Armutsgefährdung ist auch in der Region ein großes Thema

Katharina Kühn Tips Redaktion Katharina Kühn, 24.01.2023 19:00 Uhr

BEZIRK VÖCKLABRUCK. Corona, Ukrainekrieg, Teuerung. Vielen Menschen haben den Eindruck, als würden sich die verschiedenen Krisen buchstäblich die „Klinke in die Hand geben“. Eine wichtige Anlaufstelle im Krisenfall sind Sozialorganisationen und Beratungsstellen. Tips hat bei Pro Mente, dem Frauenhaus, beim Quartier 16 und bei Mosaik nachgefragt, wo der Schuh in der Region aktuell drückt.

Rund 400 Beratungsanfragen wurden im Vorjahr an Mosaik gerichtet. Das Angebot des Sozialzentrums betreut Menschen, die bereits wohnungslos sind oder gefährdet sind, es zu werden. „Bereits vor den Krisen war es so, dass es bei Menschen, die wir beraten oder betreuen, eng war. Oft ist es sich halt gerade ausgegangen. Die Teuerung hat dazu geführt, dass die Ausgaben höher sind als die Einnahmen. Aktuell sind es nicht nur die Menschen mit sehr geringem Einkommen, sondern die Armut trifft mittlerweile auch die Mittelschicht“, schildert Mosaik-Leiter Stefan Hindinger. 14,7 Prozent der österreichischen Bevölkerung waren 2021 armutsgefährdet. Auf den Bezirk gerechnet sind das gut 20.000 Menschen. Das bedeutet, dass ihr Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle von monatlich 1.371 Euro netto für einen Einpersonenhaushalt liegt.

Analyse von Einnahmen und Ausgaben

Gemeinsam mit den Betroffenen werden von den Mosaik-Mitarbeitern Einnahmen und Ausgaben durchgerechnet und Einsparungsmöglichkeiten analysiert. Zudem wird eruiert, um welche Sozialleistungen angesucht werden können, wie beispielsweise dem „Wohnschirm“ des Sozialministeriums, im Fall von Mietrückständen. „Die Mehrzahl der Haushalte bei uns in der Beratung sind Familien. Kinder und Jugendliche sind von den Krisen also massiv betroffen. Kinder ärmerer Haushalte haben dadurch oft nicht die gleichen Chancen wie Kinder aus wohlhabenderen Familien“, so Hindinger.  

Jugend in der Dauerkrise

Besonders junge Menschen erleben seit ein paar Jahren eine dramatische Notlage nach der anderen. Die Corona-Krise hat sie um viele Erfahrungen gebracht, die für ihre Entwicklung wichtig gewesen wären. Der Klimawandel droht, sie in absehbarer Zeit ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Diese Geschehnisse hinterlassen Spuren – viele Jugendliche kämpfen mit psychischen Problemen, berichtet die Krisenhilfe von pro mente OÖ.

Erhebliche Zukunftsängste

Die täglichen Beratungen der Krisenhilfe OÖ offenbaren, dass neben jungen Menschen vor allem armutsgefährdete Personen an erheblichen Zukunftsängsten leiden. „Wir beobachten die Tendenz, dass Menschen plötzlich in die Armut schlittern, die bisher knapp, aber doch über die Runden gekommen sind. Es ist also eine neue Dimension der finanziellen und psychischen Belastung spürbar“, erläutert Psychologe Martin Schmid, Mitarbeiter der Krisenhilfe OÖ. Seine Kollegin Sonja Hörmannseder ergänzt mit einem Fall aus der Beratung: „Eine Alleinerzieherin, die sich erst vor kurzem vom Vater ihrer zwei Kinder getrennt hat, gerät durch die Preissteigerungen finanziell unter Druck. Es sind vermeintlich geringe Kosten, die sie aus der Bahn werfen, weil sie diese nicht mehr tragen kann – wie z. B. der 3-Euro-Beitrag für die gesunde Jause im Kindergarten.“

