AKW Zwentendorf: Traismaurer Zeitzeuge erinnert sich
ZWENTENDORF/TRAISMAUER. Es war der Sonntag, der 5. November 1978, als sich eine knappe Mehrheit der österreichischen Bevölkerung in einer Volksabstimmung gegen das Atomkraftwerk (AKW) Zwentendorf aussprach. Der Traismaurer Stefan Kastner war am Bau des AKW maßgeblich beteiligt – und stimmte am 5. November mit „Nein“ ab.

Alles begann, als Stefan Kastner am 1. Jänner 1974 seitens der Siemens KWU Bauleitung mit der Lagerleitung für das AKW betraut wurde. „Vier Lagerhallen im Ausmaß von je 500 Quadratmetern sowie zahlreiche Außenlagerplätze waren mein Reich, wo jeden Tag dutzende Transporte abgeladen wurden“, erinnert sich der Traismaurer. Jeden Arbeitstag habe es drei Verzollungen, also eine Hausbeschau, vom Zollamt Langenlebarn gegeben. Es sei auch ein eigener Zolldeklarant der Firma Panalpina vor Ort gewesen.
Täglich ein Ameisenhaufen
„Das Ausmaß der Warenbewegung war enorm! Die Baustelle glich an manchen Tagen einem Ameisenhaufen! Die Zufahrtsstraße zum AKW war mit LKWs zugepflastert. Eine Herausforderung! Doch ich hatte mit den LKW-, Kran-, Stapler- und Unimog-Fahrern ein gutes Team und für die damalige Zeit etwas Neues: eine sehr große Traglufthalle“, unterstreicht Kastner. Nach und nach seien auch die Fremdfirmen am Gelände angekommen: unzählige Rohrbaufirmen oder etwa Gerüstfirmen – die Bau ARGE wurde immer größer. „Zu dieser Zeit war es die größte Baustelle Österreichs“, so der Traismaurer.
„Wertvolle Erfahrung“
Als die Proteste gegen AKWs in der BRD begannen, sei immer mehr Personal aus Deutschland nach Zwentendorf gekommen. „Viele Baustellen mussten in der BRD einen Baustopp einlegen. So kam es, dass die Bauleitung vergrößert werden musste“, berichtet Kastner, der sich noch heute gerne an viele der Bau-Kollegen erinnert. „Wir sind mit Tränen in den Augen auseinander gegangen. Es war ein Traum, auf dieser Baustelle gearbeitet zu haben und für meine spätere Entwicklung im Arbeitsleben die wertvollste Erfahrung, die mir passieren konnte“, betont Kastner.
Immer mehr Zweifel
Im Jahr 1978 kamen bei dem Traismaurer aber immer mehr Zweifel betreffend „Ja zur Atomkraft“ auf. „So kam es, dass ich mit „Nein“ stimmte“, erklärt Kastner, für den damals drei Gründe ausschlaggebend gewesen seien. „Erstens drehte die Stimmung auf der Baustelle unter den Mitarbeitern. Viele hatten ihre Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Atomkraft, obwohl sie mit ihr gutes Geld verdienten. Halbwahrheiten und Gerüchte betreffend Pannen beziehungsweise Unfälle in AKWs in der BRD machten die Runde“, berichtet Kastner. Das wichtigste Argument gegen Atomkraft in Österreich sei für ihn jedoch die ungeklärte Atommüll-Endlagerung gewesen. „Ein weiterer Punkt war die politische Verknüpfung von Bundeskanzler Bruno Kreisky, der sagte, dass er bei einem „Nein“ seine politischen Ämter zurücklegen würde“, so Kastner.
Heißtest und Abstimmung
Im Sommer 1978 sei wieder Bewegung in die Mannschaft der Siemens KWU gekommen. „Der Heißtest stand auf dem Programm! Dieser bezog sich nur auf den Reaktor und die unmittelbar damit verbundenen Systeme. Die Turbine war davon nicht betroffen“, erinnert sich der Traismaurer. Der Test verlief erfolgreich. Doch drei Monate später kam es zur historischen Volksabstimmung – übrigens war dies die erste bundesweite Abstimmung in der Zweiten Republik.
„War der letzte Arbeitnehmer“
„Nach der Volksabstimmung war ich der letzte Arbeitnehmer, der den Standort des AKW Zwentendorf verlassen hat“, berichtet Kastner. Laut Lohnzettel sei das der 31. August 1979 gewesen. „Nach der Volksabstimmung war es noch meine Aufgabe, die bereits vorhandenen Reservetei-le an die Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld GmbH zu übergeben und das verbliebene Inventar der Siemens Bauleitung zu verkaufen. Dieser Berufsabschnitt war ein herausfordernder, prägender, aber auch ein vielfältiger und schöner in meinem Berufsleben. Diese Erfahrungen haben mir später sehr geholfen“, unterstreicht der Traismaurer.
Abschied mit Wehmut
Der Abschied von der Baustelle ging für Kastner nicht ohne Wehmut über die Bühne. „Erst nach und nach wurde mir bewusst, wie sehr mich die Zeit von 1974 bis 1979 menschlich und charakterlich geprägt hat, bezüglich Weltoffenheit bis hin zu dem, was ich arbeitstechnisch mitnahm“, betont Kastner, der diese besondere Zeit immer wieder aufleben lässt: „Jedes Mal, wenn ich mit Freunden am ehemaligen Kraftwerks-Gelände vorbeikomme, mache ich eine kleine Führung und erzähle meine Anekdoten.“


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