Holocaust-Gedenken: „Warum habt ihr meine Mutter nicht versteckt?“
STEYR. Der heutige internationale Holocaust-Gedenktag (27. Jänner) erinnert an die NS-Opfer sowie die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vor 76 Jahren. Waltraud Neuhauser-Pfeiffer hat das Schicksal von Steyrerin Julie Böck und ihrer Tochter aufgearbeitet.

„Warum habt ihr meine Mutter nicht versteckt?“, fragte sich Gertrude Pincus, als sie 1953 erstmals nach dem Krieg wieder ihre Heimatstadt Steyr besuchte. Wer der bekannten Gesichter, denen sie auf dem Stadtplatz begegnet, hat in der Zeit des Nationalsozialismus was getan, unterlassen oder gar verbrochen? In einem Brief aus dem Jahr 1993 an Waltraud Neuhauser-Pfeiffer, die sich seit vielen Jahren mit den Schicksalen der Steyrer Juden beschäftigt, schrieb Gertrude Pincus, die 2008 in Berlin verstarb: „Die vielen glücklichen Jahre, meine Kindheit und frühe Jugend, die ich in Steyr verlebte und dann das unsagbare Leid – der grausame Tod meiner Mutter – hat in mir eine tiefe, schmerzvolle Wunde hinterlassen, die niemals heilen wird.“
Für Partei engagiert
Pincus' Mutter Julie Böck stammte aus der jüdischen Familie Schleifer. Sie war Fürsorgerin, aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten und hatte sich den Sozialdemokraten angeschlossen. Ihr Ehemann Rudolf Böck, ein Nichtjude, war Schlosser und Betriebsrat in den „Werndlwerken“, später Arbeiter in den Steyr-Werken. Die Arbeitersiedlung auf der Ennsleite war ihr Zuhause. 1923 kam Gertrude zur Welt. Die Eltern engagierten sich ehrenamtlich für die Sozialdemokratische Partei, Mutter gab sogar ihren Beruf auf – Doppelverdienst war in der Partei unerwünscht.
Alleinerzieherin
Arbeitslosigkeit und Elend waren in den Dreißigerjahren allgegenwärtig, auch in der Familie Böck. Der Vater war im Ersten Weltkrieg an TBC erkrankt und verstarb daran 1932 im 39. Lebensjahr. Ab dann war Julie Böck auf sich gestellt. Sie arbeitete als Lackiererin in den Steyr-Werken. Dennoch sollte Tochter Gertrude eine höhere Schulbildung erhalten. Als gute Schülerin gewährte man ihr einen Freiplatz im Gymnasium. Doch auch in der Schule wurde der Antisemitismus zunehmend spürbar. Mit dem „Anschluss“ 1938 wurden die Steyrer Juden schrittweise entrechtet und verfolgt. Ein Kindertransport der Quäker nach England 1939 rettete Gertrudes Leben.
Verschleppt und ermordet
Mit ihrer Mutter hielt sie Briefkontakt bis 1941. Julie Böck musste bald in ein unbeheiztes Zimmer in Steyrdorf ziehen, selbst die Lebensmittelkarten wurden ihr gestrichen. Von Wien aus wurde sie 1942 nach Polen verschleppt und ermordet. Heute erinnert noch ein Grabstein am Steyrer Urnenfriedhof an sie.
Gemeinsam mit dem Museum Arbeitswelt übernimmt alljährlich eine Schulklasse oder eine Jugendorganisation die Kosten für die Erhaltung. Am Jüdischen Friedhof der Stadt gedenkt eine Stele an 86 Holocaust-Opfer der jüdischen Kultusgemeinde Steyr.
Nachlese: Waltraud und Georg Neuhauser, „Fluchtspuren. Überlebensgeschichten aus einer österreichischen Stadt“ (Grünbach, 1998)
Im Frühjahr 2021 erscheint von Waltraud Neuhauser-Pfeiffer eine Broschüre zum Thema „Jüdisches Leben in Steyr“.


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