„Auf das Thema Missbrauch kann man nicht sensibel genug sein“
MOLLN. Wie zwei Freundinnen, die als Mädchen im Internat missbraucht wurden, als Erwachsene damit umgehen, darüber schreibt Christoph Hackl in seinem Buch „Gemeinsam Allein – Kleines Drama“, das Ende November erschienen ist. Der 33-Jährige arbeitet und wohnt in Wien, besucht aber noch oft seinen Heimatort Molln.

Tips:Was bedeutet Molln für Sie?
Christoph Hackl: Ich bin sehr oft in Molln, meine Familie wohnt nach wie vor hier. Seit 1995 bin ich beim Musikverein Molln, der Freundeskreis dort ist mir sehr wichtig. Wien ist auch schön und hat viele Reize. Wenn man aber vom Land kommt, ist man gerne in der Natur. Molln ist meine Heimat.
Tips:Wie sind Sie dazu gekommen, ein Buch zu schreiben?
Hackl: Mein Büroalltag besteht sehr viel aus Zahlen. Am Wochenende und am Abend, wenn ich entspannen will, ist das für mich die kreative Alternativbeschäftigung. Eine Geschichte zu erfinden ist Tagträumerei. Durch Kreativität reift sie im Kopf heran.
Tips:Was finden Sie am Schreiben eines Buches faszinierend?
Hackl: Die Faszination für mich sind die verschiedenen Phasen, in denen ein Buch entsteht. Es ist nicht nur das Schreiben, sondern es passiert schon ganz viel davor, wie Kapitel zu formen und einen Handlungsbogen aufzubauen. Und dann ist es die Beschäftigung des Schreibens und in Worten gießen.
Tips:Das Thema Missbrauch ist relativ heikel. Warum haben Sie sich damit beschäftigt?
Hackl: Ab 2010/2011 sind österreichweit viele Untersuchungen zu diesem Thema ins Rollen gekommen und es ist sehr präsent gewesen. Ich habe mich in dieser Zeit beruflich verändert. Ich war drei Monate zu Hause. In dieser Zeit hat mich das Thema beschäftigt. Inspiration bedeutet für mich, dass mich ein Thema so intensiv beschäftigt, dass ich mir eine Geschichte dazu überlegen will.
Tips:Warum haben Sie als Hauptcharakter Frauen gewählt?
Hackl: Erstens wollte ich keinen männlichen Charakter wählen, damit nicht die Frage aufkommt, ob die Geschichte etwas mit mir zu tun hat. Nur das Internat ist für mich etwas Bekanntes. Mit 13 Jahren bin ich in ein Internat in der Tourismusschule in Bad Ischl gekommen. Das war eine sehr fröhliche Zeit für mich. Ich habe dort nichts Schlimmes erlebt, sondern im Gegenteil, es war für mich eine sehr schöne Erfahrung. Man wird extrem schnell selbständig. Im Gegensatz zu dem, was im Buch passiert, ist das etwas, das mich positiv geprägt hat. Zweitens ist es herausfordernder, sich in jemanden hineinzuversetzen, der man nicht selbst ist und so seine eigenen Empfindungen und Betrachtungen nicht rein schreiben kann. Es war spannend, mich hineinzuversetzen, was wäre, wenn mir das passiert, wie fühlt sich das an, wie kann man entkommen und wenn man dem nicht entkommen kann, wie geht das Leben später weiter. Ähnlichkeiten mit echten Personen sind jedoch rein zufällig.
Tips:Was hat Sie an diesem Thema besonders berührt?
Hackl: Das Schlimme ist diese Ohnmacht, die der Betroffene empfinden muss, zu wissen, so etwas Ähnliches wird wieder passieren und man kann sich nicht wehren. Das ist ein schwieriges Thema und ich glaube auch, dass es nicht jedem gefallen wird, wie ich das geschrieben habe. Aber der Beginn für mich war die Auseinandersetzung mit dieser Ohnmacht. Wie kann man sein Leben dann trotzdem weiterleben ohne dass alles den Bach runter geht?
Tips:Wie sind Sie an dieses Thema herangegangen?
