Interview: Mostviertler mit 17 Jahren als Fußball-Referee erfolgreich im Einsatz

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Michaela Aichinger Michaela Aichinger, Tips Redaktion, 20.05.2020 08:04 Uhr

MOSTVIERTEL. 132 Fußballspiele und fünf Turniere hat Tobias Eder bereits als Schiedsrichter geleitet. Mit 17 Jahren ist der Gymnasiast der jüngste Kampfmannschafts-Referee der Region. Im Tips-Interview spricht er über seine Berufung.

Tips: Herr Eder, wie kam es dazu, dass Sie Schiedsrichter wurden?

Tobias Eder: Ich bin schon seit jungen Jahren mit dem Fußball verbunden. Mit acht Jahren beschloss ich, mit dem Fußballspielen zu beginnen und ich besuchte regelmäßig das Training auf dem Fußballplatz in meiner Heimatgemeinde. Als danach die ersten Meisterschaftsspiele folgten, war die ganze Freude schon wieder dahin, da das Wetter bei den Spielen sehr regnerisch war. Außerdem waren die Temperaturen nicht sehr hoch und es dauerte nicht lange, bis ich meinen Eltern sagte, dass sie mich wieder abmelden sollen, da mir das Fußballspielen bei Regen und Kälte keinen Spaß mehr bereitete. Jedoch habe ich den Kontakt zum Fußball nie verloren, und es zog mich des Öfteren auf den Fußballplatz nach Viehdorf, wo ich die Meisterschaftsspiele der Kampfmannschaft verfolgte. Bei einem Heimspiel des USV Viehdorf kam ich dann mit 13 Jahren zufällig zur Entscheidung Schiedsrichter zu werden.

Tips: Wie darf man sich diese „zufällige Entscheidung“ konkret vorstellen?

Eder: Mein Freund war bei einem Heimspiel Vereinslinienrichter in der 2. Klasse, und ich saß immer auf der Zuschauerbank hinter ihm. Es kam so wie es kommen musste, und in der zweiten Halbzeit eines Spieles sagte er zu mir: „Komm Tobi, ich will nicht mehr. Nimm du doch die Fahne“. Voller Tatendrang und Freude kam ich nun so zu einem Einsatz als Vereinslinienrichter und ich lief die Seitenlinie auf und ab. Nach dem Spiel bedankte ich mich beim Schiedsrichter dieses Spiels und dieser lobte mich und sagte, dass ich dies heute gut gemacht habe und ob ich nicht Interesse hätte, die Schiedsrichter-Ausbildung zu absolvieren. Nach einigen Tagen Bedenkzeit war ich bereits zur Ausbildung angemeldet.

Tips: Was macht für Sie einen guten Schiedsrichter aus?

Eder: Ein guter Schiedsrichter besitzt die Fähigkeit, ein Spiel 90 Minuten lang nach bestem Wissen und Gewissen und nach seinen Vorstellungen zu leiten, und sich dabei von keinen äußerlichen Einflüssen beeinflussen zu lassen. Ich glaube, dass es im mentalen Bereich die meisten Defizite im Schiedsrichterwesen gibt und so auch Unterschiede zwischen den einzelnen Referees zu erkennen sind. Entscheidet man beispielsweise auf Strafstoß, hat man erfahrungsgemäß eine gewisse Vorahnung, ob die Entscheidung absolut richtig ist, oder etwas für Diskussionen sorgen kann. Durch solche Situationen lassen sich einige Kollegen aus dem Konzept bringen und so werden auch im weiteren Spielverlauf Fehlentscheidungen getroffen, da dadurch der Fokus und die Konzentration verloren gehen. Außerdem entwickelt man im Laufe der Schiedsrichterkarriere eine gewisse Persönlichkeit und eine gewisse Routine, wie man mit den Spielern und Funktionären umgeht. Eine gute, freundliche, höfliche und angemessene Kommunikation mit den beteiligten Personen ist sehr wichtig und kann einen guten von einem durchschnittlichen Schiedsrichter unterscheiden. Es gibt aber keinen fehlerfreien Schiedsrichter und keiner trifft absichtlich falsche Entscheidungen, das muss auch jeder Person auf dem Fußballplatz bewusst sein.

Tips: Wie viel und wie bzw. was muss man als Schiedsrichter trainieren?

