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STEYR. Im Laufe der Geschichte retteten die Erkenntnisse um Hygiene viele Leben. Doch das längst übersteigerte Verlangen nach Sicherheit in der Gesundheit birgt folgenschwere Tücken, weiß Wissenschaftsautor Bert Ehgartner. Sein Buch „Die Hygienefalle“ stellt er in Steyr vor.

Der in Steyr aufgewachsene Autor Bert Ehgartner stellt sein neues Buch vor. Foto: Alexander Fenyves

„Heute wird Hygiene derart in Richtung Sterilität pervertiert, dass der Schaden größer ist als der Nutzen“, lässt Bert Ehgartner aufhorchen. Der Wissenschaftsautor, der u.a. mit „Die Akte Aluminium“ und als Dokumentarfilmer Bekanntheit erlangt hat, will auch mit seiner jüngsten Veröffentlichung aufrütteln. Mit dem Glaubenssatz „je sauberer, desto gesünder“ räumt er auf. „Das Buch ist die Lehre, die ich aus der Entdeckung des Mikrobioms gezogen habe. Das sind all die Bakterien, Viren und Pilze, die in unserem Körper wie ein eigenes Organ, ja wie ein Schutzengel, wirken“, erklärt er.

Aufgewachsen ist Ehgartner in Steyr, nach der Matura studierte er Publizistik in Wien. Hinzu kamen universitäre Zusatzausbildungen in evidenzbasierter Medizin. Er habe nie einfach nur wiedergeben wollen, was Ärzte auf Pressekonferenzen sagen, erklärt er. „Und es hat mich schon immer interessiert, ob Infekte ein Unglück sind, das vom Himmel fällt, oder ob sie Sinn machen.“

Gleichgewicht

Wie bedeutend das Gleichgewicht zwischen Immunsystem und den Bakterien auf und im Körper ist, nennt Ehgartner die wesentliche Erkenntnis seiner 25-jährigen Arbeit als Medizinjournalist. Im Buch geht er deshalb dem Langzeitkampf gegen Bakterien und Viren an den Kragen. Miteinschließt das den Umgang mit Impfungen und Antibiotika. „Man weiß, dass über 90 Prozent der Antibiotika-Gaben unnötig sind“, sagt er, „dabei verursachen sie einen Bakterien-Kahlschlag, können die Abwehrkräfte schädigen und das Immunsystem so aggressiv machen, dass es sich gegen den eigenen Körper wendet.“

Antibiotika als medizinischer Meilenstein will Ehgartner nicht geringschätzen. Auch nicht, dass vor 100 Jahren die Grundprinzipien der Sauberkeit in Europas Städten Einzug hielten. Doch der Hygienewahn von heute habe ein noch nie dagewesenes Ausmaß an chronischen Erkrankungen gerade bei Kindern heraufbeschworen: Allergien, Autoimmunerkrankungen, Entwicklungsstörungen. „Wir haben nicht mehr das Problem, dass wir zu schmutzig leben, sondern wir nehmen zu wenig Keime auf. Je vielfältiger die Bakterien unseres Körpers, desto stabiler das Immunsystem.“

Alte Freunde

So seien zum Beispiel Menschen, die Rohmilch trinken, laut Studien deutlich weniger von Allergien betroffen. Generell machen laut Ehgartner 99,99 Prozent der Bakterien keine Probleme, im Gegenteil. „Wir sollten sie als alte Freunde begreifen.“ Die unsichtbaren Helfer würden viele Dinge tun, die man lange nicht für möglich gehalten hat. „80 Prozent der Glückshormone entstehen im Darm. Es besteht ein möglicher Zusammenhang mit Depressionen, wenn bestimmte Bakterien durch Antibiotika ausgerottet werden.“

Warum penible Hygiene auch in den Haushalten Einzug gehalten hat, erklärt der fünffache Familienvater mit der Notwendigkeit guter Umsatzzahlen: „Hygiene kombiniert mit Angst ist ein gutes Verkaufsargument. Deshalb die viele Werbung mit antibakteriellen Sprays, Putzmitteln, Kosmetikartikeln. Man weiß jedoch, dass Menschen, die viel Kosmetika verwenden, mehr Hautprobleme haben. Und wo ich durch Desinfektion nützliche Bakterienkolonien zerstöre, können sich leicht unerwünschte ausbreiten.“

Umdenken

Die schier unüberschaubare Zahl an Warnungen für die Gesundheit nennt Ehgartner eine Ausgeburt unseres Risikoverständnisses. „Wir haben überall Menschen, die auf Risiken hinweisen und solche, die mit Angst Politik machen. Die einen verdienen damit, die anderen wollen sich selbst schützen. Es stand noch nie ein Arzt vor Gericht, weil er zu viele Antibiotika verschrieben hat. Kommt es aber einmal zu einer Komplikation und es wurden keine verschrieben, steht man schnell mit einem Fuß im Kriminal.“

Höchste Zeit sei es für ein Umdenken, nicht zuletzt an den Universitäten und bei den Patienten. „Über 90 Prozent der Forschung sind industriefinanziert“, sagt Ehgartner, „das Ergebnis ist eine Bevölkerung, die auf die Bedürfnisse der Wirtschaft hin optimiert ist.“

Ehgartner hofft, dass sein Buch den Menschen auch ein Ansporn ist, sich ihre Ärzte gut auszusuchen. „Wenn sich jemand der Diskussion entzieht und stur auf seiner Meinung besteht, lohnt es sich, den Arzt zu wechseln.“

Buchpräsentation

Das im Steyrer Verlag Ennsthaler erschienene Buch „Die Hygienefalle“ präsentiert Autor Bert Ehgartner am Donnerstag, 25. Februar, um 19 Uhr in der Buchhandlung Ennsthaler (Stadtplatz). Eintritt frei!


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