20 Jahre Bärenwald Arbesbach
WAIDHOFEN/THAYA. Der Bärenwald Arbesbach feiert heuer sein 20-jähriges Jubiläum. Hinter dem Bärenwald steht die Tierschutzstiftung VIER PFOTEN. Diese wurde Ende der 1980er Jahre vom Waidhofner Helmut Dungler gegründet. Tips bat ihn zum Interview.

In den Anfangsjahren der Tierschutzstiftung VIER PFOTEN Ende der 1980er Jahre lebten alleine in Österreich ca. 50 Braunbären in unzureichenden Käfigen, Zirkusssen oder auch in Betonzwingern.
Pionierprojekt
Aus dieser Situation heraus startete VIER PFOTEN im Jahr 1992 eine Bärenschutzkampagne, die der damalige Projektleiter Erich Schacherl bis zur Fertigstellung des ersten Bauabschnittes des Bärenwaldes Arbesbach 1998 erfolgreich leitete. Mit der Realisierung der ersten tierschutzgerechten Auffangstation für gerettete Großbären in Mitteleuropa im Waldviertel wagte VIER PFOTEN ein Pionierprojekt.
Tierschutzgerecht
Die Idee war von Anfang an, ein natürliches Umfeld mit Rückzugsmöglichkeiten und fürsorglicher und professioneller Betreuung zu schaffen, die den bärigen Schützlingen ein neues Zuhause bieten soll. Das Projekt gelang, entwickelte sich erfolgreich weiter und zählt nach zwanzig Jahren national wie international zu einem Vorzeigeprojekt in Sachen Tierschutz.
Tierschutz und Tourismus
Da die Bären-Fangemeinde ständig wuchs, wurde vor ca. zehnJahren ein weiteres Gehege, aber auch eine moderne Ausstellung samt Besucherinfrastruktur ergänzt. Heute ist der Bärenwald Arbesbach auch ein Besuchermagnet und verdeutlicht eindrucksvoll, dass Tierschutz und touristische Anforderungen Hand in Hand gehen können.
Elf gerettete Bären
Bislang konnte der Bärenwald Arbesbach elf notleidenden Bären ein neues, tiergerechtes Zuhause auf Lebenszeit bieten. Heute leben hier vier mittlerweile schon betagte Bären - Vinzenz, Brumca, Tom und Jerry, alle ca. 30-jährig - sowie eine jüngere Bärenfamilie, bestehend aus Erich, Emma und Miri.
Tips:Herr Dungler, Warum wurde damals Arbesbach als Standort für den Bärenwald ausgewählt?
Helmut Dungler: VIER PFOTEN war immer wieder mit Schicksalen einzelner Bären konfrontiert worden. Tiere, die unter furchtbaren Bedingungen gehalten wurden und für die dringend ein neues Zuhause gesucht wurde. Die Herausforderung war es, ein großes Gehege mit einer wildtiersicheren Umzäunung in naturnaher Umgebung in einem winterschlaftauglichen Klima zu errichten. Das Waldviertel war dafür natürlich perfekt. Und persönlich war es als Waldviertler natürlich für mich eine große Freude, mit so einem schönen Projekt zu meinen Wurzeln zurückzukehren.
Tips: Wie gestaltete sich der Behördenweg und die Umsetzung bzw. wie fielen die Reaktionen aus dem Umfeld aus?
Helmut Dungler: Am Anfang gab es schon viel Skepsis, von mehreren Seiten. Auch weil es ja kein Musterprojekt gab, an dem man sich in Sachen Bewilligungen, Sicherheitsauflagen etwas hätte abschauen können. Es war alles Pionierarbeit. Daher waren mit den Behörden sehr viele Besprechungen, Vor-Ort-Treffen, Lokalaugenscheine usw. nötig. Die Bevölkerung war am Anfang auch nicht wirklich überzeugt – wahrscheinlich, weil zunächst für sie kein persönlicher Nutzen erkennbar war, eher sogar noch eine potenzielle Gefahrenquelle. Wir haben aber dann auch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet, um die Bevölkerung mit ins Boot zu holen, das war uns schon sehr wichtig. Zum Beispiel haben wir einen Infoabend veranstaltet, waren immer Ansprechpartner, wenn Fragen aufgekommen sind etc. Nach 20 Jahren hat der Bärenwald Arbesbach in der Region natürlich ein viel besseres Standing. Die Behörden sehen, dass wir professionell arbeiten und auch bemüht sind, immer ein Best Practice Beispiel zu sein, dass wir die Auflagen ernst nehmen usw. Und die Einheimischen haben erkannt, dass der Bärenwald einerseits Arbeitsplätze bietet, andererseits ein touristischer Magnet geworden und dadurch auch ein verlässlicher Arbeitgeber ist.
Tips:Welches Bärenschicksal ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Helmut Dungler: Wenn ich mir ein Schicksal herausgreifen müsste, das mir ganz besonders nahe gegangen ist, dann war es wohl das von Brumca. Brumca wurde 1992 in einem slowakischen Tierpark geboren. Im Alter von nur wenigen Wochen wurde sie von ihrer Mutter getrennt und an Geschäftsleute verkauft, die sie wiederum einem österreichischen Geschäftsmann zum Geschenk machten. Er sperrte Brumca in einen 35 Quadratmeter großen Verschlag, in dem sie einsam und beschäftigungslos dahinvegetierte. Schließlich verschwand der Besitzer endgültig und ließ sie allein im Käfig zurück. Nach einem Konkursverfahren wurde Brumca schließlich Gott sei Dank VIER PFOTEN zugesprochen und bis zur Übersiedlung in den Bärenwald Arbesbach von VIER PFOTEN Mitarbeitern gefüttert und betreut. Heute ist sie nach wie vor eine eher scheue und auch einzelgängerische, aber glückliche Bärin.
Tips:Der Bärenschutz ist im heurigen Jubiläumsjahr ein ganz besonderes Thema, warum?
Helmut Dungler: Der Bärenwald Arbesbach war unser erstes Bärenprojekt und ist daher für VIER PFOTEN natürlich etwas ganz Besonderes. Von Österreich ausgehend hat VIER PFOTEN mittlerweile mehr als 100 geschundenen Bären in verschiedenen Projekten weltweit ein besseres Leben ermöglicht. Bären werden von den VIER PFOTEN Bärenexperten gerettet, medizinisch versorgt und finden anschließend in einem der eigenen Bärenschutzzentren ein würdiges Dasein in naturnaher und tiergerechter Umgebung. Das Jahr 2018 ist nicht nur als Jubiläumsjahr für uns bedeutsam. Da ist zum einen die Eröffnung des Bear Sanctuary in Ninh Binh (Vietnam), wo wir ehemaligen Gallebären ein Zuhause bieten. Dann planen wir die offizielle Eröffnung eines Bärenwaldes in der Ukraine und, ganz nahe an Österreich, in Arosa in der Schweiz. Es tut sich also einiges für Bären. Darüber hinaus haben wir schon weitere Rettungen von schlecht gehaltenen Bären eingeplant für dieses Jahr, einige auch aus westeuropäischen Ländern.
Tips: Abschließend: Ihre große Vision in punkto Tierschutz?
Helmut Dungler: Meine große Vision ist es, dass VIER PFOTEN überflüssig wird. Dass die Gesellschaft erkennt, welche Bedürfnisse Tiere haben und unser gesamtes System diesen Bedürfnissen auch angepasst wird. Das würde bedeuten, dass die Art, wie Nutztiere gehalten werden, an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden – und nicht umgekehrt. Es würde auch bedeuten, dass Menschen erkennen, was ihre Haustiere eigentlich wirklich brauchen – und sich nicht mehr Haustiere nehmen, um ihr eigenes Ego zu befriedigen oder ihre eigenen Wünsche in das Tier hineinzuprojizieren. Die Vision von VIER PFOTEN ist eine Welt, in der Menschen den Tieren mit Respekt, Mitgefühl und Verständnis begegnen – und wir somit nicht mehr benötigt werden.
Tips:Danke für das Interview.


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