Zukunftsprojekt Gesundheitsregion Perg: „Wir brauchen eine bessere Vernetzung“
PERG. In Kooperation mit der Fachhochschule OÖ haben Prof. Erika Zelko und Florian Stummer vom Institut für Allgemeinmedizin an der JKU Linz eine Studie zur Primärversorgung in Perg durchgeführt. Tips hat den Perger Florian Stummer, Forschungskoordinator für Allgemeinmedizin an der JKU, dazu befragt.

Tips: Was war das Grundinteresse der Studie?
Stummer: Die Hauptthemen beschäftigten sich mit den Bereichen: Umwelt und Region Perg, medizinische Versorgung, Patienten und ihr Umfeld, Organisation und Abläufe in der Gesundheitsversorgung sowie der Kommunikation in Gesundheitsberufsgruppen.
Tips:Wie viele Perger wurden dabei befragt und wie wurde die Studie angelegt?
Stummer: Es wurden zuerst sieben Experteninterviews mit Bürgern durchgeführt, die mit dem Gesundheitswesen seit langen Jahren eng verbunden sind und im Alltag Erfahrungen haben. In diesen Interviews traten jene Themen zu Tage, die im zweiten Schritt in Form eines Fragebogens an die Bürger verteilt wurden. Sprich: Die Experten fassten die Themen zusammen und die Bürger (gesamt waren es 287) bestätigten sie. Durch diese Herangehensweise erhielten die Bürger die Chance, die Überlegungen der Experten zu bestätigen oder zu verwerfen.
Tips: In der Vergangenheit war es oft schwierig, Hausarztstellen im ländlichen Raum zu besetzen?
Stummer: Der Beruf des Allgemeinmediziners wurde lange stiefmütterlich behandelt. Keine klaren Ausbildungsrichtlinien oder Standardisierung, keine Facharztstellung und die Herausforderungen, als Einzelkämpfer Arzt und Geschäftsführer gleichzeitig zu sein. Zudem führt der demografische Wandel dazu, dass ab 2025 über 50 Prozent aller Hausärzte in Pension gehen werden. Der Beruf ist sehr attraktiv, die Voraussetzungen müssen natürlich dafür stimmen, besonders da immer mehr Frauen in der Medizin zu finden sind.
Tips: Mit Jahreswechsel soll in Perg eine Primärversorgungseinrichtung starten. Was versteht man genau darunter?
Stummer: Versorgungsmodelle wie Primärversorgungseinheiten mit Gesundheitsregionen ermöglichen eine wohnort- und zeitnahe Versorgung auf hohem Niveau bei weniger personellen Ressourcen. Sie sind weltweit ein Standard. Das klassische Modell umfasst ein Gebäude, in dem sich neben Ärzten auch noch andere Gesundheitsberufe finden. Physiotherapeuten, Diätologen, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, Hebammen etc. Dadurch werden lange Wartezeiten vermieden. In Österreich fangen wir jetzt erst an, diese Art der Versorgung zu implementieren. Das sorgt natürlich für Ängste. Tatsache ist aber, dass uns eine Unterversorgung mehr Sorgen machen muss als etwas Neues.
Tips: Diese PVE soll der Startschuss für ein weiterführendes Projekt „Gesundheitsregion Perg“ sein? Wohin soll sich Perg entwickeln?
Stummer: Eine Gesundheitsregion ist die bessere Vernetzung vorhandener Strukturen. Das gilt nicht nur für die reale Welt, sondern auch für die digitale Vernetzung. Abläufe, die digital erledigt werden können, lassen mehr Zeit für Gespräche und Behandlungen. Ziel ist es, in Perg eine unabhängige Stärkung der Vernetzung zu entwickeln, die auch digital abgebildet werden kann. Ein Beispiel wäre dafür in einigen Jahren eine Gesundheitsregion-App, in der alle Angebote der Gesundheitsanbieter zusammengeführt werden sollen. Nutzer können Arztbriefe, Medikamente oder Termine damit selbst verwalten.
Tips: In der Studie wurde auch das Thema „psychische Belastung bei 14- bis 19-Jährigen“ angefragt. Was ist dabei herausgekommen?
Stummer: Das war eine sehr spannende Sache. Gemeinhin wurde in der internationalen Forschung angenommen, dass alle Jugendlichen in irgendeiner Form Beeinträchtigungen in ihrer psychischen Gesundheit erfahren mussten. In Perg zeigte sich aber, dass es einen gewissen Prozentsatz an Jugendlichen gibt, die kaum Probleme hatten. Wir fragen uns nun: Wie haben die das gemacht? Und was können wir daraus lernen, um jenen, denen es nicht so gut ging, helfen zu können? Wir müssen den Jungen zuhören.
Tips: Sie werden diese Studie beim WONCA Kongress in Muscat (Oman) präsentieren und diskutieren. Was erwarten Sie sich davon?
Stummer: Ich erwarte mir den fachlichen Austausch mit Hausärzten aus anderen Ländern und Kulturen wie ihre Jugendlichen mit der Pandemiesituation umgegangen sind, welche Projekte oder Programme helfen können jenen, denen es schlecht ging, neue Perspektiven zu eröffnen, aber auch die Vernetzung um Perg auf das internationale Parkett der Allgemeinmedizinforschung einen Platz zu verschaffen. Tips:Abschließend: Sie sind selbst Perger? Wie sollte sich aus Ihrer Expertensicht, die Gesundheitsversorgung in Perg aber auch in anderen ländlichen Regionen hinentwickeln? Was braucht es, damit eine adäquate Versorgung sichergestellt ist, die auch finanzierbar ist und auch personell besetzbar ist?
Stummer: Meine Familie ist seit drei Generationen in Perg verwurzelt. Ich selbst habe meine Jugend in Perg verbracht und 1997 am BORG Perg maturiert. Der „Perger Spirit“ hat mich auf meinem Lebensweg nie verlassen. Wenn woanders gesagt wird: „Warum?“ heißt es in Perg: „Warum net?“ Das ist lebensbejahende Geisteshaltung die den Mut schafft Dinge zu verändern. Mir ist es wichtig, dass bereits jetzt junge Perger Bürger ermöglicht wird, aktiv an der Zukunft mitzugestalten, die auf uns zukommt. Frei nach dem Motto: „Neues und Altes bewahren.“ Perg ist ein wunderbares Pflaster für Jung und Alt, was einerseits den vielen Schulen und andererseits der liberalen Lebensart geschuldet ist. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Es braucht in jedem Fall schon eine ganz frühe Unterstützung jener Jugendlichen, die sich für einen Gesundheitsberuf begeistern. Dazu muss man auch selbst mit anpacken und auf die Jungen zugehen, will man einmal von ihnen versorgt werden. Verantwortung übernehmen. Ein sehr spannende Projekt ist aktuell das Wahlfach „Medizinischer Alltag“ wo Evelin Heigl versucht, Schülern einen Einblick in die Medizin zu ermöglichen. Das ist ein Projekt, das ich gerne unterstütze. Das PVE Perg wird als Ausbildungs- und Forschungszentrum gerade für diese Schüler ein wichtiger Bezugspunkt für ihre weitere Karriereplanung sein.


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