Auswege aus herrschenden Krisenszenarien
STEYR. Das fünfte Redtenbacher Symposium in Steyr stand unter dem Motto „Macht:Vernunft:Weisheit“. Rudolf Skarics fasst die Veranstaltung zusammen.

„An der humanen Entwicklung des industriellen Publikums fehlt es noch sehr...“ Was Ferdinand Redtenbacher schon im 19. Jahrhundert auf den Punkt brachte, gilt heute mehr denn je. Ohne transdisziplinäres Denken gibt es keinen Ausweg aus den herrschenden Krisenszenarien. Wissenschaftliche Bewältigungsstrategien aus vier sehr unterschiedlichen Blickwinkeln.
„In diesem Kosmos herrscht eine gewisse eingeschränkte Art der Vernunft, die sehr stark von Vermehrungs- und Optimierungslogiken geprägt ist“, sagt Wolfgang Steiner, Präsident der Redtenbacher Gesellschaft in seinen einleitenden Worten und fügt hinzu: „Das Symposium Macht:Vernunft:Weisheit soll daher die Bandbreite des Vernunftbegriffs reflektieren, der in gegenwärtigen Auseinandersetzungen immer wieder zutage tritt. Vernunft einerseits als technisch organisatorische Fähigkeit, Macht über die Natur und den Menschen ausüben zu können und Vernunft andererseits als das Vermögen, ein weises Leben in Eintracht mit Mensch und Natur zu führen. Und bevor die Vernunft in den selbstzerstörerischen Wahnsinn einer aus den Fugen geratenen Wachstumsgesellschaft umschlägt, und sich zudem Korruption und Massenbetrug auszubreiten drohen, wird das Nachdenken über Auswege aus diesem Weber’schen Gehäuse immer dringlicher.“
Mit diesen Worten setzt Wolfgang Steiner auf die Grundsätze des aus Steyr stammenden Ferdinand Redtenbacher auf. Dieser erkannte schon in der Frühzeit der Mechanisierung unseres Lebens humanistische Defizite, indem er sagte: „Mir liegt die Kultur des industriellen Publikums am Herzen, in der Anwendung der Naturkräfte hat man in der Tat bereits eine große Virtuosität erreicht, aber an der humanen Entwicklung des industriellen Publikums fehlt es noch sehr“.
Paradigmatik der Ökonomie
Mit „Ökonomik in Krisenzeiten – Krise der Ökonomik?“ befasst sich der neue Direktor des Wirtschaftsforschungs-Instituts (WIFO), Gabriel Felbermayr. Die Macht gehe mit der Verfügungsgewalt der Produktionsmittel einher: „Die Treiber wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Entscheidungen sind die Mächtigen in einem System, aber es bildete sich schon zu Redtenbachers Zeiten ein Gegengewicht in Form von Arbeitnehmervereinigungen und Gewerkschaften.“ Felbermayr ergänzt, dass die Ökonomen über keine Ziele verfügten, sie böten lediglich die Instrumente, diese zu erreichen. Die Ziele selbst, etwa eine möglichst gleiche Verteilung der Einkommenshöhe, kämen aus der Gesellschaft.
Das Ziel des bedingungslosen Maximierens des Bruttoinlandsprodukts, das sehr oft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, wäre keine Ökonomie der Hörsäle und Universitäten: Auch eine Wachstumsstrategie enthalte viele andere Faktoren, etwa Umweltqualität und Lebenserwartung.
Überraschend auch Felbermayrs Feststellung, dass das, was wir messbar machen, was messbar ist, dann auch schnell zu einer Größe, zu einem Zielwert wird: „Wenn wir über Wohlfahrt oder Wohlstand sprechen, sprechen wir auch explizit über Optimierung. Das bringt die Ökonomen doch in die Nähe der Technik.“ So kämen die technischen Modelle, die in der Ökonomik eingesetzt werden, häufig aus der Thermodynamik.
