Filmproduzent Franz Stanzl: „Ja, ich bin schon ein Verrückter“
BAD TRAUNSTEIN. Ein Besuch der Hollywood-Studios veränderte sein ganzes Leben - nachhaltig und innerhalb von Sekunden. Der ehemalige Abteilungsleiter Franz Stanzl, hängte seinen gut bezahlten Job an den Nagel, um Kameramann zu werden. Ein abenteuerlicher Weg mit vielen Höhen und Tiefen. Die rosigen Zeiten in der Filmbranche sind vorbei, Visionen hat Franz Stanzl aber nach wie vor große.

„Ich habe mir gleich nach meinem USA-Aufenthalt 1992 eine Kamera um eine Million Schilling gekauft, ohne zu wissen, ob ich je einen Auftrag bekommen werde und ohne zu wissen, ob ich mit dem Ding überhaupt umgehen kann“, erzählt Franz Stanzl ohne Umschweife. Der Besuch der beiden Hollywoodstudios in Amerika, samt den dort produzierten Filmen, die ein Millionenpublikum anziehen, hinterließ einen bleibenden Eindruck bei dem damals 30-jährigen. Innerhalb von Sekunden war für ihn klar: das ist genau das, was sein Leben erfüllen könnte.
Waldviertel in das rechte Licht rücken
Gesagt, getan. Erst 14 Tage im Besitz der neuen Kamera, marschierte Franz Stanzl zum damaligen Chefredakteur des ORF Landesstudio Niederösterreichs, mit einem Anliegen: Er wollte das Waldviertel in ein anderes Licht rücken, weg vom düsteren Image, von Bauersleuten mit zerrissenen Hosen. Weg vom Kaffeehäferl, auf dem sich die Fliegen bereichern, hin zu einem authentischen Bild, einem positiven Image. Mit der Bitte, Probeaufnahmen zu senden, wurde er vom Chefredakteur wieder nach Hause geschickt. Noch am gleichen Tag bekam Franz Stanzl einen Anruf vom ORF, zwei Aufträge sollten in den nächsten Tagen wahrgenommen werden: eine Generalversammlung und ein Beitrag über einen Tierpräparator. Dieses Telefonat wird der Waldviertler nicht so schnell vergessen. „In dem Moment war ich überfordert, das war der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Aber entweder man schwimmt oder man geht unter.“ Stanzl nützte seine Chance, fuhr zu den beiden Terminen und lieferte entsprechendes Bildmaterial im Landesstudio ab.
Das war gleichzeitig der Beginn seiner Karriere als Kameramann, die ORF-Aufträge häuften sich, eigens recherchierte Geschichten kamen hinzu. „Damals habe ich schöne Summen verdient, von denen man heute nur träumen kann. An Spitzentagen verdiente ich fünfstellige Schilling-Beträge“, erinnert sich der 55-jährige an seine filmischen Anfänge. Der Job als Abteilungsleiter wurde bald danach an den Nagel gehängt, ORF-Beiträge für Niederösterreich heute, ZIB oder den Sport folgten, ganze Sendungen oder Dokumentationen für 3sat setzten dem die Krone auf. Stanzl investierte viel in professionelle Technik und in die Ausbildung von Mitarbeitern.
Sparkurs mit Folgen
Im Jahr 2000 kam der Sparkurs vom ORF, die Aufträge vom Sender reduzierten sich, aber es wäre nicht Franz Stanzl, hätte er nicht bereits neue Wege in Aussicht. Er sattelte auf Imagefilme und Live-Veranstaltungen um. „2006 traute ich mir große Produktionen für Landesregierungen oder Unternehmen zu. Ich habe Aufnahmen aus der Luft mit einem Hubschrauber gemacht, bekannte Sprecher wie Otto Clemens eingesetzt.“ Viele Gemeinden im Waldviertel wurden komplett abgeflogen. Nicht ohne finanzielles Risiko, schließlich kostete der Hubschrauber eine stattliche Summe, die er aber innerhalb von zwei Monaten wieder wettmachte. Zusätzlich absolvierte er den Masterlehrgang, Fachrichtung Film und Fernsehen, an der Donau-Uni Krems.
