa caribe nicaragüense) wurde zum Leben erweckt und mit ihr die gesamte Region. Denn erstmals bekam die lang vergessene Landbevölkerung an der Karibikküste – viele der Menschen dort sind Indigene oder Nachfahren afrikanischer Sklaven – die Chance auf eine Hochschulausbildung.
Ein Paradebeispiel
25 Jahre, 10.000 Absolventen und neun Standorte später können Hehenberger und Sei so frei-Mitarbeiterin Tanzer das Erfolgsprojekt URACCAN feiern und gemeinsam mit Gratulanten aus ganz Lateinamerika das 25-Jahr-Jubiläum in der Küstenstadt Bilwi begehen. „Mein Herz ist stolz“, zeigte sich dort Hehenberger in seiner Festrede bewegt. „Das hier ist ein Leuchtturmprojekt. Bildung steigert den Selbstwert, ermöglicht Überwindung von Armut aus eigener Kraft, ein Leben in Würde und Freiheit“, betonte der Rohrbacher, der von URACCAN-Rektorin Alta Hooker Blandford eine Ehrenurkunde überreicht bekam. Seit zehn Jahren steht die Universität mittlerweile als staatlich anerkannte Bildungsinstitution auf eigenen Beinen. Damit ist sie ein Paradebeispiel erfolgreicher entwicklungspolitischer Zusammenarbeit.
Von der Tochter lernen
Das Ende von Sei so frei in Nicaragua – das Land war erst 2018 wieder von einem Bürgerkrieg gebeutelt worden – war das aber nicht. „URACCAN ist vom Projekt zum Projektpartner geworden“, erklärt Hehenberger und verweist auf das 2017 initiierte landwirtschaftliche Ausbildungsprogramm. Denn in Kooperation mit der Atlantikuniversität bildet die oberösterreichische Organisation mit einjährigen Praxislehrgängen nun junge Landwirte aus. Eine der ersten Absolventen war Kakaobäuerin Neylin Orozco. Die 20-Jährige schupft nun gemeinsam mit ihrer Familie eine 1,5 Hektar große Bio-Kakao-Landwirtschaft. „Ich möchte mich später mit anderen Kakaobauern zusammentun und die Bohnen selbst fermentieren“, blickt Neylin hoffnungsvoll in die Zukunft. Das Wissen, das sie in ihrer Ausbildung erworben hat, gibt sie nun ihrer Familie weiter. „Ich hole mir jetzt immer wieder Ratschläge von meiner Tochter“, gesteht der Vater der jungen Bäuerin lächelnd. „Es geht darum, den Menschen am Land eine Perspektive zu geben, damit sie nicht in die Städte flüchten, wo das erhoffte bessere Leben meist nicht wartet. Dafür braucht es nachhaltige Projekte wie diese“, macht die Sei so Frei-Mitarbeiterin Tanzer aufmerksam.
Wenn wir Frieden wollen
„Armut wird oft mit Dummheit gleichgesetzt. Das ist fies und gemein. Armut hat nichts mit Intelligenz zu tun. Wir wollen, dass sich die Menschen dank Bildungsmaßnahmen ihre Rechte selbst erkämpfen“, erklärt Hehenberger die Notwendigkeit von Projekten wie URACCAN. Er sieht auch Österreich und Europa in der Pflicht: „Wenn wir in 30 Jahren noch in Frieden leben wollen, dann braucht es Veränderungen. Zäune werden da nicht helfen. Und auch NGOs werden die Welt alleine nicht retten können. Es ist ein engerer Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und NGOs notwendig.“ Das 25-Jahr-Jubiläum der Atlantikuniversität sei einer seiner „emotionalsten Höhepunkte“ seit Anbeginn seiner Tätigkeit für Sei so frei gewesen, gesteht der Rohrbacher auf der Rückreise von Bilwi am Wawa Fluss wartend. „Meine Arbeit gibt mir die Chance, am allerhöchsten Gut – dem Leben – Hand anzulegen. Das macht mich schon sehr demütig“, merkt er noch an, bevor sich die Fähre nach fünf Stunden endlich wieder in Bewegung setzt.


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