Lernen hinter Gittern, um „draußen“ wieder Fuß zu fassen
Suben. Im Teufelskreis der Kriminalität gefangen zu sein bedeutet für viele Menschen ein Leben hinter Gittern. Oft ist die einzige Perspektive zumindest im Gefängnis ein geregeltes Leben führen zu können. Zwar gibt es keine konkreten Zahlen, aber es wird vermutet, dass 70 Prozent der Straftäter nach ihrer Entlassung zumindest einmal wieder im „Häfen“ landen. Diesem Kreislauf will ein 26-jähriger Häftling der Justizanstalt Suben entfliehen und schaffte in Zusammenarbeit mit der Handelsakademie Schärding innerhalb weniger Monate den Handelsschulabschluss.

Die Schule abgebrochen, irgendwann auf die schiefe Bahn geraten, ein Weg, der schließlich mit einer mehrjährigen Haftstrafe in der Justizanstalt Suben endete. Ein 26-Jähriger nutzte aber seine Haftzeit, um etwas zu schaffen. Im vergangenen Jahr beschloss er, den Handelsschulabschluss zu machen. „Es ist heute ohne Ausbildung unmöglich einen Schritt weiterzukommen und ich will draußen Fuß fassen“, erklärt der Mann. Unterstützt wurde er dabei von der Ausbildungsstelle der Justizanstalt, der Handelsakademie und Herbert Lugschitz, einem pensionierten HAK-Lehrer, der den 26-Jährigen in Rechnungswesen und Betriebswirtschaft unterstützte. Die Schule stellte Lehrbücher sowie einen Laptop zur Verfügung. „Es war für mich unbeschreiblich, wie positiv ich von den Lehrern aufgenommen wurde“, so der 26-jährige Häftling.
„Solche Projekte sind sehr wertvoll für die Ruhe und die Sicherheit in der Anstalt. Für die Insassen sind Erfolgserlebnisse und das Gefühl „nun habe ich zum ersten Mal etwas abgeschlossen“ sehr wichtig“, erklärt Anton Zweimüller von der Ausbildungsstelle, „es ist unser Ziel den Menschen Perspektiven zu bieten und ihnen zu zeigen, welche Möglichkeiten sie haben.“ So gäbe es im Subener Gefängnis kaum einen Beruf, den man nicht lernen könnte. „Demnächst schließen fünf Bäckerlehrlinge die Ausbildung ab“, ergänzt Zweimüller.
Jede Prüfung geschafft
Der 26-Jährige schaffte in kurzer Zeit den Handelsschulstoff von drei Jahren. „Ein paar Fächer waren schon knifflig, wie Rechnungswesen oder Betriebswirtschaft. Trotzdem ist es mir bei den beiden Fächern relativ gut gegangen. Da war mein Interesse dabei. Ich konnte eine Verbindung herstellen, wie dies in der Praxis umsetzbar ist oder wie ich es für mein Leben verwenden kann. Im Grunde war alles interessant, es war nicht so wie in der Schule, die ich damals angefangen hatte, wo ich nicht wusste, wofür ich lerne. Das hier ist nun etwas, das mich wirklich weiterbringt“, freut sich der Insasse. Sein Lieblingsfach? „Politische Bildung und Recht sowie Geografie waren meine Lieblingsfächer. Wenn ich heute vor einem Atlas sitze, kann ich davor auch drei Stunden verbringen und es wird nicht langweilig“, sagt der Mann. Bei den „kniffligen“ Fächern, wie er meinte, wurde er ehrenamtlich von Herbert Lugschitz unterstützt – für diesen eine Ehrensache. „Es war mein erster Schüler in der Justizanstalt. Ich bin jede Woche für zwei Stunden hingefahren und dann haben wir Buchhaltung von null an gelernt“, erklärt der Lehrer. „Ich fand es sehr sinnvoll, dass er die Zeit in der Anstalt nützt, um sich ein Standbein aufzubauen. Die Handelsschule ist sicherlich ein Sprungbrett in den Beruf. Damit kann man wirklich etwas anfangen. Ich habe ihm auch bereits Jobangebote mit HAS-Abschluss gezeigt“, so Lugschitz weiter, „erstaunlich war für mich die Motivation, die er hatte. Sein Antrieb für das ganze Projekt. Er war richtig süchtig danach, etwas lernen zu können.“ Und so schaffte der Insasse jede Prüfung auf Anhieb. „Meine schlechteste Note war eine Drei in Wirtschaftsinformatik“, meint der Insasse. Auf die Frage, ob er bei den Prüfungen nervös gewesen sei, erklärt er: „Die erste Prüfung war politische Bildung. Meine größte Angst war, nicht zu wissen, wie die Lehrer auf mich reagieren. Ich, einer aus dem Häfen. Weniger machte ich mir Gedanken, ob ich den Stoff kann. Bei der dritten Prüfung hat sich das dann gelegt. Bei der Abschlussprüfung war ich auch sehr nervös“, schmunzelt der 26-Jährige, der nun in ein paar Monaten zurück in den Alltag entlassen wird. „Ich werde voraussichtlich im Dezember entlassen und werde mich dann sofort in den Arbeitsmarkt stürzen, versuchen vielleicht bei einem namhaften Unternehmen in der Buchhaltung unterzukommen und mich dann nach oben zu kämpfen“, so der Mann über seine Zukunftspläne. „Es gibt auch an unterwarteter Stelle Menschen, die ein Angebot freudig aufnehmen und etwas daraus machen“, resümiert auch seinLehrer Herbert Lugschitz über das gelungene Projekt. „Es wird das erste Mal in meinem Leben sein, dass positiv über mich in der Zeitung berichtet wird“, so der Mann abschließend.
Schlosserlehre abgeschlossen
Ein weiteres positives Beispiel meldet die Justizanstalt von einem 42-jährigen Häftling, der kürzlich seine Schlosserlehre abgeschlossen hat. „Ich sehe die Zeit hier als meine Lehrzeit. Es war zwar nicht einfach nach so vielen Jahren wieder zu lernen, aber so hatte die Zeit wirklich Sinn. Solche Angebote sollte man nützen“, erklärt der 42-Jährige. Aktuell machen 16 Häftlinge in Suben eine Lehre, zahlreiche weitere befinden sich in Weiterbildungskursen, vier Insassen machen gerade ihren Führerschein.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden