Maulkorb-Debatte: „Das Problem entsteht immer am oberen Ende der Hundeleine“
BEZIRK. Nachdem in Wien ein einjähriger Bub nach einem Rottweiler-Biss gestorben ist, gingen nicht nur in der Hundewelt die Wogen hoch. Tips bat Hundetrainerin Tamara Leitner und Harald Zehetner, Präsident des Österreichischen Rottweilerklubs, zum Gespräch.

„Selbstverständlich bedauert der Rottweilerklub den aktuellen Vorfall, der durch einen Vertreter der Rasse passiert ist, sehr und spricht den Eltern und Großeltern des Buben sein tiefstes Mitgefühl aus. Dennoch bin ich es wirklich leid, dass die Rottweiler-Rasse immer das Bauernopfer sein soll, wenn Gesetze verschärft oder Verordnungen ausgeweitet werden“, betont Zehetner. Statistisch gesehen gebe es in Österreich zehn Hundebisse pro Tag, davon aber in sehr seltenen Fällen durch sogenannte Listenhunde wie eben Rottweiler oder Bullterrier.
Maulkorb an bestimmten Stellen für alle Hunderassen
„Daher sind wir dafür, dass alle Hunde an exponierten und stark frequentierten Stellen wie etwa vor einer Schule oder einem Kindergarten, bei öffentlichen Ansammlungen oder bei Festen eine Leine und einen Maulkorb tragen sollen. Es sollen keine Unterschiede zwischen gut oder böse, klein oder groß, lieb oder ängstlich gemacht werden. Weg mit der Liste!“, fordert Zehetner.
„Hunde von klein auf an Maulkorb gewöhnen“
Dass der Maulkorb einem Hund schade, lassen sowohl Zehetner als auch Hundetrainerin Leitner nicht gelten. „Es ist wichtig, die Hunde schon von klein auf an den Maulkorb zu gewöhnen und dafür zu sorgen, dass er positiv besetzt wird“, so Leitner. „Ein Maulkorb sollte nicht das Schlimmste im Leben eines Hundes sein. Natürlich muss ein Hund draußen auch ohne Maulkorb laufen können. Aber prinzipiell gilt: der Maulkorb bietet für den Hundebesitzer Schutz vor Reaktionen seines Hundes bei unvorhergesehenen Ereignissen, schützt vor Angriffen eines anderen Hundes, wenn dieser auch einen Korb trägt und schützt auch vor Giftaufnahme“, erklärt Zehetner.
Positive Entspannung
Zudem werde der Maulkorb bei Nicht-Hundebesitzern als gewisser Schutz vor Angriffen gesehen und trage im Idealfall zu einer positiven Entspannung bei. Eine Maulkorb- und Leinenpflicht für alle Hunderassen an bestimmten Stellen sollte Zehetner zufolge bundesweit gelten. „Warum flächendeckend? Ein Biss in Tirol ist gleich schmerzhaft wie in Wien“, so der Rottweilerklub-Präsident.
Problem: „Hundekauf nach Optik“
Dass die ganze Problematik ihren Ursprung am oberen Ende der Hundeleine hat, ist für Zehetner und Leitner unumstritten. „Schon als Züchter habe ich die Verantwortung zu schauen, wem ich welchen Hund gebe“, so Zehetner. Viele Menschen seien mit ihren Tieren überfordert. „Das Problem ist, dass viele Menschen beim Hundekauf nur auf die Optik schauen und nicht, ob das Tier zu ihnen und ihrem Leben passt“, erklärt Leitner.
Sachkundenachweis für alle vor Hundekauf
Beide Experten plädieren für einen Sachkundenachweis, also einen theoretischen Vortrag von etwa vier Stunden für alle Hundebesitzer vor der Anschaffung eines Hundes. Später solle es dann einen Praxisteil bei geprüften Trainern geben. Derzeit müssen nur Besitzer von „Listenhunden“ einen solchen Sachkundenachweis erbringen – jedoch nicht zwingend vor dem Kauf.
„Es ist wichtig, dass sich die Menschen schon vor der Kaufentscheidung mit den verschiedenen Rassen und ihren Bedürfnissen beschäftigen, um den Hund dann je nach angeborener Verhaltensweise psychisch und physisch fordern zu können“, ist Leitner überzeugt.


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