Vision zum falschen Zeitpunkt
Im Frühjahr 2008 setzte Franz Stanzl den Spatenstich für das erste private Filmstudio Niederösterreichs in Bad Traunstein, inklusive High Definition Infrastruktur. „Es war mein Traum, meine Vision, ein Waldviertelfernsehen zu machen.“ Der Zeitpunkt war allerdings der falsche, denn im Oktober kam es zum berühmten Börsencrash, das Geschäft wurde ein hartes. Viele Aufträge in der Branche wurden storniert beziehungsweise reduziert. Einbruch des Filmgeschäfts“Die letzten Jahre wurde die Branche komplett umgekrempelt. Plötzlich kann jeder zum Produzent werden, indem er Filme mit billigem Equipment macht, etwa mit seinem Handy“, meint Stanzl, der gleichzeitig Wirtschaftskammer-Vorsitzende der Film- und Musikwirtschaft in Niederösterreich sowie Mitglied im österreichweiten Fachverband „Film“ ist. In dieser Funktion versucht er den Herausforderungen mit Imagekampagnen und Bewusstseinsbildung entgegenzutreten, eigene WIFI-Lehrgänge wurden kreiert, vor dem Hintergrund, dass filmische Qualität entsprechend entlohnt werden muss. Konfrontiert mit Piraterie und Preisdumping, sei man auch im Fachverband ein wenig machtlos geworden. Produktionsabwanderungen sind ein weiteres Thema, „in Prag gibt es Studios, davon können wir da in Österreich nur träumen“. Früher waren die Österreicher in der Film- und Fernsehwelt gefragt, der Wiener Helmut Thoma beispielsweise führte RTL zum Erfolg. Während unsere deutschen Nachbarn in der Branche davonpreschten, „haben die Österreicher maßgebliche Entwicklungen verschlafen“.
Richtigen Weg gewählt
Trotz der teils schwierigen beruflichen Umstände würde Stanzl genau diesen besonderen Weg wieder einschlagen: „All diese Erfahrungen und Erlebnisse möchte ich nicht missen, schließlich bin ich ein Abenteurer von Kopf bis Fuß“, schmunzelt Stanzl, der sich auch als Workaholic bezeichnet.
„Ich wollte immer professionelle Arbeit leisten, mit dem Trend hin zu Billigproduktionen kann ich nichts anfangen. Ich will mir selber treu bleiben.“
Und mit der breiten Masse mitschwimmen, das sei gar nicht seines. „Einmal öfters aufstehen, als man hingefallen ist“, so sein Lebensmotto. Ein regulärer Bürojob, das wäre nichts für ihn, denn „langweilig war mir nie.“
Ingenieurbüro im Laufen
Und damit sich das nicht ändert, tüftelt er nebenher an einem seiner neuesten Projekte, dem „Ingenieurbüro für Technologien der Zukunft“, das mit letztem Jahr angelaufen ist. Hier stehen alternative Energien im Mittelpunkt, vor allem die Sonne, die „uns Menschen energietechnisch komplett erhalten könnte“, ist Stanzl überzeugt. Im Sektor Mobilität sieht er Wasserstoff als die Energiequelle der Zukunft. Dazu hat er in seinen eigenen vier Wänden bereits ein Forschungsprojekt am Laufen. Sich Gedanken um zusätzliche Energiequellen zu machen sei dringend angebracht: „Meiner Einschätzung zufolge sind die Erdölvorkommen in rund 100 Jahren aufgebracht“, so der Bad Traunsteiner, der im Mai den Lehrgang zum Europäischen Energie Manager abschließt. Abgerundet hat er das wissenschaftliche Studium mit rund 1000 gelesenen Fachbüchern. Derzeit berät er Unternehmen, Institutionen und Schulen rund um den Einsatz von alternativen Energien. Sein zweites Standbein, nachdem das Filmgeschäft mittlerweile ein Fragezeichen geworden ist. Und letzteres lässt den 55-jährigen natürlich ein wenig wehmütig werden: „Eigentlich hätte ich geglaubt, dass ich es bis zur Pension ausüben könnte.“
Zurück zu den Wurzeln
Dem noch nicht genug, widmet sich der ehemalige Abteilungsleiter in der Elektrobranche seinem neuesten Hobby: der technischen Kunst. Ausgedienten Geräten und alten Teilen wird neues Leben eingehaucht - eine neue Kunstrichtung entsteht. Radioapparate, Videorekorder oder Kopiergeräte werden zerlegt und in einer neuen Art und Weise wiederbelebt. Jedes Werk hat so eine eigene Funktion - es leuchtet, blinkt, surrt und ist dekorativ. Seine zukünftige Vision: Ein Haus der technischen Kunst.
Tanzen als große Leidenschaft
Es ist kein Geheimnis, dass er zudem das Tanzen seit vielen Jahren frenetisch verfolgt. Sein großer Traum: Eine Location im Waldviertel zu etablieren – wo sich vor allem fortgeschrittene Tänzer finden und austauschen können. Derzeit ist er noch auf der Suche nach Gleichgesinnten.
Und auch wenn der Schnittplatz in Bad Traunstein nicht mehr so oft besetzt ist, wie früher: Filme machen war und ist nach wie vor sein Leben, sein ganzer Stolz. Letzte Woche erst konnte er einen Dreh mit Drohnen vollenden. Und so viel steht fest, Franz Stanzl hat sich bereits viele Träume erfüllt: das Hervorstechen aus der Masse, verschiedenste Pilotenscheine und Schifffahrtspatente zu absolvieren, sich stetig weiterzubilden oder an einem schönen, ruhigen Ort alt zu werden – mit Bad Traunstein hat er einen solchen gefunden. „Na und jetzt frage ich Sie: Bin ich nun der verrückteste Waldviertler, den Sie je kennengelernt haben?


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