Wo bleibt der Lokalpatriotismus?
STEYR. Vier Jahre vor dem geplanten Baubeginn der Westspange kommt Schwung in die Debatte. Das ist gut, mein Tips-Leser Christian Kreil in seinem Leserbrief.

Ich bin Anrainer der Seifentruhe und ab vier Uhr morgens schalten Lastkraftwagen gefühlte Zentimeter neben meinem Ohr vom dritten auf den zweiten Gang. Eine Umfahrung klingt für mich verlockend. Arbeitet man sich tiefer in die Materie ein, tauchen freilich Zweifel auf. In einem Interview vor sieben Jahren lobte Norbert Loichl, Chef des Speditionsunternehmens Duvenbeck den geplanten Bau der Westspange so: „Jeder kürzere Weg hilft uns natürlich.“ Der Mann weiß, wovon er spricht, er dirigiert eine recht ansehnliche Flotte von Lastkraftwagen vom Standort Haag aus durch die Lande.
Sieger und Verlierer
Recht offen äußerte sich bis vor kurzem die Wirtschaftskammer in Positionspapieren zu Transitrouten durch unser Land. In denen spielte Steyr eine wesentliche Rolle. Da war die Westspange angeführt als eines der letzten Glieder, das noch fehlt in einer flotten Transversale von Nord nach Süd. Diese Dokumente sind verschwunden aus dem Netz, seit es Widerrede gibt zu dieser überregionalen Transitroute. Auch das darf einen stutzig machen. Und bei den Träumen und Wünschen einer Strecke von Nord nach Süd geht es nicht um die Pendler von Gleink nach Sierning oder und um Skifahrer, die an einem schönen Wintertag vom Resthof auf die Höss ein paar Minuten Zeit gewinnen. Für die macht das Land keine 60 (oder vermutlich weit mehr) Millionen Euro locker. Es geht um eine elegante Variante für den Transitverkehr von Freistadt bis zur Pyhrnautobahn bei der Auffahrt Klaus. Es gibt Sieger und Verlierer bei solchen Projekten. Eine direkte Verbindung vom Mühlviertel nach Süden wäre kommod für die Linzer, die ohnehin eine neue Transitroute bauen mitten durch ihre Stadt und die dafür gerne ihre schon bestehende Stadtautobahn ein wenig entlastet sehen vom Nord-Süd-Transit. Und selbstverständlich auch für die Spediteure, für die Zeit Geld ist und eine mautfreie und ampellose Abkürzung durch Steyr eine nette Geste und eine Alternative zur etwas teureren, aber bereits bestehenden Westspange - der West- und Pyhrnautobahn.
Ob das Projekt für Steyr und die Steyrer gut ist, steht auf einem anderen Blatt.
Konsequenzen tragen
Ein paar Jahre haben wir noch Zeit zur Diskussion des Projekts und um die essentiellen Fragen zu klären: Wer profitiert von der Westspange Steyr, wer zahlt drauf, was kostet der Stadt die Trasse durch unverbautes Stadtgebiet? Und dabei geht es nicht nur um Baukosten. Auch wenn das Land 90 Prozent der Kosten stemmt, werden wir in Steyr zu 100 Prozent die Konsequenzen zu tragen haben. Die Trasse frisst jedenfalls weit mehr als die 20 Hektar, die für Beton und Bankett verplant sind. Für die Stadtentwicklung ist ein breites Band links und rechts der Trasse verbranntes Land. Die Speckgürtelgemeinden kommen mit dem Umwidmen in Bauland für ruhebegeisterte Bürger gar nicht nach. In Wolfern und Dietach etwa erfreut man sich an grünen Hanglagen mit Blick auf den Großen Priel und der Nähe zur Stadt. Und es ist wohl kein Zufall, dass die „Entlastung“ in Form eines Betonstreifens durch Steyrer Stadtgebiet führt und nicht ein wenig weiter ausholt. Das würde Sinn machen, aber Gemeinden und Landwirte tangieren, die der Landesregierung politisch näher stehen.
