Bedarf an Hilfe für Opfer von Gewalt steigt auch im Bezirk Schärding
BEZIRK SCHÄRDING. Das Thema Gewalt verliert nicht an Aktualität. In Linz gibt es daher eine neue zentrale Gewaltambulanz mit speziell ausgebildeten Forensic Nurses. Auch für den Bezirk Schärding stehen mehrere Unterstützungsangebote für Betroffene zur Verfügung, denn der Bedarf ist groß.

Blaue Flecken, angebliche Treppenstürze oder Vergewaltigungen: Betroffene von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt können seit Jänner in die neue Gewaltambulanz im Linzer KUK kommen. Sie ist die vierte Einrichtung dieser Art in Österreich.
Im Schärdinger Klinikum betreut eine speziell geschulte Gewaltschutzgruppe Betroffene. „Sie ist für ambulante und stationäre Patienten eine mögliche erste Anlaufstelle, um umfassende nachhaltige Hilfe und Schutz zu bekommen, für Männer genauso wie für Frauen“, sagt Tanja Spieler, die Leiterin der Gewaltschutzgruppe.
Sensibles Thema
Die Gruppe sorgt für die medizinische Versorgung sowie Dokumentation und arbeitet mit standardisierten Leitfäden zur Spurensicherung. Die Mitglieder sind nicht nur Ansprechpartner für Betroffene, sondern auch zuständig für die Sensibilisierung, Schulung und Unterstützung der Spitalsmitarbeiter im Umgang mit Patienten, die Opfer von Gewalt sind. Denn bei dem Thema ist ein sensibler Umgang wichtig.
Außerdem arbeitet die Gruppe mit externen Opferschutzeinrichtungen, Behörden und der Polizei zusammen. So kann eine gezielte Unterstützung über den Klinikaufenthalt hinaus organisiert werden.
Hohe Dunkelziffer
Im Vorjahr wurden 14 von Gewalt betroffene Menschen durch die Schärdinger Gewaltschutzgruppe betreut. Im Vergleich zum Vorjahr blieb die Zahl gleich, in ganz Österreich gibt es laut Spieler aber einen steigenden Trend, was die Zahl der Opfer und der betreuten Personen betrifft.
„Es ist sehr davon auszugehen, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist, da die Scham oft sehr groß ist.“ Häufig spiele auch ein Abhängigkeitsverhältnis eine Rolle dabei, Übergriffe über sich ergehen zu lassen.
130 Gewaltopfer im Vorjahr
Auch das Gewaltschutzzentrum OÖ ist in der Region tätig. 130 Gewaltopfer aus dem Bezirk Schärding wandten sich 2025 an die Organisation. Die Zahl der Klienten steigt, 2020 waren es im Bezirk noch 69.
Das Zentrum bietet anonyme und kostenlose Beratungen an. „Wir besprechen Schutz und Sicherheit, geben rechtliche und psychosoziale Beratung und können in Gerichtsverfahren unterstützen“, erklärt Geschäftsführerin Eva Schuh.
Frauennetzwerk und Frauenhaus
Das Frauennetzwerk 3 und das Frauenhaus Ried sind ebenfalls für den Bezirk Schärding zuständig. Von Gewalt betroffene Frauen finden im Frauenhaus nicht nur für längere Zeit Zuflucht, sondern können sich auch ambulant beraten lassen. Sechs Plätze stehen für Frauen mit ihren Kindern bereit.
Sie erhalten Unterstützung bis zum Eintritt in ein gewaltfreies Leben. Bei Bedarf können Frauen auch immer wieder zum Frauenhaus zurückkommen.
Laut Michaela Schrotter, der Leiterin des Frauenhauses, ist die Auslastung meist sehr hoch: „Wir schauen aber immer, dass wir Plätze finden.“
Komplexer werdende Belastungen
Die Belastungen für Frauen werden laut Schrotter immer komplexer. Viele Frauen melden sich wegen finanzieller und psychischer Probleme. „Das Leben ist komplizierter geworden, vieles wird teurer – das wirkt alles mit.“ Vor allem ambulante Beratungen werden immer mehr. „Das ist aber auch ein Zeichen dafür, dass wir präsenter sind.“
Jederzeit erreichbar
Das Frauenhaus ist telefonisch 24 Stunden erreichbar. Die Beratung kann auch per Mail erfolgen und wird in unterschiedlichen Sprachen angeboten. Die Beratungen sind kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.
Bei akuter Gewalt
Bei akuter Gewalt ist es ratsam, die Polizei zu rufen. Danach können Betroffene anonym Hilfe bei Beratungsstellen holen und sich medizinisch versorgen lassen. Eine Anzeige ist möglich, aber nicht verpflichtend – das Tempo bestimmen die Betroffenen selbst.
Der Vorteil, wenn die Polizei zu Hilfe kommt: Sie hat rechtliche Möglichkeiten und kann ein Annäherungs- und Betretungsverbot aussprechen. Damit verbunden ist eine verpflichtende Gewaltpräventionsberatung für Gefährder.
Frühzeitig Hilfe suchen
Bei Gewalt ist es auch wichtig, bald genug zu reagieren. Gewalt spiralisiert sich laut Schrotter. Auf psychische Gewalt kann Isolation und körperliche Gewalt folgen. Es gebe oft vorher viele Vorzeichen und Warnsignale.
Viele Opfer hoffen, dass die Gewalt nach dem ersten Vorfall nicht mehr vorkommt. „Leider zeigen die Erfahrungsberichte der Klienten, dass die Gewalt immer heftiger wird und in immer kürzeren Abständen erfolgt“, so Schuh.
Viele Formen von Gewalt
Gewalt passiert oft im Verborgenen und betrifft Frauen, Männer und Kinder. Sie hat viele Formen und reicht von körperlicher über psychische Gewalt bis hin zu Gewalt im digitalen Raum. „Darüber hinaus ist auch häusliche Gewalt im Alter ein Problem, dem wir im Klinikum Schärding immer wieder begegnen“, berichtet Spieler.
Nicht wegsehen
Wer den Eindruck hat, dass jemand betroffen ist, sollte nicht wegsehen. „Durch Hinschauen, sensibles Nachfragen und Unterstützen kann jede und jeder einen wichtigen Beitrag leisten, Gewalt frühzeitig zu erkennen und Betroffenen den Weg zur Hilfe zu erleichtern.“


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