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17. Dialogforum Mauthausen: „Auf uns hätte keiner mehr einen Pfifferling gegeben.“

Gemeindereporter Franz Michael Zagler, 29.09.2026 14:38

MAUTHAUSEN. In der KZ-Gedenkstätte Mauthausen fand das 17. Dialogforum statt. Im Mittelpunkt standen die KZ-Gedenkstätte Gusen und die Gestaltung eines neuen Erinnerungsortes. Ein weiterer Themenschwerpunkt war das Projekt zur Erforschung der Erfahrungsberichte unterschiedlicher Häftlingsgruppen mit dem Titel „Das KZ Gusen multiperspektivisch“.

  1 / 4   Das 17. Dialogforum Mauthausen – die Referenten stellten sich der Publikumsdiskussion. Foto: Heidi Gsell

Großes Interesse fand die Neugestaltung der Gedenkstätte Gusen, um die Geschichte des Konzentrationslagers und seine Bedeutung als Teil eines Netzwerks von Lagern zu verdeutlichen. Der Entwurf zeigte einen neuen Ankunftsbereich, einen architektonisch geleiteten Rundweg und eine Landschaftsgestaltung, die Überreste des ehemaligen Lagers sichtbar macht. Der Bau soll 2028 beginnen und 2031 abgeschlossen sein.

Anschließend wurden fünf Forschungsprojekte zum KZ-System vorgestellt. Dabei konzentrierte man sich auf die Erfahrungsgeschichte verschiedener Häftlingsgruppen und auf die Nachkriegsgeschichte der Täter. Dafür hat man in zwei Jahren in 13 deutschen Archiven Bestände gesichtet und über 25.000 Dateien digitalisiert. Ein weiteres Projekt erforschte die Eigentumsverhältnisse von 800 Grundstücken, die für den KZ-Komplex Gusen genutzt wurden.

„Multiperspektivisch“

Der Begriff „Multiperspektivisch“ prägte darüber hinaus das 17. Dialogforum. Diese vielschichtige oder mehrdimensionale Betrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln schließt „bislang bestehende Forschungslücken“, wie das Mauthausen-Komitee im Vorfeld informierte. „KZ Gusen multiperspektivisch“ erforscht damit die Erfahrungsberichte verschiedener Häftlingsgruppen und hat in Zusammenarbeit mit Überlebenden eine umfassende Materialsammlung erstellt, die die Perspektiven von zwölf Gruppen berücksichtigt hat.

Erfahrungsberichte von Häftlingsgruppen

Um drei Häftlingsgruppen ging es in den folgenden Panels. Johann Kirchknopf präsentierte die Forschungsergebnisse zur Verfolgung der Homosexuellen im KZ Gusen. Die Arbeit untersuchte die Haftbedingungen dieser Opfergruppe, die nach Paragraf 175 des deutschen Strafrechts verfolgt wurde, deren Arbeitseinsatz und ihre soziale Integration. Dabei wurde auch die historische Vermischung von Homosexualität und Kindesmissbrauch diskutiert.

Forschungsprojekt „Durch Glauben stark“

Das Ehepaar Heidi und Bernd Gsell, beide Vorstandsmitglieder des Vereins Lila Winkel, der sich seit 1998 mit der Rehabilitierung von Opfern der NS-Zeit beschäftigt, nahm zum aktuellen Forschungsstand der Häftlingsgruppe der Zeugen Jehovas Stellung. Die Anwesenden bekamen in der Einleitung auch einen Einblick in eine Glaubensgemeinschaft, die weltweit über neun Millionen Mitglieder zählt und in 241 Länder aktiv ist.

Da bislang eine systematische Untersuchung dieser Opfergruppe im KZ Gusen fehlte, befasste sich damit ein neunköpfiges internationales Autoren-Team mit Unterstützung durch das Geschichtsarchiv Jehovas Zeugen Zentraleuropa und Experten der Weltzentrale der Glaubensgemeinschaft.

Das Forschungsprojekt „Durch Glauben stark – Jehovas Zeugen im Konzentrationslager Gusen“ erinnerte an die 75 Gusen-Häftlinge, die in der bisherigen Auswertung identifiziert werden konnten. Diese Gruppe erlebte lange Verfolgungswege und mehrere Haftstationen vor Gusen und war international zusammengesetzt. Das NS-Regime verantwortete über 1.800 Todesopfer dieser Opfergruppe durch Ermordung oder durch die Folgen der Haftbedingungen. Sieben Gründe waren für ihren Leidensweg verantwortlich.

