Ausgrabung: Einblicke in längst vergangene Zeiten
WÖLBLING. Seit 1999 wird am Kleinen Anzingerberg eine Höhensiedlung der Kupferzeit archäologisch untersucht.

„Zwei Zentimeter unter Ihren Füßen liegen archäologische Funde“, begrüßt Grabungsleiterin Alexandra Krenn-Leeb vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie mit ihrem Studenten-Team die vielen Gäste des Tages der offenen Grabung.
Grabung seit 17 Jahren
Seit 1999 führt die passionierte Archäologin am sogenannten „Himmelreich“ in Meidling im Thale/Unterwölbling Untersuchungen durch. „Bereits in den 1920er-Jahren war die Fundstelle bekannt und wurde als „Neolithberg“ bezeichnet. Seit den 1970er-Jahren gab es regelmäßig Begehungen. Der Siedlungsplatz wurde der kupferzeitlichen Jevišovice-Kultur um 3000 v. Chr. zugeordnet“, erklärt Krenn-Leeb.
Schwarzwild als „Erkunder“
Als erste „Erkunder“ des Siedlungsplatzes gelten laut Krenn-Leeb Wildschweinrudel, die die Fläche im Winter durchwühlten. Die dadurch entstandenen, bis zu 70 Zentimeter tiefen Erdmulden hätten reiche Mengen an Fundobjekten, wie Keramikfragmente, Knochen- und Geweihobjekte, Webgewichte und Reste von gebranntem Hüttenlehm zum Vorschein gebracht. Karl Müllner, der Besitzer der Wiese, sammelte die Funde ein und übermittelte diese an Krenn-Leeb.
Kleine Welt im Kübel
„Herr Müllner brachte mir zwei Kübel voller Funde und ich habe sofort die ganze Siedlung vor mir gesehen. In diesem Kübel ist mir eine kleine Welt entgegengetreten“, erinnert sich Krenn-Leeb. Als es dann 1999 so weit war, habe das Archäologen-Team gleich bei der ersten Grabung „ins Volle gegriffen“ und einen Kuppelofen bzw. Herdplatten gefunden.
„Ötzis“ Zeit
Die Kupferzeit gilt als Zwischen-epoche zwischen Stein- und Bronzezeit. Auch die berühmte Gletscher-Mumie „Ötzi“ stammt aus dieser Zeit, in der Kupfer erstmals zu Geräten verarbeitet wurde. „In der Höhensiedlung am Anzingerberg haben wir bisher kein einziges Stück Kupfer gefunden. Es handelte sich um eine bäuerliche Siedlung, die nicht am Kupferhandel beteiligt war. Die Werkzeuge bestanden aus Geweih, Knochen oder Gestein und hatten eine hohe Qualität“, betont Krenn-Leeb das handwerkliche Geschick der Menschen, die in der kupferzeitlichen Höhensiedlung gelebt hatten.
Menschen suchten Schutz
Die Wahl einer Höhenlage als Siedlungsplatz war kein Zufall: „Die Leute haben Schutz gesucht und brauchten eine gute Aussicht; die Siedlung sollte schwer einnehmbar sein. Es gibt hier Schutzbauten wie Grabenanlagen“, so Krenn-Leeb.
Brandereignisse
Angenommen wird, dass es Überfälle auf die Siedlung gegeben hat. Davon zeugen viele Brandereignisse. „Jede Siedlung hatte Zugang zu unterschiedlichen Lagerstätten. Die Menschen waren auf Tausch angewiesen, da konnte es zu Streit kommen“, so Krenn-Leeb.
Blick in Lebensalltag
Doch genau diese Brände sind aus heutiger Sicht ein Glücksfall für die Archäologen. „Den häufigen Brandereignissen ist der exzellente Erhaltungszustand und die Qualität und Quantität der Befunde und Funde zu verdanken“, erklärt die Archäologin. Verstürzende Hüttenwände und Dachkonstruktionen hätten das darunter befindliche Hausinventar in der augenblicklichen Lage versiegelt. „Diese Momentaufnahmen gewähren einen Blick in den seinerzeitigen Lebensalltag und lassen das Ausmaß der Katastrophe für die gesamte Siedlung erahnen“, so Krenn-Leeb.
Zweistöckige Häuser
So lebten die Menschen in zweistöckig genutzten Häusern von acht bis zehn Meter Länge und mind. vier bis fünf Meter Breite. Der Fußboden war ein flächig aufgebrachter Stampflehmboden. Zwischenwände, Raumteiler und auch Hauswände bestanden aus Rutengeflechten.
Zahlreiche Ofenanlagen
Die oft gefundenen Ofenanlagen bestehen aus einem Kuppelofen zum Backen, Dörren und Rösten sowie einer offenen Herdstelle zum Kochen. „In den Häusern sind viele Aktivitätszonen zum Kochen, Heizen, Schleifen, Schaben, Spinnen und Weben belegt“, verweist Krenn-Leeb auf die intensive Nutzung der Hausinnenräume. Als Nahrungsgrundlagen dienten Ackerbau, Sammelwirtschaft sowie Vieh-, Jagd- und Fischereiwirtschaft.
Bestattung
In der Kupferzeit gab es hauptsächlich Brandbestattungen; am Kleinen Anzingerberg wurden aber bisher keine entdeckt. An der Ausgrabungsstelle wurde jedoch ein drei Meter tiefer Schacht gefunden, in dem sich eine Körperbestattung befand. „Es handelt sich dabei um eine 45- bis 50-jährige Frau aus der Keltenzeit“, erklärt Krenn-Leeb. Der Schacht stellt für das Archäologen-Team am Anzingerberg auch das nächste spannende Projekt dar.


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