Streunerpopulationen: „Ein nicht in Worte zu fassendes Tierleid – direkt vor unseren Haustüren“
BEZIRK SCHÄRDING. Aufnahmestopp beim Tierschutzverein – ein Satz, der oft im Jahr fällt. Und trotzdem wird für Tiere in Not eine Lösung gefunden. Ein großes Problem der Tierschutzvereine sind Streunerpopulationen, vor allem nicht kastrierte. Näheres zu dieser Thematik erzählt Sara Rothauer, Obfrau des Tierschutzvereines mit Herz.

Tips: Immer wieder liest man von streunenden Hunden und Katzen in süd- und osteuropäischen Ländern: wie sieht die Situation in Österreich aus?
Sara Rothauer: Wir bei uns hinken den osteuropäischen Ländern in nicht viel nach. Jedes Jahr werden viele Streunerpopulationen mit bis zu 30 Katzen gemeldet – wobei der Nachwuchs noch nicht eingerechnet ist. Pro Jahr kastrieren wir rund 150 verwilderte Hauskatzen und päppeln deren todkranke Nachkömmlinge mit viel Aufwand und Geduld auf – trotzdem schaffen es leider oftmals nicht alle. Verwilderte Hunde dagegen haben wir hier bei uns bisher noch nicht beobachtet. Jedoch werden viele entlaufene Hunde eingefangen und zu ihren Besitzern zurückgebracht. Außerdem werden ausgesetzte Hunde gesichert und untergebracht, auch behördliche Abnahmen aufgrund grauenvoller Haltungen verbuchen wir pro Jahr des Öfteren.
Tips: Was ist das Hauptproblem mit Streunerpopulationen?
Rothauer: Es gibt extrem viele Probleme nur Streunerpopulationen. Nicht nur, dass wir dort enormes Tierleid beobachten müssen, auch die unkontrollierte Vermehrung und die daraus folgende Inzucht stellt ein zusätzliches Problem dar. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass unsere Arbeitskapazität komplett ausgeschöpft ist und wir auch immer wieder in Sachen Unterbringungsmöglichkeiten an unsere Grenzen stoßen. Nicht zu vergessen ist der miteinhergehende enorme Kostenfaktor, der uns immer wieder verzweifeln lässt. Ein Streunerprojekt abzuarbeiten bedeutet enormen Zeitaufwand, Geduld und ein dickes Fell. Meist wird die Population leider viel zu spät gemeldet – erst, wenn erneut die meisten Kätzinnen wieder tragend sind, gehen bei uns die Meldungen ein. Dies ergibt ein weiteres großes Problem: Die tragenden verwilderten Katzen müssen dann gesichert werden und bis zur Geburt bzw. mindestens acht Wochen darüber hinaus untergebracht werden, damit die Katzenmutter im überwachten und gesicherten Umfeld ihre Kätzchen zur Welt bringen kann.
Tips: Wie sieht der Gesundheitszustand dieser Katzen aus?
Rothauer: Die Tiere sind meist erkrankt, abgemagert, voller schädlicher Parasiten oder auch verletzt. Oftmals sind sie in einem solch schlechten Zustand, dass ohne Hilfe keine normale Geburt möglich ist, dass sie durch die enorme Schwäche nicht ausreichende Milch zur Verfügung haben, oder die Muttertiere die Kätzchen nicht gleich annehmen, da die meist viel zu jungen Katzen mit der gesamten Situation massiv überfordert sind, dadurch oft einen Schock davontragen. Jedes Jahr ein nicht in Worte zu fassendes Tierleid – und das direkt vor unseren Haustüren.
Tips: Vor welche Herausforderungen stellt euch diese Problematik als Tierschutzverein?
Rothauer: Wie bereits erwähnt, stellt es uns immer wieder aufs Neue vor manchmal nicht lösbare Herausforderungen. Unsere Tätigkeit ist ein Ehrenamt, alle aktiven Mitglieder opfern jegliche Freizeit, Urlaube, Ruhephasen und teilweise sogar ihre Schlafphasen dafür, Tieren in Not zu helfen. Diese Einsätze werden mit den privaten Fahrzeugen gefahren – denn: nein, wir haben kein Dienstauto, wie oftmals angenommen wird. Diese überaus wichtige Aufgabe ist nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch oftmals psychisch nur sehr schwer zu ertragen. Darum sind auch nicht viele Menschen in der Lage, dieses so wichtige Ehrenamt auszuüben – wir sind leider nur sehr wenige aktive Helfer. Mehr helfende Hände würden einiges erleichtern, genauso wie mehr Ressourcen – und zu guter Letzt natürlich auch finanzielle Unterstützung.
