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ENGELHARTSZELL/UKRAINE. Der Krieg in der Ukraine sorgt weltweit für Aufsehen. Besonders schlimm trifft es jene, die das Kriegsgeschehen hautnah miterleben müssen, flüchten müssen oder geliebte Menschen in der Kriegsregion kennen. Die „Herzensheimat“, wie Paul Tomandl die Ukraine nennt, ist zum Kriegsgebiet geworden. Wie es Tomandl, der ursprünglich aus Stadl/Engelhartszell kommt und in Lemberg lebte, dabei geht und wie er 19 geflüchteten Ukrainern hilft, erzählt er im Interview.

  1 / 8   Paul Tomandl hat in der Ukraine gelebt und hilft nun Flüchtlingen aus dem Kriegsland. (Foto: privat)

Tips: Seit wann beziehungsweise wie lange war die Ukraine Ihre Heimat?

Paul Tomandl: Die Ukraine ist seit 2007 meine Herzensheimat. Ich habe Europa bereist, in allen Himmelsrichtungen und bin in der Ukraine geblieben, weil die Ukrainer und Ukrainerinnen ganz besondere Menschen sind. Obwohl es ein so riesiges Land ist, mit großen Entfernungen und zwei unterschiedlichen Sprachen, nämlich ukrainisch und russisch, wobei je nach Region die ukrainische oder die russische Sprache im täglichen Leben dominiert. Oft sind die Übergänge der Sprachgebiete auch fließend.

Tips: Sind Sie aus der Ukraine geflüchtet?

Tomandl: Ich persönlich bin nicht geflüchtet. Ich war zur Zeit des Kriegsbeginns in meiner Heimat Sauwald. Das ist sicher auch der Grund dafür, dass ich so schnell meine Hilfe anbieten konnte. Dadurch konnte ich meine ukrainische Familie schnell in Sicherheit bringen und auch die engsten Freunde und Verwandten. Mit jedem Tag wird es schwieriger. Leider wollen die Frauen mit den Kindern nicht fliehen, erst wenn schon Bomben fallen und es Zerstörungen gibt. Das macht es schwierig, eine geordnete Flucht zu organisieren. Meistens verläuft es dann chaotisch. Welche Straße ist passierbar? Welche Grenze ist offen, beziehungsweise nicht mit Staus vollgestopft? Wo kann man noch zu Fuß über die Grenze oder gibt es einen Bus oder Zug?

Tips: Wie viele Personen sind mittlerweile in Stadl angekommen?

Tomandl: Es sind aktuell zehn Erwachsene und neun Kinder zwischen ein und 16 Jahren in Stadl/Engelhartszell. Und ich hoffe, dass es noch mehr Familien hierher schaffen. Die Gemeinschaft macht es dann leichter. Spaziergänge, gemeinsam kochen, mit den Kindern spielen und viel reden über das was war und was noch werden wird. Alle haben dasselbe Schicksal, ob alt oder jung, ob reich oder arm. Alle wurden vertrieben und alle haben seit der Invasion der Russischen Armee in die Ukraine ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Tips: Haben Sie je Kriegshandlungen miterlebt?

Tomandl: Kriegshandlungen gibt es im Land seit 2014. Jedoch waren diese sehr konzentriert auf die Front zu den abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk, etwa 800 Kilometer von Kiew beziehungsweise 1400 Kilometer von Lemberg entfernt. Der Russland-Ukraine Krieg 2022 hat bereits nach zehn Tagen alles verändert und hat den Tod und das Elend in alle Landesteile gebracht. Nicht die Flucht ist das Ziel, sondern ein neues, sicheres Zuhause. Etwas zum Schlafen und bleiben dürfen.

Tips: Die Flüchtlinge aus der Ukraine haben in Stadl eine vorübergehende Unterkunft gefunden.

Tomandl: Mein Vater und meine Mutter haben sich sofort um die Flüchtlinge gekümmert. Unterkunft gibt uns mein Vater, Friedrich Thomandl (Jausenstation und Fischteiche) in Stadl und gute Verköstigung gibt uns meine Mama, die Hendlwirtin Maria Thomandl und auch Freunde und Bekannte. Und es wird auch viel selbst gekocht – das beschäftigt alle und gibt ein Gemeinschaftsgefühl fern der Heimat. Auch unterstützt uns Bürgermeister Roland Pichler mit seinem Team. Zu erwähnen ist hier vor allem, dass ein Spendenkonto (siehe Infobox) für alle ukrainischen Flüchtlinge eröffnet wurde und somit tägliche Besorgungen, Anschaffungen, Internet, persönliche Hygieneartikel, aber auch Eintritte und Ausflüge mit den Kindern organisiert werden können.

