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Social Media: „Das dauernde Vergleichen kann krank machen“

Leserartikel Gerlinde Riegler-Aspelmayr, 03.09.2024 10:38

SCHWERTBERG. Jugendliche verbringen heutzutage alarmierend viel Zeit auf Instagram, TikTok, Snapchat und Co. Die 18-jährige Schwertbergerin Gracia Pfeiffer hat die sozialen Medien bewusst aus ihrem Leben verbannt. Was sie dazu bewogen hat, wie es ihr danach ging und warum sie einen Ausstieg oder eine Reduktion der Social Media-Zeit nur jedem wärmstens ans Herz legen kann, erzählt sie im Tips-Interview.

Gracia Pfeiffer (Foto: Gerlinde Riegler-Aspelmayr)
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Tips: Im Unterschied zum überwiegenden Teil deiner Gleichaltrigen lebst du seit drei Jahren ohne Instagram, Facebook, TikTok, Snapchat und Co. Wie kam es dazu?

Gracia Pfeiffer: Ich war noch nie ein großer Freund von Sozialen Medien, aber während Corona und der Zeit des ersten Lockdowns habe ich mir die Plattformen heruntergeladen, um mit meinen Freunden besser in Kontakt bleiben zu können. Anfangs gefiel es mir, so viel von den anderen zu erfahren und vernetzt zu sein. Doch mit jedem Monat, das verging, merkte ich negative Veränderungen bei mir.

Tips: Welche waren das?

Pfeiffer: Ich spürte, dass ich immer unzufriedener mit mir selbst wurde. Die Pubertät ist ja ohnehin eine Zeit vieler Selbstzweifel, aber der permanente Vergleich mit anderen hat mich immer mehr runtergezogen und fertig gemacht. Ständig haben andere viel tollere Sachen erlebt als ich – so schien es mir zumindest damals. Immer ist man mit Bildern konfrontiert, auf denen andere unglaublich toll, schlank und offenbar gut gelaunt aussehen. Ich dachte mir: Was läuft falsch bei mir? Warum bin ich nicht so wie die anderen? Grundsätzlich konnte ich mich immer schon gut so annehmen, wie ich war, aber durch die Social Media-Plattformen geriet bei mir einiges aus den Fugen. Ich merkte, wie sich eine Negativ-Spirale zu drehen begann, die mich immer mehr nach unten zog.

Tips: Wie gelang es dir, die Stopp-Taste zu drücken?

Pfeiffer: Das ständige Vergleichen und der Druck, auch etwas Tolles zu posten, hat mich fertig gemacht. Ich gelangte an einen Punkt, an dem ich mich selbst nur mehr mit kritischen Augen sah. Auch war mir klar geworden, dass Social Media eine riesengroße Zeitfress-Maschine ist. Vorher war ich sehr kreativ gewesen. Ich hatte gemalt, geschrieben und viel fotografiert. All diese Hobbys hatte ich komplett vernachlässigt. Mir wurde klar, dass ich nur zu meinem alten Ich zurückkommen könnte, wenn ich alle Sozialen Medien auf meinem Handy lösche und das tat ich auch.

Tips: Wie reagierten die anderen?

Pfeiffer: Erfreulicherweise habe ich nur Respekt und Anerkennung für diese Entscheidung bekommen. Viele sagten mir, dass sie meine Entscheidung bewundern, aber selbst nicht die Kraft dazu hätten. „The fear of missing out“ – also die Angst, nicht dazu zu gehören, ist ja nicht zu unterschätzen. Am ersten Tag fühlte ich tatsächlich eine gewisse Leere, weil ich nichts mehr von anderen erfahren habe und Bedenken hatte, nun eine Außenseiterin zu werden. Aber das hat sich sehr, sehr schnell gelegt. Ich habe die gewonnene Zeit wieder für meine Hobbys und reale soziale Kontakte genutzt und bin wieder viel zufriedener mit mir selbst geworden. Nun lebe ich schon seit drei Jahren ohne Instagram und Co und bin nach wie vor sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Freilich ist man gefordert, aktiv auf andere zuzugehen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Man muss von selbst Leute anrufen, Treffen vereinbaren oder sich nach Neuigkeiten erkundigen. Doch die Qualität dieser „echten“ Kontakte ist viel besser und ehrlicher als die Welt, die einem in den sozialen Medien oft vorgegaukelt wird.

Tips: Gibt es etwas, was du dennoch an Social Media vermisst?

Pfeiffer: Eigentlich nichts. Nur manchmal, wenn ich schöne Fotos mache, denke ich mir: Die würde ich jetzt gerne auch anderen zeigen. Aber dann sende ich die Fotos eben Freunden auf Whatsapp. Das direkte Feedback, das ich dann erhalte, ist sowieso meist viel ehrlicher gemeint als ein reflexartiges Like.

Jugend und Social Media
Die EU-Initiative Saferinternet.at untersucht jedes Jahr den Umgang von Jugendlichen mit sozialen Netzwerken. Einer repräsentativen Umfrage (bezogen auf das Jahr 2024) zufolge benutzen 71 % der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren Instagram. 65 % sind täglich auf TikTok und 61 % auf Snapchat. Die Jugendlichen verbringen oft mehrere Stunden täglich auf diesen Plattformen.

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