Interview: "Grabung ist der Höhepunkt in meiner beruflichen Tätigkeit"
WÖLBLING. Alexandra Krenn-Leeb vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie ist Grabungsleiterin am Kleinen Anzingerberg. In einem Interview mit Tips spricht sie über ihre Arbeit als Archäologin.

Tips: Wie lange wird pro Jahr direkt am Anzingerberg gearbeitet?
Alexandra Krenn-Leeb: Jährlich arbeiten wir sechs Wochen vor Ort. Inklusive der Vor- und Nachbereitung am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien beschäftige ich mich jährlich ca. 12 Wochen/3 Monate mit dem Kleinen Anzingerberg.
Tips: Aus wie vielen Personen besteht Ihr Team?
Krenn-Leeb: Das Grabungsteam besteht meistens aus fünf bis sechs Studierenden des Faches Urgeschichte und Historische Archäologie (sie befinden sich bereits in den höheren Semestern und stehen bald vor dem Masterabschluss) und aus mir (Projekt- und Grabungsleitung). Für die interdisziplinären Untersuchungen binde ich dann nach Bedarf FachexpertInnen ein (z. B. Archäobotanikerin, Archäozoologe, Fotografin, Restaurator etc.)
Tips: Wie schaut die Arbeit eines Archäologen über das Jahr verteilt aus?
Krenn-Leeb: Die Arbeitsfelder in der Archäologie sind sehr vielfältig! Man hat von Literatur- und Recherchearbeit in den Fachbibliotheken (indoor) bis zum täglichen Geländeeinsatz (outdoor) alles zu tun. Je nach Berufsfeld in der Denkmalpflege, in der Kulturvermittlung oder bei Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen variiert der In- und Outdooreinsatz über das Jahr. DenkmalpflegerInnen arbeiten mehrheitlich im Gelände. Aufgrund dieser variablen Einsatzgebiete haben ArchäologInnen einen relativ hohen Zufriedenheitsgrad hinsichtlich Ihrer archäologischen Tätigkeiten (Graben, Prospektieren, Dokumentieren, Verwalten, wissenschaftlich Bearbeiten etc.), kämpfen jedoch mit den äußeren Rahmenbedingungen (Jobunsicherheit, befristete Dienstverhältnisse, hoher Zeit- und Termindruck durch die Investoren, knapp bemessene Finanzierung, teures Equipment, Witterung, physische und psychische Belastungen etc.).
Tips: Welche Eigenschaften muss man als Archäologe mitbringen?
Krenn-Leeb: Fähigkeit zur flexiblen Arbeitsweise (man muss oft innerhalb von wenigen Stunden eine Grabung aufstellen oder im Gelände den Arbeitsort oder auch nur die Arbeitstätigkeit wechseln können), Teamfähigkeit (eine Grabung kann nur im effektiven Zusammenspiel zwischen den einzelnen MitarbeiterInnen funktionieren!), hohe Sozialkompetenz (ist für die Teamführung, aber auch für die interne Zusammenarbeit bei hoher physischer und psychischer Belastung unbedingt erforderlich), Fähigkeit zum wirtschaftlichen Denken bzw. ökonomische Kenntnisse (Kalkulationen hinsichtlich Zeit, Personal und Kosten sind laufend erforderlich), Verantwortungsbereitschaft für das Team und für das archäologische Erbe (man muss laufend Entscheidungen auf der Grabung treffen, die zumeist nicht rückführ- und umkehrbar sind – wir bauen ja archäologische Substanz unter höchstem Dokumentationseinsatz unwiederbringlich ab!), sehr gute wissenschaftliche Ausbildung und daher fachlich hervorragende Kompetenz (Gutachtertätigkeit), Kreativität (v. a. für kostenfreie bzw. kostengünstige Ressourcenbeschaffung), Führerschein (Grabungsstellen sind selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar) sowie ein gesunder Hausverstand und etwas handwerkliches Geschick.
Tips: Was waren für Sie persönlich in den vergangenen Jahren die Höhepunkte bei den Arbeiten am Anzingerberg?
Krenn-Leeb: Für mich ist jedes Jahr die Grabung der Höhepunkt in meiner beruflichen Tätigkeit, da man hier neben der täglichen Herausforderung der spannenden archäologischen Befunde auch die Natur (v. a. die phantastische Flora und Fauna auf der Trockenrasenwiese am Kleinen Anzingerberg) hautnah erleben darf. Archäologische Höhepunkte sind stets die Momentaufnahmen in eine Zeit vor 5.000 Jahren und die akribisch erforschten wissenschaftlichen Erkenntnisse, mit welchen Freuden und Leiden die Gemeinschaften der Kupferzeit zu leben hatten. Faszinierend ist das Bemühen um neue interdisziplinäre Methoden, mit deren Hilfe wir noch mehr wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zum Alltagsleben der damaligen Siedlungsgemeinschaft gewinnen können. Tief beeindruckend sind jedes Mal die Erkenntnisse zu den ökonomischen, technologischen und sozialen Fertigkeiten, wie etwa ein ausgefeiltes Ressourcenmanagement, ein hohes handwerkliches Know how, vielfältige Ernährungsstrategien und soziale Praktiken in kleinen Hausgemeinschaften. Hervorragend sind jedenfalls der exzellente Erhaltungszustand der Befunde und Funde!


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