Eder: Als Schiedsrichter braucht man eine entsprechende körperliche Fitness, um gute Leistungen erbringen zu können. Ausdauer- und Schnelligkeitstraining, sowie Übungen für eine stabile Rumpfmuskulatur und eine Kräftigung der beteiligten Muskelgruppen sind wichtige Trainingsinhalte für Schiedsrichter. Den meisten Menschen ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter zwischen 11 und 14 Kilometer pro Spiel, und somit mehr als ein durchschnittlicher Spieler (8-10 km), läuft. Im Landesverband ist die Laufleistung etwas geringer, da auch die Feldgröße geringer und das Tempo des Spiels nicht so hoch ist.Jede Schiedsrichtergruppe trainiert gemeinsam ein Mal pro Woche, wo spezielle Trainingsformen durchgeführt werden. Je nachdem welche Laufleistungen bei den Leistungstests erbracht werden müssen bzw. wie viel Wert man persönlich auf die körperliche Fitness legt, muss man zusätzlich selbstständig noch 2-3 Einheiten pro Woche absolvieren. Die Anzahl der Trainings ist aber auch von den zu leitenden Spielen am Wochenende abhängig. Seit 2020 bin ich auch Teil des Sichtungskaders des Niederösterreichischen Schiedsrichterkollegiums, wo ambitionierte Schiedsrichter eine spezielle Förderung erhalten, und so auf dem Weg in die Bundesliga unterstützt werden. In diesem Zusammenhang finden zwei gemeinsame Trainings pro Halbsaison in der Südstadt bzw. in St. Pölten und ein mehrtägiges Trainingslager in der Sportschule Lindabrunn im Februar statt. Hinzu kommen auch noch Fortbildungslehrgänge und Tage, an denen Regel- und Leistungstests abgehalten werden.

Tips: Was fasziniert Sie an der Tätigkeit eines Schiedsrichters?

Eder: Mich persönlich fasziniert jedes Mal aufs Neue die Herausforderung, in den 90 Minuten für Gerechtigkeit zu sorgen und das Spiel nach bestem Wissen und Gewissen zu leiten. Es ist als Schiedsrichter natürlich nicht einfach, es beiden Teams recht zu machen und mit erhöhtem Puls richtige Entscheidungen in Sekundenbruchteilen zu treffen. Aber genau das ist das, was mir den nötigen Motivationsschub verleitet. Beide Mannschaften trainieren die ganze Woche auf dieses eine Spiel am Wochenende hin, und deshalb bin ich auch der Meinung, dass sie sich den besten Schiedsrichter verdient haben. Natürlich passieren Fehler, das ist ganz klar und menschlich, allerdings ist es mein Ziel das Spiel so zu leiten, dass ich nicht im Mittelpunkt des Geschehens stehe und nach den 90 Minuten zufrieden auf meine Leistung zurückblicken kann. Auch nach 3,5 Jahren als Schiedsrichter, verspüre ich nach wie vor vor jedem Spiel eine gewisse Anspannung, was so auch gut ist, und ab dem Zeitpunkt, wo ich weiß, welche Spiele ich am nächsten Wochenende leiten darf, steigt in mir die Vorfreude. Unter dem Motto „Das nächste Spiel ist immer das wichtigste“ gehe ich immer mit einer Motivation und einer Bereitschaft von 120% in ein Spiel, und versuche stets mein Bestes zu geben.

Tips: Wie viele Spiele haben Sie bereits als Schiedsrichter begleitet und in welcher Liga?

Eder: Mit Stand 15. Mai 2020 kann ich bereits stolz auf eine Menge an geleiteten Spielen zurückblicken. Ich fungierte bei 132 Spielen und 5 Turnieren als Schiedsrichter, und durfte 20 Mal meine Kollegen als Assistent an der Seitenlinie unterstützen. Das ergibt eine Gesamtanzahl von 157 Spiele. Ich bin momentan in der Leistungsstufe 5 tätig, das heißt, dass ich Kampfmannschaftsspiele der 2. Klasse leiten darf. Letzte Saison war ich Teil des sogenannten „Assistenten-Pool“, was mir ermöglichte, als Assistent über die 2. Landesliga hinaus – also in der 1. Landesliga und der Regionalliga - im Einsatz zu sein. In der 1. Landesliga durfte ich mein Debüt beim Derby zwischen Gaflenz und Ardagger feiern. Das absolute Highlight jedoch war die Tätigkeit als Assistent 2 beim „kleinen Wiener Derby“ zwischen dem Team Wiener Linien und der Wiener Viktoria in der Regionalliga Ost.

