„Die Situation ist alarmierend“
STEYR. Inklusive Schulungsteilnehmer waren in Steyr und Steyr-Land mit Ende Juli 4.017 Menschen auf Jobsuche. Tips hat mit AMS-Chef Peter Hrubant über die aktuellen Entwicklungen am regionalen Arbeitsmarkt gesprochen.

Tips: Die Arbeitslosenrate stieg mit Ende Juli auf 7,3 Prozent. Wie alarmierend ist das?
Peter Hrubant: Nachdem Arbeitsminister Kocher immer den Vergleich der Entwicklung der Arbeitslosigkeit von 2019 auf 2024 sucht, mache ich das auch. Die Zahlen zeigen, dass die Anzahl der Beschäftigten im Arbeitsmarktbezirk Steyr im Vergleich zu den anderen Bezirken spürbar rückläufig ist, was sich natürlich auf die Arbeitslosenquote auswirkt. Bei uns gab es nur 193 Jobs mehr als vor fünf Jahren, in Braunau beträgt der Zuwachs über 3.000, in Wels über 4.000. Also ja, die Situation ist alarmierend.
Tips: Steyr Automotive meldete 200 Mitarbeiter zur Kündigung an. Muss man damit rechnen, dass die Arbeitslosigkeit in der Region noch deutlicher steigt?
Hrubant: Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass sich durch weitere Kündigungen die Situation noch verschärft.
Tips: Wie schätzen Sie die Situation bei Steyr Automotive ein?
Hrubant: Das wirtschaftliche Umfeld macht es ihnen nicht leicht. Die Produktionsvolumina auf dem Markt für Nutzfahrzeuge sinken weltweit und die große Dynamik zur E-Mobilität bei den Nutzfahrzeugen ist zurzeit nicht wirklich vorhanden. Ich lebe trotzdem immer noch in der Hoffnung, dass sich die Vision der Steyr Automotive umsetzen lässt.
Tips: Automobil-Zulieferer kämpfen mit der Auftragslage. Ist Steyr zu sehr von der Industrie abhängig?
Hrubant: Steyr ist eine der führenden Industrie-, Export- und Technologieregionen in Oberösterreich. Der Wirtschaftsraum bzw. Industriestandort Steyr ist von einigen großen Leitbetrieben geprägt. Diese sorgen, gemeinsam mit zahlreichen Klein- und Mittelbetrieben, für interessante und überdurchschnittlich gut bezahlte Jobangebote vor Ort. Natürlich kann es nur Ziel sein, den Branchenmix zu erweitern. Im breiten Mix an Unternehmen und Berufen besteht eine Chance, den Standort zu attraktivieren und zukunftsfit zu gestalten.
Tips: Bürgermeister Markus Vogl hat einen Industriegipfel vorgeschlagen? Gibt es da einen Termin?
Hrubant: Mir ist keiner bekannt – es ist aber eine gute Idee sich gemeinsam Gedanken zu machen.
Tips: In welchen Branchen werden Mitarbeiter gesucht?
Hrubant: Aktuell ist ein deutlicher Stellenrückgang in den Branchen Metall, Produktion und Kunststoff festzustellen. Dieser Rückgang hat auch einen massiven Einfluss auf die Arbeitskräfteüberlasser. In den Branchen Einzelhandel/Lebensmittel, IT, Gastronomie, Sozial- und Pflegebereich ist der Bedarf gleichbleibend hoch.
Tips: Inklusive Schulungsteilnehmern sind über 4.000 Menschen auf Jobsuche. Sind manche Arbeitssuchende zu wählerisch?
Hrubant: Es ist immer wieder herausfordernd, wenn die Qualifikation von Arbeitsuchenden nicht zu den Anforderungen von offenen Stellen passt. Der Großteil unserer Kunden ist auf der Suche nach dem passenden Job und Betrieb und benötigtim Vorfeld einfach noch Unterstützung und/oder Qualifizierung. Gerade der Arbeitsmarkt 2022 und 2023 hat gezeigt, was alles möglich ist, wenn es zahlreiche passende Jobangebote am Arbeitsmarkt gibt.
Tips: Wie lange dauern durchschnittlich Schulungsmaßnahmen? Wie hoch ist die Erfolgsquote?
Hrubant: Grundsätzlich haben wir eine sehr große Bandbreite von Weiterbildungs- und Orientierungsangeboten. Der Bogen spannt sich vom Fachkräfte- und Pflegestipendium über Stiftungsausbildungen bis zu diversen AMS-Kurs- und Orientierungsangeboten. Hier ist 129 Tage die durchschnittliche Verweildauer. Die Erfolgsquote steht natürlich auch im Zusammenhang mit den vorhandenen Jobangeboten vor Ort. Das Erfolgsmodell schlechthin sind die Stiftungen und die arbeitsplatznahe Qualifizierung, da haben wir eine Erfolgsquote von etwa 75 Prozent.
Tips: Die Unterstützungsleistungen sind zu hoch, hört man oft im Volksmund. Ihre Meinung?
Hrubant: Meine 25-jährige Erfahrung als AMS-Mitarbeiter zeigtmir, dass nicht die Höhe der Unterstützungsleistung der größte Treiber für eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit ist. Der größte Lenkungseffekt (neben einem breiten Arbeitsmarkt) sind die verbindlichen Vereinbarungen ab dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit zwischen dem AMS-Berater und den Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind.
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