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Trauerbegleiterin Gisela Mayr: "In den schwersten Stunden des Lebens sind alle Emotionen erlaubt"

Susanne Winter, MA, 29.10.2019 19:48

RIED IM TRAUNKREIS. Ein Todesfall stellt das Leben der Hinterbliebenen auf den Kopf. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. Wenn die Trauer den Alltag bestimmt, spenden die Trauerbegleiter Trost oder hören einfach nur zu.

  1 / 2   Zu Allerheiligen wird verstärkt an die Verstorbenen gedacht, Rituale wie das Anzünden von Kerzen spenden den Trauernden Trost. Symbolfoto: Volker Weihbold

„Wenn man trauert, kann man nicht mehr essen und nicht mehr schlafen“, weiß Gisela Mayr aus eigener Erfahrung. Sie war sehr jung, als ihre Mutter gestorben ist. Heute hilft die 68-Jährige als ehrenamtliche Trauerbegleiterin Trauernden in Ried im Traunkreis in dieser schweren Zeit. „Es hat mich immer gestört, dass es niemanden gibt, der sich um die Gestaltung der Totenwache kümmert. Früher wurde nur ein Rosenkranz gebetet, heute ist oft eine persönlichere Gestaltung gewünscht“, sagt Gisela Mayr. Vor 20 Jahren hat sie erstmals eine Totenwache gehalten. Heute gibt es mit Regina Ramsebner, Elisabeth Moser und Renate Steinmaurer drei weitere Trauerbegleiterinnen in Ried.

In der Trauer nicht allein

Die Frauen treten in Kontakt mit den Hinterbliebenen und stimmen die Totenwache – je nachdem wie religiös die Familie war – auf den Verstorbenen ab. „Es ist uns wichtig, die Person so zu beschreiben, wie sie war. Wir geben den Hinterbliebenen nicht nur die Möglichkeit, sich zu verabschieden, sondern auch zu verzeihen oder Danke zu sagen. Zudem dürfen sie die Totenwache auch selbst mitgestalten“, erzählt Gisela Mayr.

Mit Menschen beisammen sein, denen es ähnlich geht

Zweimal im Jahr lädt Gisela Mayr, alle die im vergangenen halben Jahr jemanden verloren haben, zu Gedenkgottesdiensten ein. „Ich besuche jede Familie noch einmal persönlich, um sie einzuladen,“ so Mayr. Diese Gottesdienste werden von den Hinterbliebenen gerne angenommen. „Es tut ihnen gut, mit Menschen beisammen zu sein, denen es ähnlich geht“, weiß die Trauerbegleiterin.

Reden und Zuhören hilft

Die Trauerbegleiterin hilft nicht nur bei der Planung der Totenwache, sondern hört den Trauernden auch einfach nur zu. Die ehemalige Volksschullehrerin kennt viele Familien in der Gemeinde persönlich, das macht ihre Aufgabe als Trauerbegleiterin nicht einfacher. Doch die spürbare Dankbarkeit der Hinterbliebenen und das Wissen, ihnen Trost zu spenden, ist eine wertvolle Aufgabe – und „die Tränen gehören einfach dazu.“

Mit Trauernden behutsam sein, aber sie nicht meiden

Für die Trauerbegleiterin ist die Empathie sehr wichtig. „Ich muss mich in die Angehörigen hineinfühlen und mir die Geschichten über den Verstorbenen anhören“, so Mayr, dabei gehe sie sehr behutsam mit den Trauernden um, denn „in der Phase der Trauer ist man sehr verletzlich, da kann jedes Wort falsch sein.“ Viele scheuen sich deshalb davor, Trauernde offen anzusprechen und gehen ihnen aus dem Weg. „Eine Trauernde sagte einmal: ,Ich danke denen, die mich in meiner Trauer nicht meiden.' – dabei braucht es keine großen Worte. Nur Ratschläge – auch gut gemeinte – sollte man lassen“, empfiehlt Gisela Mayr.

Kleine Gesten mit großer Wirkung

Besser sei es zu versuchen, ehrlich mitzutrauern und Anteilnahme am Leid zu nehmen. Dabei helfen kleine Gesten. Den Trauernden beispielsweise einfach nur zu umarmen, ihm Hilfe anzubieten und geduldig zuhören. „Sie erzählen über das Leben mit dem Verstorbenen, die schönen Augenblicke und auch das, was schwer war. Auch das Verzeihen ist dabei wichtig. Die Trauernden sprechen oft immer wieder über dasselbe. Wenn diese Erzählungen weniger werden, lässt auch die Trauer etwas nach“, weiß Mayr.

Alle Emotionen sind erlaubt

Jeder trauert auf seine eigene Art. Es gibt keine Regeln und es steht auch keinem zu, zu bestimmen, wie lange man trauern darf. „Trauern wird man immer. Auch nach vielen Jahren kommt das Gefühl des Verlustes wieder stark, oft zu speziellen Ereignissen wie Geburtstag, Weihnachten, aber der Schmerz wird kleiner“, spricht die Trauerbegleiterin aus Erfahrung und betont: „Alle Emotionen sind erlaubt. Man braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man beispielsweise wütend ist.“

Trauer zulassen und nicht verdrängen

Der erste wichtige Schritt der Trauer sei, laut Mayr, sie zuzulassen: „Trauer gibt uns die Möglichkeit, gesund Abschied zu nehmen. Die Gefahr ist, dass man die Trauer nicht annimmt und davor wegläuft. Doch sie gehört zu unserem Leben und ist keine Krankheit, ganz im Gegenteil, sie ist eine lebenswichtige Reaktion. Bereits als Kind trauert man, wenn beispielsweise die Puppe kaputt wird. Der Verlust gehört auch dazu.“ Die Trauerbegleiterin nennt als Beispiel den Verlust von Gesundheit, Arbeit, Lebenszeit, Verliebtheit: „Das sind alles Abschiede, das Trauern berührt alle Lebensbereiche und zieht sich durch das ganze Leben.“

Verlust akzeptieren

Besonders schwierig zu ertragen sei die Trauer beim Verlust eines Kindes oder Jugendlichen. „Oft gibt es Trost, wenn der Verstorbene ein erfülltes Leben hatte. Das Reden ist immer das Wichtigste“, betont Mayr und ermutigt die Trauernden dazu, unter die Leute zu gehen und sich von gewissen Dingen wie den Kleidungsstücken des Verstorbenen zu trennen. „Entdeckt man neue Lebensmuster, ohne den Verstorbenen zu vergessen, lernt man langsam, den Verlust zu akzeptieren.“

Rituale brauchen keine Worte

Oft helfen den Hinterbliebenen auch Rituale wie eine Kerze für den Verstorbenen anzünden, Weihrauchkörner als Symbol für Tränen oder der Besuch des Friedhofs. „Rituale brauchen keine Worte. Jeder kann diese individuell deuten“, erklärt Gisela Mayr. Ohne Rituale sei es ganz schwer, jemanden zu trösten und ohne Religion sei es noch schwieriger. „Es ist tröstend, wenn es den Glauben an ein Wiedersehen und an ein Jenseits gibt, wo es dem Verstorbenen gut geht“, weiß die Trauerbegleiterin: „Der Körper ist weg, aber die Liebe und die Erinnerungen an das, was den Menschen ausgemacht hat, bleiben immer bei uns.“


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