Berufliche Veränderung ist auch im Alter eine gute Option
VÖCKLABRUCK. Sich mit über 50 noch einmal beruflich zu verändern und einen ganz neuen Beruf zu erlernen ist ein großer Schritt. Anita Minniberger, 55 Jahre, hat sich mit Unterstützung vom AMS Vöcklabruck auf dieses Wagnis eingelassen und Ihre Entscheidung nicht bereut.

Natalie Felder, Gleichstellungsbeauftragte und Wiedereinstiegsberaterin im AMS Vöcklabruck, hat ihr anlässlich des Weltfrauentages einige Fragen gestellt und möchte damit Frauen - speziell in der zweiten Lebenshälfte – motivieren berufliche Chancen zu erkennen und wahrzunehmen.
Natalie Felder (AMS): Was hat Sie dazu bewogen eine neue Ausbildung zu machen? Wie kam es dazu und welche Gründe gab es, dass Sie in ihrem ursprünglich erlernten Beruf nicht mehr tätig sind?
Anita Minniberger: Ich bin gelernte Friseurin, eigentlich hat mir der Beruf Freude bereitet und ich habe es immer gerne gemacht. Auch nach einer familienbedingten Berufspause bin ich wieder als Friseurin eingestiegen. Leider habe ich jedoch schlecht verdient und mich dann entschieden, bei meinem Mann, der eine eigene Firma hatte, einzusteigen. Ich war dann fast 25 Jahr bei meinem Mann als „Mädchen für alles“ beschäftigt“. Mit dem Verkauf der Firma wurde ich plötzlich arbeitslos. Dann wieder als Friseurin zurückzukehren, wäre nicht möglich gewesen. Ich wollte nicht zu Hause bleiben, ich fühlte mich noch zu jung und wollte wieder arbeiten gehen. Schon vor Jahren träumte ich von einer Ausbildung im Bereich Pflege.
Natalie Felder: Wie ist es dann weitergegangen? Haben Sie sich nach Ihrem 50. Geburtstag noch an die Ausbildung ran getraut?
Anita Minniberger: Ich wollte einen neuen Beruf in der Pflege erlernen, der mir Spaß macht. Ich habe mir das vorher nie zugetraut. Wenn, dann wollte ich nur eine Kurz-Qualifizierung machen, vielleicht die Ausbildung zur Heimhilfe oder Pflegeassistenz. Das AMS hat mich aber motiviert und mir eine fachlich höhere Qualifizierung angeboten – zur Fachsozialbetreuung Altenarbeit. Ich war dann sehr motiviert, das „Ganze“ zu machen. Alles nahm seinen Lauf. Mein letzter Schultag war gefühlte 100 Jahre her und ich war sehr nervös. Am ersten Tag bin ich mit den ganzen Büchern heimgekommen und dachte, ich studiere Medizin. Die fast zweijährige Ausbildung war hart, ich musste viel dafür tun. Ich habe viel gelernt und auch viel wieder vergessen. Für meinen Lernerfolg musst ich richtig kämpfen und ja, es war eine stressige Zeit. Meine Wohnung war zum Beispiel tapeziert mit Klebezettel mit lateinischen Namen als diese zum Lernen dran waren. Es dauerte eine Weile aber ich bin da reingewachsen. Ich war die Älteste in der Ausbildungsgruppe. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, die Ausbildung zu machen.
Natalie Felder: Wie haben Sie sich verändert durch die neue berufliche Perspektive? Was sagt Ihr Umfeld, dass Sie diese Chance wahrgenommen haben?
Anita Minniberger: Ich habe gemerkt, dass mir der Pflegeberuf sehr liegt, das war mir gegeben. Die praktische Tätigkeit verlief super, die Zeit in der ich direkt mit Menschen arbeiten durfte war mir im Vergleich zum Theorieunterricht viel lustiger. Da konnte ich einfach loslegen und mich mit viel Hausverstand und Herz einbringen. Viele haben mir das nicht zugetraut, dass ich in dem Alter noch etwas lerne. Oder nicht verstanden, dass ich das mache was ich will. Ich hätte es vor 20 Jahren schon machen sollen. Andere haben mich aber bewundert, dass ich das noch alles schaffe. Ja, das hätte ich selbst nicht geglaubt.
Natalie Felder: Wie schaut ihr Alltag heute aus?
Anita Minniberger: Meine Ausbildung habe ich positiv absolviert und sofort eine Arbeit gefunden. Zurzeit bin ich in der mobilen Pflege tätig. Es ist herausfordernd aber ich bin total froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Herausfordernd ist für mich zum Beispiel das Dokumentieren am Handy oder die Stundenaufzeichnungen, aber da komm ich auch noch rein. An der Tätigkeit als Altenfachbetreuerin in der mobilen Pflege gefällt mir besonders gut, dass ich meine eigene Chefin bin, ich kann mich ohne Störungen zu 100 Prozent auf den Menschen, für den ich gerade da bin fokussieren.
Natalie Felder: Worin sehen Sie die Besonderheiten oder besonderen Herausforderungen für Frauen ab 50?
Anita Minniberger: Im Pflegeberuf arbeite ich sehr nah Menschen, körperlich und emotional. Ich denke gerade mein Alter und meine Lebenserfahrung sind hier immer wieder von Vorteil. Ich bin Mitte 50 und fit, die Arbeit macht mir Spaß und hält mich jung. Ich sehe keinen Grund, warum andere Frauen das nicht auch schaffen könnten.
Natalie Felder: Welche beruflichen Ziele oder Perspektiven haben Sie?
Anita Minniberger: Dass ich mich in der Arbeit weiterhin gut einlebe. Einfach, dass es richtig gut wird, aber das ist es ja jetzt auch schon!
AMS Vöcklabruck bietet Beratung und Orientierung
Das AMS Vöcklabruck gratuliert Anita Minniberger zu ihrem Erfolg und freut sich, eine breite Palette an Angeboten für Frauen rund um die berufliche Aus- und Weiterbildungen anbieten zu können. Wer eine neue berufliche Perspektive sucht - das AMS Vöcklabruck unterstützt gerne und bietet Beratung und Orientierungsmöglichkeiten. Natalie Felder macht Mut: „In unseren Angeboten erhalten interessierte Frauen je nach Bedarf Berufsorientierung, Perspektivenplanung, Berufsvorbereitung, Qualifizierung und Vermittlungsunterstützung. Frauen müssen nicht immer im klassischen Rollenbild bleiben, auch das Pensionsantrittsalter für Frauen steigt. Unterstützung zu existenzsicherndem Einkommen und Qualifizierung liegen uns daher besonders am Herzen. Die Berater des AMS Vöcklabruck stehen gerne bei Fragen zur Verfügung. Nutzen Sie die Chance und machen auch Sie sich auf ihren Weg.“


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