Hackl: Ich habe mit einer betroffenen Frau, mit einer Therapeutin und mit meiner Schwester, die im Sozialbereich tätig ist, gesprochen. Solche Gespräche geben einen Einblick. Man entwickelt ein Verständnis für gewisse Verhaltensweisen dieser Menschen, die sich eventuell darauf begründen lassen, dass er oder sie so etwas erfahren hat.
Tips:Wie hat Sie die Auseinandersetzung mit dem Thema geprägt?
Hackl: Solche Dinge sind nicht abgeschlossen. Menschen, die so etwas erfahren haben, kämpfen das ganze Leben damit. Mich hat es sensibler gemacht hinzuhören und für jemanden da zu sein. Auf dieses Thema kann man nicht sensibel genug sein, weil diese Gewalt, die den Menschen angetan wird, nach wie vor passiert.
Tips:Wie ist das Gefühl, wenn man das fertige Werk in den Händen hält?
Hackl: Es ist schon ein cooles Gefühl. Mich hat die Reaktion meiner Eltern und Geschwister besonders stolz gemacht. Sie haben nicht gewusst, dass ich ein Buch schreibe. Als sie es zu Weihnachten ausgepackt haben, wollten sie sofort eine persönliche Widmung haben. Für mich war es etwas, wo ich das Gefühl hatte, da möchte ich etwas aufarbeiten, da möchte ich meine Zeit investieren, es hat mir auch Spaß gemacht. Hat mich stolz gemacht, dass die anderen die Leistung dahinter beeindruckte. Ich strebe nicht an, das Schreiben zu meinem Hauptberuf zu machen, weil dann kommt erst der Druck. Ich habe nicht den Anspruch ein Erfolgsautor zu sein, sondern ich habe das gemacht und möchte das auch weiter machen weil es mir Spaß macht. Und wenn jemand mein Buch kaufen will, dann ist das für mich ein Feedback, dass das, was ich geschrieben habe, nicht nur ein Hirngespinst ist, sondern es sich auch lesen lässt.
Tips:Hast du schon Rückmeldungen bekommen?
Hackl: Im Moment sind sie sehr positiv. Vor der Veröffentlichung habe ich auch einige Leute Probelesen gelassen. Aufgrund dieser Reaktionen habe ich manche Kapitel noch etwas angepasst. Es geht im Buch auch darum, wie die rund 40-jährigen Damen das Leben jetzt bewältigen. Diese Darstellung gefällt den Lesern besonders gut.
Tips:Wollen Sie noch ein Buch schreiben?
Hackl: Ja. Es soll sich zwar wieder mit Menschen und mit unserer Gesellschaft auseinandersetzen, aber mit einem ganz anderen Zugang. Dass es keinen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus – zwischen reiner Profitorientierung und reiner Staatszugehörigkeit – gibt, das ist für mich ein ganz interessantes Thema. Es kann nicht jedem gut gehen, so wie wir uns entwickeln und das ist halt das Schwierige. Es soll aber keine rein politische Auseinandersetzung sein, also schon eine spannende Geschichte werden. Ich habe aber noch nicht zu schreiben begonnen.
Inhalt
Isabell und Victoria haben die gleiche verstörende Vergangenheit: das Schulinternat und seine Erzieher. Beste Freundinnen, denen das Gleiche angetan wurde, deren Leben dennoch nicht unterschiedlicher sein könnten. Doch nun kann Isabell die Augen nicht länger verschließen. Sie muss herausfinden, ob da wirklich etwas läuft zwischen ihrer besten Freundin und ihrem Mann. Doch um die Zukunft zu bewältigen, muss sie sich erst der Vergangenheit stellen.
Das Buch ist als E-Book und im Online-Handel als Taschenbuch bestellbar. Es ist auch im Gemeindeamt Molln erhältlich.
Zur Person
Christoph Hackl ist am 11. Oktober 1982 in Kirchdorf/Krems geboren, in Molln aufgewachsen und dort in die Volks- und Hauptschule gegangen. Er hat die Ausbildung zum Touristikkaufmann an der Tourismusschule in Bad Ischl absolviert. Nach dem Bundesheer hat Hackl an der Fachhochschule in Wien Tourismusmanagement studiert. Seither ist er in Wien berufstätig. Ab Februar ist er kaufmännischer Leiter bei einem Reiseveranstalter.


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