STEYR. Die Befreiungsfeiern 2026 widmen sich dem Thema „Täter im Nationalsozialismus“. Die Zeitgeschichtsforscher und Autoren Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Erwin Dorn beleuchten zwei Beispiele aus Steyr.

Der 5. Mai 1945 war der letzte Tag des Zweiten Weltkrieges für Oberösterreich. Über 1.000 Steyrer haben ihr Leben durch Kriegseinwirkungen verloren, sei es als Soldaten oder durch Fliegerangriffe. Auch viele KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Fremdarbeiter, Flüchtlinge und ortsfremde Zivilisten wurden getötet.
Schwere Bombenangriffe im Februar und April 1944 zerstörten die Industrieanlagen der Steyr-Werke. Auch Wohnobjekte und Lager für Zwangsarbeiter wurden getroffen, wie das Lager der Französinnen beim „Dunklhof“ in der Waldrandsiedlung und das „Objekt XIII“ im Wehrgraben, wo etwa 60 italienische Kriegsgefangene verbrannten, weil alle Ausgänge versperrt waren.
Die Folgen für die Steyrer in der Nachkriegszeit waren einschneidend: Wohnungsnot, Hunger, Flüchtlingslager und Besatzung. Doch wer musste sich für das vielfache Morden, die Gewaltverbrechen, die Zerstörungen und all das Elend nach dem Krieg verantworten? Und warum machten so viele mit oder sahen weg?
Zwei Steyrer: Otto Perkounig und Franz Reichleitner
Neben dem damaligen Gauleiter von „Oberdonau“ August Eigruber machten auch andere Steyrer Karriere im NS-Regime, wie Franz Reichleitner und Otto Perkounig.
Perkounig wurde am 27. August 1915 in Steyr geboren und arbeitete ab Juni 1933 als Schlosser in den Steyr-Werken, stieg zum Werkmeister auf. Von 1936 bis 1938 diente er im Bundesheer und trat Anfang Oktober 1938 der „Deutschen Wehrmacht“ bei. Bis dahin waren seine und die von Franz Reichleitner zwei unauffällige Berufskarrieren.
Die Verstrickung
Im März 1939 wurde Otto Perkounig Mitglied der SS. Im August 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und kam in Polen und an der Westfront zum Einsatz. Die Steyr-Werke befürworteten Ende Jänner 1940 seine Unabkömmlichsstellung. Von Oktober 1941 bis September 1944 war er Werkmeister in der Gewehrfabrik in Radom in Polen.
Im besetzten Polen dienten ab Dezember 1939 die „Staatlichen Rüstungswerke“ in Warschau und in Radom für den Steyr-Konzern als Zulieferbetriebe für Waffenteile. Die Führungskräfte für die Gewehrfabrik in Radom kamen aus Steyr.
Juden aus den zwei Ghettos von Radom mussten Zwangsarbeit leisten. Nachdem die Ghettos im August 1942 aufgelöst und die als arbeitsunfähig Eingestuften in das Vernichtungslager Treblinka deportiert worden waren, errichteten die Steyr-Werke ein eigenes Lager für arbeitsfähige jüdische Zwangsarbeiter in der Nähe der Fabrik.
„Schlächter von Radom“
Otto Perkounig wurde von Überlebenden als „Schlächter von Radom“ bezeichnet. Zeugen berichteten unter anderem, dass er kranke, arbeitsunfähige Zwangsarbeiter auf eine „schwarze Liste“ setzen ließ, was ihren sicheren Tod bedeutete. Als die „Rote Armee“ im Juli 1944 näher rückte, erfolgten der Abtransport der Maschinen, die Auflösung des Betriebes und der Rückzug der Steyr-Daimler-Puch AG aus Radom. Die 1.800 jüdischen Zwangsarbeiter wurden nach Auschwitz deportiert.
Kommandant von Vernichtungslager
Franz Reichleitner wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938 Gestapobeamter in Linz. Der entscheidende Wendepunkt in Reichleitners Leben war jedoch seine Einbindung in die „Aktion T4“, das NS-Programm zur systematischen Ermordung von Menschen mit Beeinträchtigungen und psychisch Kranken.
In der Tötungsanstalt Hartheim, wo von Mai 1940 bis zum Ende des Krieges mehr als 30.000 Menschen getötet wurden, fungierte Reichleitner als Büroleiter. Die Opfer wurden unter dem Vorwand medizinischer Untersuchungen in das umgebaute Schloss gebracht und dort am gleichen Tag in Gaskammern mit Kohlenmonoxid ermordet. Ihre Leichname wurden im Krematorium verbrannt, während Reichleitner und sein Vorgesetzter Franz Stangl die Vertuschung der Verbrechen koordinierten.
Im September 1942 wurde Reichleitner zum Kommandanten des Vernichtungslagers Sobibor bestellt. Dort setzte er die Methoden der „Aktion T4“ ein. In Sobibor wurden rund 150.000 überwiegend jüdische Menschen ermordet.
Nach der Auflösung des Vernichtungslagers Sobibor im Oktober 1943 wurde Reichleitner in das besetzte Oberitalien abkommandiert, um gegen Partisanen zu kämpfen und die dort lebende jüdische Bevölkerung zu ermorden. Am 3. Oktober 1944 wurde er von Partisanen in der Nähe von Rijeka getötet.
Der lange Schatten und die Schuldfrage
Nach Kriegsende wurde Otto Perkounig als NS-Täter im Internierungslager „Glasenbach“ bis 1947 festgehalten. Nach mehreren Anklagen und Verhaftungen wurde gegen Perkounig schließlich im Januar 1953 am Volksgericht Innsbruck ein Verfahren eingeleitet. Ihm wurden in der Anklageschrift Kriegsverbrechen, Mitschuld an Mord, Quälereien und Misshandlungen zur Last gelegt. Aus den Zeugenaussagen geht auch hervor, dass er Häftlinge wahllos mit der Peitsche schlug, bis zur Arbeitsunfähigkeit und sogar bis zur Ohnmacht prügelte.
Trotz der erdrückenden Beweislast sprach das Gericht Perkounig wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen am 22. Juli 1953 frei. Endgültig eingestellt wurde das Verfahren nach mehrmaligen Versuchen, es wieder aufzunehmen, erst im Oktober 1991.
Grab über dem Gardasee
Der Schatten von Franz Reichleitner reicht bis in die Gegenwart. Seine Überreste liegen zusammen mit anderen hochrangigen NS-Tätern auf dem Friedhof der Gemeinde Castermano, hoch über dem Gardasee. Obwohl die Namen aus dem Gedenkbuch in den 1980er-Jahren gestrichen und ihre Dienstgrade auf dem Grabstein unkenntlich gemacht wurden, bleibt die Debatte um die Erinnerung an ihre Taten und ihre Schuld bestehen.
Quelle: Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Erwin Dorn


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