Tips: Welche Lösungen gäbe es für die Streunerproblematik?
Rothauer: Es sollte endlich die Kastrationspflicht eingehalten werden und unkontrollierte Zuchten unterbunden werden. Nur so können wir alle dem enormen Tierleid entgegensetzen. Kastration ist Tierschutz. Wer hier etwas anderes behaupten würde, den laden wir gerne dazu ein, einmal bei einem Streunerprojekt mitzuarbeiten – seine Meinung dazu wird sich in Kürze ändern. Außerdem wäre es besonders wichtig, beobachtete Populationen früh genug zu melden, bevor wieder erneut alle Mutterkatzen trächtig sind. Bei uns werden keine tragenden Kätzinnen kastriert und dadurch ein Schwangerschaftsabbruch hervorgerufen – das lehnen wir strikt ab. Jedoch ist es sehr schwierig, verwilderte, tragende Katzen zu versorgen und unterzubringen. Letztes Jahr hatten wir auf einen Schlag acht tragende Mutterkatzen aufzunehmen und zu versorgen – ein fast unlösbares Unterfangen, mit viel zu wenigen Helfern, Platz und finanziellen Mitteln.
Tips: Wie kommt es zu einer Streunerpopulation?
Rothauer: Das ist oft schwer zu sagen. Es sind sicher ausgesetzte Katzen dabei, aber auch entlaufene oder verirrte Katzen, welche nicht mehr nach Hause gefunden haben. Katzen sind sehr soziale Tiere, die sich in Gruppen aufhalten und sich deshalb dort ansiedeln, wo bereits welche sind. Manche herzlichen Menschen füttern oft mal eine oder zwei Streunerkatzen und nach drei Jahren sind es auf einmal zehn Katzen – sind darunter nur zwei nicht kastriert, kreieren diese beiden innerhalb eines Jahres zwölf weitere Katzen und diese nach wiederum einem Jahr bereits 66 Katzen. Eine uferlose Situation – in der Folge fehlt es an Fressen und Unterschlupfmöglichkeiten, Inzuchtproblematik mit Deformationen und Behinderungen sowie schwere oder sogar tödliche Krankheiten bzw. Seuchen breiten sich aus, schädliche Parasiten verbreiten sich usw.… Das nächste Tierleid ist geboren. Darum ist es einfach so wichtig, dass keine Katze Freigang haben darf, bevor diese nicht kastriert ist.
Tips: Wie soll man sich am besten verhalten bzw. was soll man tun, wenn man eine streunende Katze entdeckt?
Rothauer: Zuerst einmal ist es wichtig, dass man eine verwilderte Hauskatze von einer normalen Hauskatze mit einem Zuhause unterscheiden kann. Nicht jede frei laufende Katze benötigt Hilfe – viele Haushalte lassen ihre Katzen natürlich ins Freie. Sollte ein Streuner oder eine Streunerpopulation gesichtet werden, wird dies bei uns oder der zuständigen Behörde durch den Beobachtenden gemeldet. Ob ein Eingreifen der Tierschutzorganisation nötig ist, wird vorab durch die zuständige Behörde geprüft. Sollten die Tiere einen Besitzer haben, ist dieser verpflichtet, die Katzen, egal ob männlich oder weiblich, umgehend kastrieren zu lassen. Sollten die Katzen jedoch keinen Besitzer haben, kommt die Tierschutzorganisation zum Einsatz und übernimmt die Fang- und Kastrationsaktion. Vor Ort wird dann immer um tatkräftige Unterstützung gesucht – sowohl während der Fangaktion selbst, aber auch im Nachhinein, damit die Tiere unter Beobachtung bleiben und auch mit Nahrung versorgt werden, welche durch unseren Verein gestellt wird. Das Wichtigste ist also – um es noch einmal zu betonen – eine beobachtete Streunerpopulation unbedingt zu melden, damit noch größeres Tierleid verhindert werden kann.


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