Tips: Wenn Sie daran denken, dass in der Ukraine Krieg herrscht: Was bereitet Ihnen dabei die größten Sorgen?

Tomandl: Alle kämpfen in der Ukraine für die Freiheit, die sie in den erst 30 Jahren Unabhängigkeit selbst erkämpft haben durch die Orange Revolution 2004, die Maidan-Revolution 2014 und die demokratische Präsidentenwahl 2019, in der weltweit erstmals ein Gegenkandidat mehr als 70 Prozent erreicht hat. Dieser neue Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigt aktuell, dass er keine Marionette ist und dass er die Liebe zum Land und zur Freiheit für alle Ukrainer und Ukrainerinnen bis zum Tod leben wird.

Tips: Wie geht es für Sie nun in Österreich weiter?

Tomandl: Aktuell heißt es helfen. Wohnungen suchen, Einkaufslisten schreiben, Einrichtungen suchen, Fragen beantworten, zum Arzt fahren und vor allem bei den Geflüchteten sein. Einfach da sein und sich was einfallen lassen. Leider ist es in Stadl noch sehr kalt, es gibt noch Schnee und die Kinder und auch Erwachsenen sollen raus, weg von den Nachrichten, das bedarf manchmal viel Überredungskunst.

Tips: Hoffen Sie auf eine Rückkehr in die Ukraine?

Tomandl: Hier geht es nicht so sehr um mich. Die Heimatliebe der Ukrainer und Ukrainerinnen ist grenzenlos. Es ist ein schönes, wenig beachtetes Land, mit den Karpaten im Westen und dem Schwarzen Meer im Süden. Ja, sie möchten nach Hause. Vielleicht schon nächste Woche. Dass es vielleicht nicht so schnell oder überhaupt gehen wird mit der Rückkehr - so etwas besprechen wir nicht in der großen Gruppe.

Tips: Wie sieht aktuell Ihr Tag in Österreich aus?

Tomandl: Es ist derzeit soviel los, man will einfach nicht still sitzen und sich zurücklehnen. Helfen, helfen und nochmal helfen ist die Devise. Es geht hier um viele persönliche Beziehungen, Freundschaften und eine menschliche Verantwortung.

Tips: Wie geht es Ihnen, wenn Sie an den Krieg in der Ukraine denken?

Tomandl: Natürlich trifft es einen noch mehr, wenn man ein Land auswendig kennt, jahrelang sämtliche Ecken bereist hat in diesem wunderschönen Land, mit diesen wunderbaren Menschen und dann von einem Tag auf den anderen alles zerstört wird. Gebäude, Institutionen, Strukturen und vor allem Menschenleben und Menschenherzen. Dieses Leid kann man sich nicht vorstellen, die schlimmsten Bilder werden in unseren westlichen Medien gar nicht gezeigt – diese bekommt man ja heute auf den sozialen Kanälen – nämlich in den lokalen, ukrainischen Internetmedien. Da sieht man Grausamkeiten, Zerstörungen, Elend und Hilflosigkeit, aber auch die unbändige Liebe der Ukrainer und Ukrainerinnen zu ihrem eigenen, noch sehr jungen Land.

Tips: Wie können Sie Tips-Leser, die helfen möchten, am besten unterstützen?

Tomandl: Wichtig ist, dass wir Unterstützung bekommen, am besten immer finanzieller Art. Damit können sich die Frauen Unterwäsche kaufen, notwendige Cremen, Hygieneartikel, Einkäufe, Fahrten erledigen. Vor allem ist es wichtig, mit den Kindern, den Familien (ohne Väter) etwas zu unternehmen. Eintritte für ein Hallenbad, Tiergarten, etc. Ganz wichtig wäre auch, dass wir kleine Wohnungen, Wohneinheiten oder freie Häuser für etwa zwei bis fünf Personen (zu 90 Prozent Frauen und Kinder) zur Verfügung gestellt bekommen. Wir brauchen die Gewissheit, dass noch Freunde, Bekannte und Verwandte aus dem Kriegsgebiet hier im Sauwald eine Unterkunft finden, bis es hoffentlich vorbei ist.

Spendenkonto bei der Sparkasse Engelhartszell:
IBAN: AT28 2033 0001 0117 4415
Stichwort „Ukraine“

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