Von den Medien erwarte ich mir, dass die Pläne und Äußerungen von Landespolitikern kritisch hinterfragt werden und der Lobbyismus und die Interessen von Frächtern, Baulöwen und Schotterbaronen thematisiert wird. Von der Steyrer Politik erwarte ich mir einen gesunden Lokalpatriotismus. Wir haben das Recht, in Sachen Infrastruktur gegenüber dem Land nicht als Bittsteller auftreten zu müssen, und wir haben auch das Recht, Nein zu sagen, wenn eine Straße durch unsere Stadt nicht im Interesse unserer Stadt ist.
von Christian Kreil, Steyr


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28.06.2022 13:44
Chapeau, Herr Kreil
Herr Kreil wohnt in der Seifentruhe, der alten Steyrer "Umfahrung". Es zeugt von Größe und Weltoffenheit, dass er öffentlich Zweifel am Bau der Westspange eingesteht und essentielle Fragen geklärt sehen möchte. Die meisten Westspangen Gegner ( dazu zählen viele Steyrer Politiker ) sind uninformiert, glauben dem LandOÖ blindlings, interessieren sich überhaupt nicht für Fakten. Es wäre so einfach sich zu informieren z.B. beim Sonnenblumenfest oder einem Vortrag mit anschließender Diskussion. Kommen dorthin keine Gegner, weil sie fürchten, doch noch Befürworter zu werden?
23.06.2022 15:58
Dafür oder dagegen?
Herr Kreil scheint die Lager gewechselt zu haben. Von einem Befürworter auf e-steyr.com zu einem Skeptiker bei tips. https://www.e-steyr.com/steyr-news/leserbriefe/3574-leserbrief-die-westspange-eine-chance-die-wir-nutzen-koennten
15.06.2022 14:05
Wo bleibt der Lokalpatriotismus?
Am 22.12.2010 haben der damalige LH Stv. Franz Hiesl und der damalige Bürgermeister der Stadt Steyr Gerhard Hackl, eine „Politische Vereinbarung zwischen der Stadt Steyr und dem Land Oberösterreich“ betreffend „Straßenabtausch, Projektentwicklung Westspange und Umbau von Posthof- und Taborknoten“ unterschrieben. Grundsätzliche Teilung der Investitionen Tabor- und Posthofknoten (Minimalvariante) Kosten 5.300.000 Stadt 33% Land 67% Ennserstraße vierstreifig Kosten 3.000.000 Stadt 20% Land 80% Westspange Kosten 27.000.000 Stadt 10% Land 90% Alleine an den vereinbarten Straßenbauprojekten und den dabei angeführten Kostenaufteilungen kann man die Interessenslage zwischen Stadt und Land und die Zielsetzung dieser Bauvorhaben ablesen. Wenn man dann auch noch die Strecke nach Fertigstellung der Tschechischen Autobahn D3 zwischen Prag und Wullowitz (2025), der S10 bis zur A7 und die vom Linzer Bürgermeister stadtfern von Linz geforderte Ostumfahrung mit Anbindung der Ennser und Steyrer Industriebetriebe auf einer Landkarte sieht, wird einem die ganze Tragweite und unglaubliche Verlogenheit dieser „Entlastungslüge“ für Steyr bewusst. Die Westspange Steyr stellt nichts als eine zusätzliche Abkürzungs- und Mautersparnis-Variante der im Entstehen begriffenen Nord-Süd Transitroute zwischen dem Norden Europas und dem slowenischen Adria Hafen Koper dar. Steyr hat davon 100% der Belastung und darf zusätzlich 10% der Kosten (min. 6 Mio) übernehmen. Lokalpatriotismus der Steyrer Politik oder gar eine ihrem Eid entsprechende zukunftsorientierte und auf die Menschen und die Umwelt von Steyr bedachte Politik - Fehlanzeige. Man beugt sich den Wünschen der Transportlobby (WKO) und von Politikern des Landes Oberösterreich. BGM Hackl hat die Vereinbarumg in vollem Bewusstsein der Tragweite für Steyr unterschrieben und BGM Vogl traut sich nicht zu seiner inneren Überzeugung zu stehen und diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Einfach nur beschämend …