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Arbinger Helfer im ukrainischen Frontgebiet: "Ein wenig Normalität im Kriegsalltag schaffen"

Mag. Claudia Greindl, 25.09.2024 15:29

ARBING/UKRAINE. „Die Ukraine verliert durch den Krieg eine ganze Generation, eine Million Kinder hat seit 1.000 Tagen keinen normalen Schulunterricht mehr“, ist Heinz Wegerer erschüttert von den Erfahrungen seiner jüngsten Reise in die Ukraine. Der Arbinger koordiniert für die Nachbar in Not Organisation Hilfswerk International die Ukraine-Nothilfe.

Heinz Wegerer erlebt den Kriegsalltag hautnah mit. (Foto: Hilfswerk International)
  1 / 2   Heinz Wegerer erlebt den Kriegsalltag hautnah mit. (Foto: Hilfswerk International)

Besuche in Krisen- und Katastrophengebieten gehören für den 36-jährigen Arbinger zum Berufsalltag. Was er bei seinem jüngsten Besuch im Süden und Osten der Ukraine, in Nikopol und Kharkiv, nur zehn Kilometer von der Kriegsfront erlebt und gesehen hat, erschüttert aber auch den erfahrenen Nothilfe-Koordinator sehr. „Ich bin alle zwei, drei Monate in der Ukraine und besuche unsere Schutzräume, wo besonders Kinder und Jugendliche eine Auszeit vom Kriegsalltag und ein bisschen Normalität bekommen“, erzählt der Arbinger. Er macht sich bei diesen Besuchen ein Bild von der Situation und sieht sich als Brücke zwischen den Spendern und der vom Krieg besonders betroffenen Bevölkerung in der Ukraine. Beim Gespräch mit Tips ist Wegerer noch voll Adrenalin, wie berichtet. „Die Menschen leiden täglich unter Artilleriebeschuss und Luftalarm, sechs, sieben Mal jeden Tag, jede Nacht, die Menschen sind ständig angespannt, verfolgen die Flugbahn der Raketen am Handy und entscheiden dann, ob sie in Schutzräume flüchten.“

Resilienz ist angeschlagen

Vor allem alte Menschen und Frauen mit Kindern sind in der Frontregion verblieben. „Sie bemühen sich, einen möglichst normalen Alltag aufrechtzuerhalten, aber man merkt jetzt bereits, dass die Resilienz der Menschen stark angeschlagen ist“, sagt Heinz Wegerer. Wer jetzt noch in der Region ausharre, habe entweder keine finanziellen Mittel zur Flucht oder könne sein mühsam aufgebautes Leben, sein Haus, in das er sein bescheidenes Vermögen gesteckt habe, nicht einfach aufgeben. Dazu kommen Tausende Geflüchtete aus dem Kriegsgebiet, die ihre Heimat gerade so weit verlassen, wie es die Sicherheitslage erlaubt. „Unsere Aufgabe vom Hilfswerk International ist es, denen zu helfen, die bleiben wollen oder müssen.“ An fünf Standorten betreibt die Hilfsorganisation deshalb Schutzräume, in denen sich rund 60 ukrainische Mitarbeiter, großteils Psychologen und Pädagogen sowie Hilfspersonal, um Kinder kümmern und den Müttern eine kurze Auszeit vom Kriegsalltag verschaffen.

Wegerer: „Wir erreichen mit unseren Einrichtungen regelmäßig rund 50.000 Menschen.“ Die Kinder finden in diesen Stunden ein wenig Normalität, können spielen, basteln, zeichnen oder sporteln Angebote, die es sonst nirgendwo mehr gibt. Jugendliche können zum Teil Nachhilfe bekommen.

Die Rakete im Kinderzimmer

Was die schwer traumatisierten Mädchen und Buben, die zum Teil wegen des Krieges und zuvor wegen Corona noch nie eine Schule von innen gesehen haben, den Betreuern erzählen, geht auch Heinz Wegerer unter die Haut. „Wenn dir der achtjähriger Danylo aus Kharkiv ganz trocken erklärt, welche Art von Rakete in seinem Kinderzimmer eingeschlagen hat, während er bei den Großeltern zu Besuch war, dann ist das schon schwer zu verarbeiten. Mit einer Million Kinder im Frontgebiet, die in ständiger Angst leben, verliert die Ukraine eine ganze Generation.“ Die Mütter tragen eine besonders große Last. „Eine Frau mit zwei Teenagern hätte ohne Krieg schon genügend Sorgen.“

Aufgehört, Zukunft zu planen

Aber auch für die Helfer ist der Einsatz in den Schutzräumen oft schwer zu verkraften. „Sie haben ihre eigenen Sorgen, ihr eigenes Trauma zu bewältigen und sollen doch andere Menschen unterstützen.“ Im Gespräch mit Einheimischen erfährt Heinz Wegerer immer wieder, dass die Ungewissheit am meisten an den Menschen nagt. „Niemand weiß, wie lange der Krieg dauert, sie haben aufgehört, in die Zukunft zu schauen und planen nur noch Tag für Tag. Wir konzentrieren uns daher darauf, wie wir den Menschen jetzt konkret helfen können.“ Unterstützt werden kann das Hilfswerk International bei seiner Ukraine-Nothilfe mit Spenden.

INFOBOX:

Das Hilfswerk International ist eine österreichische Hilfsorganisation, die seit Kriegsbeginn humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung in der Ukraine leistet. Für rund eine Million Kinder im Gebiet der Frontlinie gibt es seit 24. Februar 2022 keinen normalen Schulbetrieb mehr. Seit fast 1.000 Tagen findet der Unterricht ausschließlich online statt, wenn dieser überhaupt möglich ist. Die Hilfswerk International Kinderräume im Osten und Südosten der Ukraine liegen zehn Kilometer von der Frontlinie entfernt. Sie bieten Kindern und Jugendlichen eine sichere Umgebung, wo sie Schutz und psychosoziale Hilfe erhalten. Heinz Wegerer aus Arbing besuchte dieser Tage die Hilfsprojekte in Nikopol und Kharkiv sowie im Westen der Ukraine, in Iwano-Frankiwsk.

Hilfswerk International AT71 6000 0000 9000 1002 „Nothilfe Ukraine“

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