Die Steyrerin Helene Reis, ein Opfer des Holocaust
Der 27. Jänner ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Er erinnert an die Opfer der Shoah und die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vor 78 Jahren.Das Schicksal von Helene Reis, einer Steyrer Jüdin, führt vor Augen, wie schnell Bürger:innen unserer Stadt unter dem NS-Regime zu unerwünschten Personen erklärt, verfolgt, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Viele begrüßten das Hitler-Regime und nur wenige protestierten unter Lebensgefahr.
Leben und Arbeiten
Helene Reis erblickte als Tochter von Gottfried Reis (geb. 1850) und seiner Frau Rosa (geb. 1857) am 13. August 1886 das Licht der Welt. Gottfried Reis war Spirituosenhändler, zunächst am Stadtplatz und später in der Gleinkergasse 18. Um die Jahrhundertwende übte er einige Jahre das Amt des Vorstehers der Steyrer Israelitischen Kultusgemeinde aus und war auch im k.k. Stadtschulrat vertreten. Nach seinem Tod 1930 - die Mutter war bereits 1908 verstorben - erbte seine Tochter Helene Haus und Geschäft und führte es weiter. Helene Reis war in den 1930er-Jahren im Beirat der Israelitischen Kultusgemeinde tätig und übernahm ab 1933 die Kassaführung.
„Anschluss“ und Hetze
Nach dem „Anschluss“ von Österreich an Hitlerdeutschland im März 1938 wurden die judenfeindlichen Gesetze auch in Steyr vollzogen und die NS-Propaganda in der gleichgeschalteten Presse förderte den Antisemitismus in der Steyrer Bevölkerung.Bald wurde die jüdische Bevölkerung in hetzerischer Manier in den NS-Blättern verunglimpft:
Es dürfte der Tag nicht mehr allzu ferne sein, an welchem alle Söhne Israels, einerlei ob getauft oder ungetauft, restlos aus unserer Stadt verschwunden sein werden. [...“ Tränen dürften diesen artfremden Schmarotzern wohl kaum nachgeweint werden, außer von jenen rührseligen, weichherzigen Humanitätsaposteln, die behaupten: „Ja, aber die Juden sind doch auch Menschen!“ Dies stimmt vollkommen, doch sei diesen entgegnet, dass auch Wanzen Tiere sind und trotzdem, im Gegensatz zu anderen Lebewesen, ihre Gattung äußerst unerwünscht ist, nirgends gelitten, sondern solidarisch von allen Kulturvölkern der Erde äußerst verfolgt werden.(Steyrer Volksstimme, 2.9.1938, 7)
... und in den Tod getrieben
Helene Reis nahm an der allerletzten Sitzung der jüdischen Kultusgemeinde vom 27. Juni 1938 teil. Bereits am 19. April 1938 hatte die Gestapo Linz bei Helene Reis eine Hausdurchsuchung durchgeführt und Sparbücher, Aktien und Bargeld beschlagnahmt. Mit 1. Juli 1938 wurde das Vermögen der Helene Reis als volks- und staatfeindlich zugunsten des Landes Österreich rückwirkend zum 1. Mai 1938 eingezogen. Schließlich wurde die Firma an „Theodor Purkhart, Spirituosen- und Likör-Erzeugung, Essig- und Teegroßhandlung“ verkauft. Purkhart inserierte die Erwerbung im November 1938 als „arische Übernahme“ in der Lokalpresse. Er kaufte im November 1939 auch das Gebäude weit unter dem Schätzwert.
Helene Reis ging - vermutlich gemeinsam mit ihren Schwestern Luise Kohn (geb. 1882) und Hedwig Mayer (geb. 1879) - nach Wien und nahm sich mit ihnen gemeinsam am 15. Jänner 1942 das Leben.
1949, vier Jahre nach Kriegsende, wurde das Haus im Zuge eines Rückstellungsverfahrens an ihre Schwester Josefine Spitz und ihre Nichte Rosa Tropano zurückgegeben.
Im Mai 2023 soll mit einem „Stolperstein“ an Helene Reis vor ihrem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus, Gleinkergasse 18, erinnert werden. Auch das ist als bescheidener Versuch zu verstehen, die unheilvolle Geschichte nicht aus dem allgemeinen Gedächtnis schwinden zu lassen, weil nur eine wissensbasierte Erinnerungskultur einen wesentlichen Bestandteil demokratischen Bewusstseins und Handelns darstellt.
©Waltraud Neuhauser-Pfeiffer
Weiterführende Literatur:Neuhauser-Pfeiffer, Waltraud: Dazugehörig? Jüdisches Leben in Steyr von den Anfängen bis in die Gegenwart (Steyr, Verlag Ennsthaler 2021)


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