Finanzielle Unabhängigkeit als Schlüssel zur Gleichberechtigung
RIED. Finanzielle Fragen sind längst keine reine Rechenaufgabe mehr – sie sind eng mit Lebensentwürfen, Sicherheit und Selbstbestimmung verbunden. Besonders für Frauen ist wirtschaftliche Eigenständigkeit ein zentrales Thema. Tips sprach mit Dagmar Inzinger-Dorfer, Vorständin der Raiffeisenbank Region Ried, über strukturelle Unterschiede, neue Entwicklungen und darüber, warum es sich lohnt, früh Verantwortung für die eigenen Finanzen zu übernehmen.

Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet, eigene Entscheidungen treffen zu können. Wer wirtschaftlich abgesichert ist, hat mehr Freiheit und Sicherheit im Leben.
Teilzeit, Care-Arbeit und ihre langfristigen Folgen
Viele Frauen arbeiten in Teilzeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit aufgrund von Kinderbetreuung oder Pflegearbeit. Mehr als die Hälfte reduziert im Laufe des Berufslebens irgendwann die Arbeitszeit. Was kurzfristig oft als pragmatische Lösung erscheint, hat langfristige Auswirkungen. „Weniger Einkommen und Teilzeit bedeuten automatisch weniger Spielraum für Sparen, Vorsorge und Veranlagung“, erklärt Dagmar Inzinger-Dorfer.Die Folgen zeigen sich besonders deutlich bei der Pension: Diese fällt bei Frauen im Schnitt um 30 bis 40 Prozent niedriger aus als bei Männern. „Diese Unterschiede wirken oft schleichend, aber sehr nachhalti.“ Viele bemerkten die Tragweite erst spät – etwa wenn die eigene Altersvorsorge konkret wird.In der Beratungspraxis zeigt sich, dass finanzielle Ungleichheiten häufig erst in schwierigen Lebenssituationen sichtbar werden. Trennung, Scheidung oder der Eintritt in den Ruhestand können zur Belastungsprobe werden. „In stabilen Lebensphasen wird das Thema Geld oft aufgeschoben. In Krisen zeigt sich dann, wie wichtig finanzielle Eigenständigkeit ist“, berichtet Inzinger-Dorfer. Über Generationen hinweg war Geld vielfach Männersache. „Viele Frauen trauen sich noch immer zu wenig zu und sagen: ,Dafür kenne ich mich nicht gut genug aus‘“, beobachtet sie. Dieses Denken sei oft tief verankert. Doch niemand müsse Veranlagungsprofi sein. „Wichtig ist, sich grundsätzlich zu informieren und Unterstützung anzunehmen.“
Über Geld sprechen lernen
Ein weiterer Punkt ist die Kommunikation. Geld gilt nach wie vor als sensibles Thema – eng verknüpft mit Selbstwert und persönlichen Lebensentscheidungen. „Viele Frauen haben nie gelernt, offen über Einkommen, Vermögen oder Vorsorge zu sprechen“, sagt die Vorständin. Dabei beginne finanzielle Sicherheit ganz einfach: mit einem klaren Überblick. „Wer weiß, was monatlich hereinkommt und wofür Geld ausgegeben wird, trifft automatisch bessere Entscheidungen.“Positiv sei jedoch, dass sich in den vergangenen Jahren viel bewegt habe. Das Interesse an Finanzbildung und Investitionen wachse spürbar. „Wir sehen deutlich mehr Offenheit. Viele Frauen kommen gezielt zu Beratungsgesprächen, stellen Fragen und möchten verstehen.“ Auch Informationsveranstaltungen zu Vorsorge und Veranlagung würden stark nachgefragt. Das zeige, dass das Bedürfnis nach Wissen und Austausch groß sei.Ein wichtiger Baustein finanzieller Selbstständigkeit ist für Inzinger-Dorfer ein eigenes Konto – auch innerhalb einer Partnerschaft. Transparente Gespräche über Geld seien in Beziehungen essenziell. Beratungsgespräche könnten gemeinsam stattfinden, aber ebenso bewusst einmal alleine. „Wichtig ist, die eigenen Finanzen zu kennen und mitentscheiden zu können.“Banken sieht sie dabei in einer klaren Verantwortung. „Wir müssen aufklären, verständlich erklären und Sicherheit geben“, sagt Inzinger-Dorfer. Niemand müsse alles allein wissen oder können. Persönliche Beratung und maßgeschneiderte Lösungen seien entscheidend, um Frauen beim Vermögensaufbau und bei finanziellen Entscheidungen zu stärken. Der wichtigste Schritt sei jedoch, überhaupt aktiv zu werden und das Gespräch zu suchen.
Früh beginnen zahlt sich aus
Besonders jungen Frauen gibt die Bankvorständin einen klaren Rat mit auf den Weg: „Früh starten. Ihr habt einen Vorteil, den man nicht kaufen kann: Zeit.“ Wer rechtzeitig beginne, müsse keine großen Summen investieren. Der Zinseszinseffekt entfalte über Jahre hinweg enorme Wirkung. „Er ist wie eine kleine Magie des Geldes: Geld arbeitet, erwirtschaftet Erträge und diese Erträge arbeiten wieder weiter. Je früher man startet, desto stärker wirkt dieses Prinzip.“


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