Siebenmal “Nein“

Die religiöse Überzeugung von Jehovas Zeugen, bis 1931 auch als Internationale Bibelforscher bekannt, passte gar nicht zur Ideologie der Nationalsozialisten. Jehovas Zeugen grüßten nicht mit „Heil Hitler“, verweigerten das Unterschreiben einer Erklärung, womit sie zwar freigekommen wären, aber ihrem Glauben abgeschworen hätten, unterstützten keine NS-Organisationen, beteiligten sich nicht an Wahlen, verweigerten den Wehrdienst und arbeiteten nicht in der Kriegsindustrie. Was man ihnen auch noch übel nahm, waren ihre öffentlichen Proteste in den Jahren 1934 bis 1937, was dazu führte, dass sie bereits 1937 mit dem lila Winkel eine eigene Häftlingskennzeichnung bekamen.

„Keinen Pfifferling gegeben“

Heidi Gsell stellte den Häftling Erich Kunz vor, der als Zeuge Jehovas die verantwortungsvolle Position als Büroleiter der DESt (Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH) innehatte, ohne sich am gewalttätigen System der Funktionshäftlinge zu beteiligen. Wie Kunz erklärte, „verstanden es die meisten seiner (Glaubens)Brüder, sich durch entsprechendes Betragen, wie Zuverlässigkeit und Fleiß, irgendwelche Spezialarbeit zu erwerben.“

Durch die Arbeiten in einem Büro, im Pferdestall oder auch in der Tischlerei verbesserten sich die Überlebenschancen dieser Opfergruppe. Damit war am 27. September 1939 nicht zu rechnen. An diesem Mittwoch wurden 144 österreichische und deutsche Zeugen Jehovas von Dachau nach Mauthausen überstellt. Kunz damals: „Für das Leben der 144 Bibelforscher, […“, hätte keiner mehr einen Pfifferling gegeben. Es schien eine beschlossene Sache, dass wir als Kriegsdienstverweigerer jetzt, […“, unser Leben verwirkt hatten.“ [Die Redewendung „keinen Pfifferling auf etwas geben“ geht darauf zurück, dass der Pfifferling früher zu den am häufigsten vorkommenden Pilzsorten gehörte und daher sehr billig – fast schon wertlos – war, Anm.“ 

Integrität und Solidarität

Die Überlebenschancen der Bibelforscher, wie Jehovas Zeugen damals noch häufig genannt wurden, erhöhten sich auch dadurch, dass die Mitglieder Essen und Kleidung teilten. Sie versuchten außerdem, besonders gefährdete Kollegen in bessere Arbeitskommandos zu bringen, „wo sie (…) vor den Unbilden der Witterung und den Willkürakten der SS weitgehend geschützt waren“, wie der Häftling Erich Kunz einmal erklärte.

Schützen vor „einer Zeit ohne Gnade“

Bevor Josep San Martìn Boncompte die Erfahrungsgeschichte der republikanischen Spanier in KZ Gusen präsentierte und betonte, dass die deportierten spanischen Republikaner auch nach dem Krieg weiterhin Repressionen ausgesetzt waren, schloss das gemeinsame Forschungsprojekt von Heidi und Bernd Gsell mit den Worten des Überlebenden Hubert Mattischek. Er kam als 19-Jähriger zunächst für sechs Monate ins KZ Dachau und dann nach Mauthausen. Ein Jahr vor Kriegsende verbrachte er noch im KZ Gusen und beschrieb die Befreiung, als wäre er von den Toten auferstanden. Zwei Jahre vor seinem Tod 1997 sagte er in einem Interview: “Ich hoffe, dass ich auch mit dieser Schilderung, (…), besonders unserer so gefährdeten Jugend, helfen kann, sich vor Fehlinformationen und falscher Propaganda irgendwelcher Art zu hüten und sich lieber auf das Zeugnis jener Zeugen zu stützen, die eine Zeit überlebten, die Historiker als eine ‚Zeit ohne Gnade‘ bezeichnet haben.“

Allgemein war man sich darüber einig, dass sich die Erinnerungskultur in Österreich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert habe, aber dennoch Aufholbedarf bestehe. Diesen Eindruck teilte auch Bernd Gsell am Ende seines Forschungsprojekts, wobei er besonders bei den Erinnerungsmalen für die Opfergruppe der Zeugen Jehovas Verbesserungsbedarf sieht.   

Rund 90 Teilnehmer gingen „multiperspektivisch“ und mit spannenden Eindrücken nach Hause. Für das Mauthausen-Komitee Österreich beginnen hingegen jetzt schon die Vorbereitungen für das 18. Dialogforum.  

 


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