Häusliche Gewalt hat zugenommen

In der psychosozialen Beratungsstelle von pro mente in Vöcklabruck bemerkt man, dass die generelle Verunsicherung angestiegen sind. Die Coronazeit war schon für psychisch stabile Personen eine Herausforderung - für labile Menschen umso mehr. Durch die wiederkehrenden Lockdowns wurden persönliche Krisen ausgelöst und Ängste verstärkt. „Wir stellen fest, dass die Wartezeit bei verschiedenen Beratungsstellen und bei niedergelassenen Fachärzten angestiegen ist. Wir sind unter anderem nun auch mit Anfragen von über 80-Jährigen konfrontiert, die über den aktuellen Krieg und die Erinnerungen, die dadurch hervorgerufen werden, sprechen möchten. Auch die häusliche Gewalt - ob psychisch oder physisch - hat zugenommen“, berichtet Anita Janny von der psychosozialen Beratungsstelle.

Frauen sind stärker betroffen

Frauen sind von den Krisen stärker betroffen, da ihre Einkünfte in den meisten Fällen geringer als die von Männern sind. Besonders in der intensiven Corona-Phase waren Frauen stärker durch Mehrbelastungen, wie beispielsweise Homeschooling etc. gefordert. Das Frauenhaus Vöcklabruck hatte im vergangenen Jahr eine Auslastung von 90 Prozent, was eine Steigerung zu 2021 darstellte. Die Zielgruppe des Frauenhauses sind Frauen mit und ohne Kinder, die von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind.

Armutsfalle und Abhängigkeit

„Unsere Beratungszahlen steigen kontinuierlich. Als aktuelle Gefahren sehen wir, dass noch mehr Frauen in die Armutsfalle geraten und sie durch die Krisen stärker abhängig von ihren Ehemännern oder Partnern werden. Kinder leiden ebenfalls unter den massiven Teuerungen, da sie noch mehr zu Außenseitern werden, wenn sie am sozialen Leben nicht so teilhaben können, wie andere Kinder, auch was Kleidung, Schulsachen, Spielzeug oder Freizeitaktivitäten betrifft. Solange es derart patriarchale Strukturen in diesem Land gibt, wird es Frauenhäuser nötig haben“, stellt Michaela Hirsch, Leiterin des Vöcklabrucker Frauenhauses, klar.

Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung

Im Quartier 16, einem Projekt der Vöcklabrucker Franziskanerinnen, finden Frauen mit und ohne Kindern Wohnung und Begleitung auf ihrem Weg in einen Neustart. „Bei uns können die Frauen übergangsweise wohnen und bekommen sozialpädagogische Hilfe. Wir sind allerdings die meiste Zeit voll besetzt, der Bedarf ist im Moment sehr hoch. Langfristig führen die finanziellen Probleme dazu, dass sich Singlefrauen oder Alleinerzieherinnen in Teilzeit, keine Wohnungen mehr leisten können oder keine bezahlbaren Wohnungen finden. Sehr problematisch ist auch das Thema Kinderbetreuung. Mütter, die einen Job suchen, bekommen kaum einen Kinderbetreuungsplatz, weil sie noch keine Arbeit haben. Dadurch können sie wiederum keinen Job suchen oder sind von den Arbeitszeiten extrem eingeschränkt. Das ist ein Kreislauf, dem die Frauen fast nicht entkommen können, so Schwester Ida Vorel, Hausleiterin des Quartiers 16.

Dankbar für Spenden

Dankbar sind Mosaik und das Quartier 16 für die zahlreichen Spenden, die rund um Weihnachten bei ihnen eingingen. „Dieses Geld kommt direkt unseren Klienten zugute. Über zahlreiche wertschätzende Rückmeldungen zu unserer Arbeit haben wir uns sehr gefreut“, so Stefan Hindinger von Mosaik und Schwester Ida ergänzt: „Wir haben eine engagierte Community rund ums Quartier 16, für die wir sehr dankbar sind. Auf unserer Homepage haben wir eine Sachspendenliste, das ist hilfreich für das Haus und für die Frauen.“

Unterstützung in Krisen

  • Mosaik: 07672 75145
  • Frauenhaus: 07672 22722
  • Quartier 16: 0676 888056104
  • Pro Mente, psychosoziale Beratungsstelle: 07672 21 410

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