Tips: Wie viele Schiedsrichter sind derzeit in der Gruppe Amstetten tätig? Wie schaut die Altersverteilung aus?

Eder: In der Schiedsrichtergruppe Amstetten sind 28 Kampfmannschaftsschiedsrichter, 28 Jugendschiedsrichter und 2 Beobachter tätig. Die Gruppe umfasst insgesamt 67 Mitglieder, wobei davon 9 Mitglieder nicht aktiv sind, das heißt, weder aktiver Schiedsrichter noch Beobachter sind. Außerdem gibt es zu den 66 männlichen Mitgliedern eine Schiedsrichterin. Bezüglich der Altersverteilung in der Gruppe Amstetten ist zu sagen, dass das durchschnittliche Alter aller Kollegen und der Kollegin bei etwa 47 Jahren liegt. Hierbei wurden auch die nichtaktiven Mitglieder miteinbezogen. Mit momentanem Stand haben wir 6 Personen in unserer Gruppe, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden.

Tips: Wie viele Schiedsrichter-Gruppen gibt es im Bezirk Amstetten bzw. in Niederösterreich?

Eder: Es gibt im Bereich des Bezirkes Amstetten nur eine einzige Schiedsrichtergruppe. Das Niederösterreichische Schiedsrichterkollegium (NÖSK) hingegen umfasst elf Gruppen: Amstetten, Baden, Süd, Nord, Nordwest, St. Pölten, Wachau, Waldviertel, Wien, Ost und Wienerwald.

Tips: Gibt es Schwierigkeiten, „Schiedsrichter-Nachwuchs“ zu finden?

Eder: Ja, auf jeden Fall. Laut www.schiri.at fehlen in Österreich derzeit 1000 Schiedsrichter und Assistenten, um den ganzen Spielbetrieb abdecken zu können. Nur die wenigsten werden sich in die Situation eines Schiedsrichters hineinversetzen können und nur die wenigsten werden sich vorstellen können, wie schwierig und herausfordernd dieser Job oft sein kann, gleichzeitig er aber auch so viel Spaß machen kann. Ich glaube, dass das ein möglicher Grund ist, weshalb ein Engpass an Schiedsrichtern besteht. Ich muss aber auch sagen, dass sich die Zahl der jüngeren Mitglieder in unserer Gruppe sehr gut entwickelt hat und andere Schiedsrichtergruppen hier größere Probleme haben. Wie ich im Jahr 2016 zur Gruppe gestoßen bin, war ich der einzige, der gleichzeitig noch eine Schule besuchte. Heute sind bereits sechs junge Kollegen der Gruppe Amstetten als Unparteiische im Einsatz und ich hoffe, dass diese Zahl weiter steigen wird. Ich werde auf jeden Fall versuchen, jugendliche Burschen und Mädchen zu motivieren und sie davon überzeugen, dass das Schiedsrichter-Sein enorm viel Freude bereiten kann. 

Tips: Thema Coronavirus: Wie schaut die derzeitige Situation aus? Wann glauben Sie, können Sie wieder als Schiedsrichter im Einsatz sein?

Eder: Es war für mich persönlich nicht einfach, mit dieser Situation zurecht zu kommen, da am Tag meines ersten Meisterschaftsspiels die Fußballsaison ausgesetzt wurde, ich schon mitten in der Spielvorbereitung war und meinen Fokus schon auf das Spiel gerichtet hatte. In der „Corona-Zeit“ reduzierte ich die Trainings auf ein Minimum und nutzte zugleich die Möglichkeit, meinem Körper eine „lauffreiere“ Zeit zu geben. Vom Sichtungskader ausgehend bekommen wir regelmäßig Videobeispiele, die wir analysieren und erklären müssen. Da Sportminister Kogler und ÖFB-Präsident Windtner kürzlich sagten, dass eine Hoffnung bestehe, dass die Meisterschaft in den unteren Ligen im Herbst wieder aufgenommen werden kann, bin ich auch wieder zuversichtlicher und motivierter zu trainieren, da ich mir jetzt wieder konkretere Ziele stecken kann. Da auch die Fußballplätze wieder zugänglich sind, werde ich nun mit etwas intensiveren Einheiten am grünen Rasen versuchen, mich auf die Herbstsaison vorzubereiten. Ob und wann ich meiner Tätigkeit als Schiedsrichter wieder aktiv nachgehen kann, kann ich momentan nicht sagen, hoffe jedoch auf einen Ligastart im Herbst.

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