„Das Nie wieder beginnt im Alltag“
TERNBERG. Mehr als 250 Menschen gedachten in der Pfarrbaracke Ternberg auf Einladung der Katholischen Jugend der Region Ennstal der Opfer des Nationalsozialismus im KZ-Außenlager.

Die Rede zum 18. Gedenken hielt die Musikerin und Sängerin Stefanie Poxrucker, Mitglied des bekannten Dialekt-Pop-Trios „Poxrucker Sisters“. Sie erinnerte die Jugendlichen daran, dass das „Nie wieder“ kein bloßes Gedenken an die Vergangenheit, sondern eine bewusste Entscheidung in der Gegenwart sei.
In Ternberg hatte sich zwischen 1942 und 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen befunden. Die heutige Pfarrbaracke war einst die Küchenbaracke des Lagers.
2008 war im Zuge der Aktion „72 Stunden ohne Kompromiss“ mit 45 Jugendlichen im Keller der Pfarrbaracke in Ternberg ein Gedenkraum errichtet worden. Seither findet hier jährlich eine Gedenkfeier statt, ebenso werden auf Anfrage Führungen angeboten und auch ein pädagogisches Begleitkonzept wurde erarbeitet.
Die Gedenkfeier stand gemäß dem Jahresschwerpunkt des Mauthausen Komitees Österreich unter dem wichtigen und zugleich herausfordernden Motto „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“. Moderiert und geleitet wurde der Abend von Cornelia Kreusel, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Jugendpastoralteam der Pfarre Ennstal, und Anita Buchberger, Initiatorin des Gedenkraums und seither in der Gedenkkultur ehrenamtlich Engagierte.
Grausam und herzzerreißend
Stefanie Poxrucker spannte in ihrer Rede den Bogen von den Erfahrungen ihrer eigenen Familie während der Zeit des Nationalsozialismus bis zur Verantwortung der Gegenwart. Sie erinnerte an ihre Urgroßmutter, die ihre Söhne unbedingt vor dem Kriegsdienst bewahren wollte: „Als der jüngste Sohn in den letzten Kriegsmonaten alt genug wurde, um einzurücken, verbrannte meine Urgroßmutter seine Beine mit kochend heißem Wasser, damit eine Einberufung verhindert werden konnte. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern und diese Taten erscheinen mir einfach grausam und herzzerreißend. Wie viel Angst muss eine Mutter haben, um zu so einer Entscheidung zu kommen?”
Ihre Urgroßmutter war es aber auch, die einem desertierten Nachbarn trotz großer Gefahr Unterschlupf gewährte. Diese Geschichten zeigten für Poxrucker, „wie sie in dieser Realität Entscheidungen trafen und in diesem brutalen System Handlungsmöglichkeiten suchten“. Zugleich warnte sie davor, die damaligen Ereignisse ausschließlich mit dem Blick von heute zu beurteilen. Niemand könne mit Sicherheit sagen, wie er oder sie selbst in einem Regime aus Angst, Terror und Krieg gehandelt hätte.
Mit Blick auf die Gegenwart betonte Poxrucker, dass ein Verbrechen wie der Nationalsozialismus nicht durch eine einzelne Entscheidung entstehe, sondern durch das Zusammenspiel von Menschen, die Befehle geben, ausführen, organisieren, profitieren oder schweigend wegsehen.
Menschlichkeit leben
Besonders eindringlich verwies sie wie Bischof Manfred Scheuer auf den Begriff der „Banalität des Bösen“ und hob hervor, dass Zivilcourage bereits im Denken beginne: „Nicht einfach mitmachen. Nicht einfach übernehmen.“ Das oft zitierte „Nie wieder“ müsse deshalb viel früher ansetzen, nämlich dort, „wo aus Menschen plötzlich ,die anderen‘ werden“ und ihnen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung der Wert abgesprochen werde.
Poxrucker machte deutlich, dass Menschen heute Handlungsspielräume hätten und Verantwortung übernehmen könnten. „Wir können widersprechen, ohne dafür unser Leben riskieren zu müssen“, betonte sie und rief dazu auf, Menschlichkeit im Alltag zu leben. Das Erinnern sei deshalb nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch eine tägliche Entscheidung für Mitmenschlichkeit und Demokratie.
„Wir können nur entscheiden, wie wir uns heute verhalten“, erklärte sie und schloss mit dem Appell, das „Nie wieder“ immer wieder einzuüben: „Wir üben für den Ernstfall.“








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