Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

ROHRBACH-BERG. Die „Gnade des Geburtsortes“ sollte man überdenken, wenn man die Bilder von Flüchtlingen sieht und deren Geschichten hört. Denn es könnte auch die eigene sein: Karim El-Gawhary, selbst in München geboren und jetzt ORF Nahost-Korrespondent in Kairo, hat viele solcher Geschichten erlebt, die ihm den Schlaf rauben. Bei seinem Besuch im Centro erzählte er davon.  

  1 / 5   Für Karim El-Gawhary war die Flüchtlingskatatrophe absehbar, "es ist ein Ausdruck des gnadenlosen Scheiters der Politik." Foto: Gahleitner

Als er von Soha erzählte wurde es still im Centro, das bis auf den letzten Platz voll war. Viele Besucher ohne Vorverkaufskarte mussten aus Sicherheits-Gründen sogar nach Hause geschickt werden. Soha ist aus Damaskus geflohen. Mit ihren vier Töchtern wollte sie nach Europa. Doch das nicht wirklich seetüchtige Schiff, das sie in eine sichere Zukunft bringen sollte, sank nachts kurz vor der ägyptischen Küste. Soha hatte als einzige eine Schwimmweste. Ihre Töchter im Alter zwischen drei und elf Jahren klammerten sich an sie, während sie hilflos im Mittelmeer strampelte und überlegte, welche ihrer Töchter sie als erstes loslassen sollte. Denn eine Schwimmweste kann nicht fünf Leute tragen. „Doch die Mutter konnte sich nicht entscheiden. Die Kleinste ist als erste im Meer weggetaucht, dann die nächste“, schildert Karim El-Gawhary, dem die Frau ihr Schicksal erzählt hat. Nur die älteste habe überlebt. Mit ihr und den Kindern ihrer Schwester, die ebenfalls bei dem Schiffsunglück gestorben ist, lebt Soha heute in Schweden, wo sie als Krankenschwester arbeitet.

Was aus dem 13-jährigen Ibrahim geworden ist, dessen Mutter direkt neben ihm auf einem Schiff erschossen wurde, weiß er selbst nicht. „Er wollte in Europa endlich wieder zur Schule gehen und Arzt werden“, erinnert sich der ägyptische Journalist an das Gespräch mit dem Buben. „In der arabischen Welt kann man der Flucht nicht entfliehen. Dabei sind die Menschen, die in Österreich und Deutschland ankommen, nur ein kleiner Ausläufer. Die meisten Opfer des jungen Krieges, der mit friedlichen Demonstrationen gegen das Regime begonnen hat, bleiben in den Nachbarländern Türkei, Jordanien und Libanon“, informiert El-Gawhary. Im Libanon etwa sei jeder vierte Mensch ein Flüchtling, da bricht die Infrastruktur zusammen. Behandlungen im Krankenhaus gebe es nur mehr über Vorkasse, „ein junger Mann der angeschossen wurde, wollte eine Niere hergeben, nur um medizinisch versorgt zu werden“, sagt der Nahost-Kenner. Hier leben auch eine halbe Million schulpflichtige Kinder aus Syrien, von denen zwei Drittel nicht in die Schule gehen. „Das ist eine verlorene Generation, die eigentlich Syrien wieder aufbauen soll.“

Weniger Geld für Kriegsflüchtlinge in den Nachbarländern

Warum jetzt so viele ihre Zukunft in Europa suchen, liegt für Karim El-Gawhary auch daran, dass die Flüchtlingsgelder in den Nachbarländern gekürzt wurden. „Wenn Europa sagt, das Boot ist voll, sollte man nicht vergessen, dass es in anderen Ländern schon sinkt“, meint der Journalist und Buchautor. Er ärgert sich vor allem, dass die Flüchtlingsproblematik wie eine Naturkatastrophe gesehen wird: „Diese war absehbar und ist ein Ausdruck des gnadenlosen Scheiterns der Politik. Die Quoten hätte man schon vor einem Jahr regeln können oder Aufnahmezentren errichten, in denen ein Auswahlverfahren durchgeführt wird. Das wäre der beste Weg gegen das Schlepperwesen gewesen und die Menschen hätten legal und sicher nach Europa kommen können“, kritisiert er. Auch Abschottung sei keine Lösung, „die Verzweiflung auf meiner Seite des Mittelmeers ist immer ein paar Zentimeter höher als der höchste Zaun.“

Flüchtlingsthema polarisiert Europa

Was jetzt auf Europa zukommt, sei eine große Herausforderung. „Diese wird die europäische Gesellschaft sehr polarisieren. Unverbesserliche Rassisten wird es immer geben, aber jetzt gibt es zusätzlich jene, die Ängste und Befürchtungen haben. Diese muss man auf eine sachliche Ebene ziehen, offen ansprechen und diskutieren.“ El-Gawhary sieht aber auch viele Dinge, die ihn positiv stimmen: Etwa die Hilfsbereitschaft an den Bahnhöfen, der Einsatz von vielen jungen Menschen. „Ich bin optimistisch, dass Österreich an dieser Aufgabe wachsen wird.“

Wie kann man den Krieg in Syrien beenden?

Der Schlüssel für die Lösung liegt in der Region selbst, und nicht in den großen Playern wie USA oder Russland. Iran, Saudi-Arabien und die Türkei müssen sich an einen Tisch setzen und gemeinsam das Problem angehen. Der vier Jahre lang vergessene Konflikt wird jetzt ganz schnell auch auf der Tagesordnung in Europa ganz oben stehen, weil er mit den Flüchtlingen hier angekommen ist.

Kommt mit den Flüchtlingen auch der IS nach Europa?

Der Islamische Staat ist eigentlich ein europäisches Exportprodukt. Die IS hat also genug Leute mit EU-Pass, die legal einreisen können.

Ist Asyl auf Zeit sinnvoll?

Darüber brauchen wir gar nicht diskutieren, weil uns die Realität einholt. Ein Teil der Flüchtlinge wird wieder nach Syrien zurückgehen, ein Teil wird hierbleiben – so wie es bei jeder Flüchtlingsbewegung bisher war.  

In seinem Buch „Auf der Flucht“ zeigt Karim El-Gawhary gemeinsam mit Mathilde Schwabeneder verschiedene Familienschicksale von beiden Seiten des Mittelmeers auf. Darin erzählt er auch, wie eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen gelingen kann.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden