Künstlerisch wird aufgezeigt, worüber lange nicht geredet wurde
KATSDORF. Ansprechen, worüber lange geschwiegen wurde. Dieser Aufgabe hat man sich im Rahmen des Festivals der Regionen gestellt und die Geschichte des KZ-Nebenlagers Gusen III am Areal des Lungitzer Bahnhofs künstlerisch aufgearbeitet.

Der Katsdorfer Leo Reichl ist im Jahr 1943 zehn Jahre alt, als er beobachtet, wie ausgehungerte KZ-Gefangene brutal behandelt werden. Er will helfen und versteckt in einem Kanalrohr Äpfel für die Häftlinge, die diese auch finden und nehmen wollen. Als die Aufseher dies sehen, werden die Gefangenen angeschrien und erneut gedemütigt. Ein Erlebnis, das Reichl tief erschüttert. Später hält er seine Erinnerungen schriftlich für die Nachwelt fest.
Zeitzeugen-Bericht von Leo Reichl mittels Projekt mit Bäckerlehrlingen in die Gegenwart transferiert
Diese Überlieferung ist eine von vielen, die Künstlerinnen und Künstler im Rahmen des Festivals der Regionen (23. 6. bis 2. 7.), das sich heuer entlang zahlreicher Stationen der Summerauer-Bahn abspielt, aufgegriffen haben.
Künstlerin Johanna Tinzl nahm Reichls Erinnerung sowie die Tatsache, dass sich eine Großbäckerei auf dem KZ-Areal Lungitz/Gusen III befunden hatte, zum Anlass, um ein Projekt mit der Berufsschule 10 in Linz zu starten. Im Zuge dieser Zusammenarbeit wurde Gebäck in Form eines Apfels, in Form von Bahngleisen sowie in Darstellung eines singenden Mundes erzeugt. Diese Bäckereiwaren wurden beim Festival der Regionen an die Passanten am Bahnhof Lungitz verschenkt. Der singende Mund soll die historische Tatsache symbolisieren, dass die KZ-Häftlinge auf ihren Märschen von Gusen ins Lungitzer Lager Gusen III (welches sie selbst aufbauen mussten) stets zum Singen fröhlicher Lieder gezwungen worden waren, um in der Bevölkerung den Anschein zu erwecken, dass es ihnen ja nicht so schlecht gehen könne. Ein abscheuliches Detail dessen, was den Gefangenen – besonders auch in psychischer Hinsicht – angetan worden war.
Viele Ausstellungsbesucher aus der Region
Seit 23. Juni bis morgen ist der gesamte Bahnhof, der demnächst abgerissen werden soll, sowie das umliegende Areal auf dem sich Gusen III befunden hatte, Ausstellungsort. Am Freitag waren alle Künstlerinnen und Künstler persönlich anwesend, um sich den Fragen der Besucher – unter denen auch viele Interessierte aus der Region waren – zu stellen.
Lobende Worte für das Projekt, aber zugleich auch mahnende fand die Vorsitzende des Gedenkdienstkomitees Gusen Martha Gammer: „Die Geschichte von Gusen III muss endlich umfassend aufgearbeitet werden. Viel zu lange wurde hier alles unter den Teppich gekehrt.“
Den Menschen mitteilen, was in Lungitz/Gusen III passiert ist
Auch der Historiker Andreas Haider, dessen Vater am Areal des Lungitzer Bahnhofs aufgewachsen war, beteiligte sich an dem Projekt, führte Führungen durch und erläuterte den Ausstellungsbesuchern die historischen Zusammenhänge. „Es ist mir ein Anliegen, dass die Menschen erfahren, was hier passiert ist. Ich nehme auch immer mehr Offenheit seitens der Bevölkerung dafür wahr“, sagte Haider.
„Etwas Dauerhaftes im Sinn der Erinnerungskultur in Lungitz schaffen“
Von den Projektverantwortlichen wurde erstmals auch ein großer Lageplan erstellt, in dem sichtbar gemacht wurde, wo sich welche Teile des Lagers Gusen III (samt gleichzeitiger Darstellung der umliegenden Umgebung) befunden hatten. „Es wäre sehr wichtig, dass die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler nun fortgeführt und hier im Sinne der Erinnerungskultur etwas Dauerhaftes geschaffen wird“, betonte Andrea Wahl, Geschäftsführerin der Bewusstseinsregion Mauthausen-Gusen-St. Georgen.
Das gesamte Programm des Festivals der Regionen findet man unter www.fdr.at


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