Neue Strukturen
Sigrid Stagl, Gründerin des Instituts für Ecological Economics und Leiterin des Deapartments of Socioeconomics an der Wiener Wirtschaftsuniversität umreißt die Situation in ihrem Vortrag „Neue Strukturen für zukunftsfähiges Wirtschaften“ folgendermaßen: Die letzten sieben Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Sie macht darauf aufmerksam, dass die Durchschnittstemperatur bereits um einen Grad gestiegen ist und dass wir derzeit auf einem Pfad von 2,7 Grad wären. „Der Unterschied zwischen den in Klimazielen vereinbarten 1,5 und 2 Grad klingt manchmal nach einer kleinen Veränderung. Bezüglich extremer Hitzeereignisse ist der Unterschied bei zwei Grad 2,6 mal so stark gegenüber 1,5 Grad. Und beim Artensterben, beim Verlust von Biodiversität, ist die Auswirkung bei 2 Grad sogar dreimal so stark wie bei 1,5 Grad. Die Zerstörung von Lebengrundlagen verschärft Konflikte und Migrationsdruck.“ Die Menschen seien auch nach Region und Geburtszeitraum sehr unterschiedlich von der Klimakrise betroffen. Europa werde weniger spüren als der mittlere Osten und Nordafrika.
Stagl präsentiert die Schaubilder der ökologischen Belastungsgrenzen nach Rockström/Steffen, die 2009 erstmals veröffentlicht und 2015 aktualisiert und beim Weltwirtschaftsforum Davos präsentiert wurden. Danach gebe es nur wenige Länder, die mit ihrer Umweltbelastung keine biophysischen Grenzen überschritten. Eines davon: Bangladesh, aber zu dem hohen Preis extrem niedriger sozialer Standards. Aber Armut sei keine Garantie dafür, innerhalb der planetarischen Grenzen zu bleiben, siehe Albanien.
Vernunft und Weisheit in Naturwissenschaft und Technik
Klaus Wiegerling, Philosoph, Professor am Institut für Technologiefolgenabschätzung und Systemanalyse am KIT Karlsruhe beschreibt in seinem Vortrag „Kriterien ethischer Bewertung von Technologien“ das Dilemma der Entscheidungsfindung bei automatisierten Vorgängen. Klaus Wiergerling: „Auch wenn Konsensfindung in der Ethikbegründung eine wichtige Rolle spielt, lässt sie sich nicht darauf reduzieren. Es gibt Gesellschaften, die sich in Bezug auf die Todesstrafe einig sind. Ob diese Einigkeit ethisch gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.“
Konkret spricht Wiegerling auch vom „Weichenstellerfall“ des Juristen Hans Welzel 1951, der in Zusammenhang mit dem autonomen Fahren immer wieder erwähnt wird. Der Weichensteller hat die Wahl, einen Personenzug auf einen stehenden Zug auffahren zu lassen oder ihn auf eine Baustelle umzulenken und den Tod mehrerer Bauarbeiter zu riskieren. Diese Entscheidung lässt sich anhand vieler anderer Beispiele illustrieren. Wiegerling betont, dass in so einer Situation auch kulturelle Werte eine Rolle spielten: „Man denke nur an die heiligen Kühe in Indien und deren herausragende Bedeutung, auch im Straßenverkehr.“
Wut und Bauchgefühl sind keine Argumente
Für den promovierten Physiker und Wissenschaftspublizisten Florian Aigner stellt sich die Frage, wo ziehen wir die Grenzen zwischen dem, was wir glauben sollen und dem, was wir lieber nicht glauben sollten. In seinem Vortrag „Wissenschaftliches Denken in Krisenzeiten“ zeigt er mit dem Begriff der Falsifizierbakeit eine verlässliche Regel auf. „Wenn ich sage, mein inneres Lichteinhorn befindet sich in guter Resonanz zu diesem Saal, dann ist das keine falsifizierbare Aussage. Es gibt kein denkbares Experiment, das diesen Satz widerlegen könnte. So ist es auch Zeitverschwendung, sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen. Der Satz unser Mond besteht aus grünem Käse, ist zwar falsch, aber wissenschaftlich zulässig, weil ich kann ja hinfliegen und das überprüfen.“
Florian Aigner betont, dass wir uns darauf einigen müssen, welche Argumente im demokratischen Diskurs zulässig sind. „Wut oder Bauchgefühl dürfen in einer Demokratie nicht als Argument anerkannt werden. Wir können gar nicht anders als uns auf die Wissenschaft zu beziehen.“


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