Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

WAIDHOFEN/THAYA. Ende November stellt Kräuterexpertin Eunike Grahofer ihr neuestes Buch vor. Eine Mostviertler Familie steht im Mittelpunkt des Werkes. Tips bat die Buchautorin zum Interview. von ERICH SCHACHERL

Tips:In deinen Büchern „Die Leissinger Oma“ und „Der Pepi Onkel“ hast du dich mit Menschen aus dem Waldviertel beschäftigt. In deinem neuen Buch „Die Hechals“ steht eine Familie aus dem Mostviertel im Zentrum. Wie kommt das?

Eunike Grahofer: Vieles im Leben geschieht einfach, kommt einfach auf uns zu. Für diese Begegnung bin ich sehr dankbar, sie entwickelte sich für mich als einzigartige Reise. Ich freute mich darauf, im Mai 2015 die „lange Nacht der Wildkräuter“ nahe St. Pölten moderieren zu dürfen. Im Rahmen dieser Veranstaltung stand ein Live-Interview mit einem lebenserfahrenen, netten Herrn aus dem Mostviertel am Programm. Ich vereinbarte mit diesem Herrn hierzu ein Vorabgespräch auf seinem Hof, wo ich auch seine liebenswerte Gattin kennenlernen durfte. Die Beiden erzählten mir, dass sie seit über 40 Jahren über ihre Region Tagebuch schreiben würden, der Hof „Höhenberg“ seit dem 16. Jahrhundert mit einer kurzen Unterbrechung im Familienbesitz sei und dass sie mein Buch „Die Leissinger Oma“ haben und voller Freude darin lesen würden. Das Erste was mir Herr Frühwald - der Hechal - für das Interview aus seinem Leben erzählte, war über ihren Hausberg den Ötscher. Meine Familie mütterlicherseits entstammt der Ötscherregion, zwar von der anderen Seite des Berges, doch erinnerte mich so einiges, was er mir erzählte an die Geschichten meiner Großeltern, meiner Mama und meiner Tante. Mein Papa ist ein Waldviertler, ich bin im Waldviertel geboren, aufgewachsen und lebe hier. Während meiner Recherchezeit bei den Hechals durfte ich etwas in meine anderen Wurzeln eintauchen, ihre Bräuche, ihre Lebensweisen, ihre Geschichten.

Tips:Was ist so besonders an dieser Familie, dass du sie ausgesucht hast? Im Mostviertel gibt es ja zahlreiche alteingesessene, bäuerliche Betriebe. Warum also die „Hechals“?

Eunike: Ich freue mich mittlerweile einige Familien und Menschen im Mostviertel näher kennen zu dürfen. Jede von ihnen hat ihren ganz besonderen Bezug zur Natur, hat ihre Sichtweisen, ihre Art, die Natur zu verstehen, zu erklären und eine besondere Liebe zum Boden, auf dem sie leben. Die Familie Frühwald habe ich genommen, weil sie nicht nur von ihrer direkten Heimat die Geschichten und Hausmittel aufbewahrt haben, sondern generell vom Mostviertel. Mich faszinierte auch das Geschick von Johann Frühwald, so viele alte Handwerke noch nach alter Machart zu beherrschen, ohne technische Hilfsmittel - vom Waschelbinden (zum Reinigen der Kochtöpfe), Reiber binden (zum Boden aufwaschen und Wäsche waschen), vom Bürstenbinden, Korbflechten und Besenbinden. In einer Zeit, in der die Tendenz von der Wegwerfgesellschaft zurück zu „zero waste“ geht, sind die altbewährten Handwerke wieder gefragt, wäre schade, wenn das Wissen darum, aus der jahrzehntelangen gelebten Praxis heraus verloren geht. Das perfektionierte Wissen, was funktioniert, wie es am besten geht und was nicht so ratsam ist. Weiters hat mich fasziniert, dass diese Familie einige Erfahrungen mit den alten „Boalrichter“-Knochenrichter-Anwendungen hat. Johann und seine Frau Leopoldine aus Bauernhöfen mit unterschiedlichen Hausmittelanwendungen kommen und Johanns Vater in der Gegend als sogenannter „Wender“ bekannt war.

Tips:Wie lange haben die Recherchen an dem Buch gedauert?

Eunike: Es gibt Buchprojekte die Reifen dürfen. Wo es Zeiten der intensiveren Arbeit gibt und Zeiten, wo das Projekt ruhen darf, Erkenntnisse sich entwickeln dürfen. Das Manuskript auch einmal für ein paar Monate auf die Seite gelegt wird. Und dann gibt es Buchprojekte, wo man als Schreiber das Gefühl hat, man kann einfach nicht aufhören, die Unterlagen nicht weglegen. Bei der Entstehung des Buches „Die Hechals“ gab es keinerlei Ruhezeiten. Einerseits stand beim „Hechal“ eine größere Operation an, und dann fesselten mich einige Themenbereiche derart, tauchte ich derart tief darin ein, dass ich so manche Nächte schlichtweg einfach zu schlafen vergas, jegliches Zeitgefühl in mir ausgeschalten war. Ich zog für mich einiges an Vergleiche zwischen dem Mostviertel und dem Waldviertel. So entstand dieses Buch in nur einem Jahr.

Tips:Wie können sich die Leser deine Recherchearbeit vorstellen?

Eunike: Wie auch bei meinen anderen Büchern habe ich verschiedenste Gespräche geführt, diese per Diktiergerät aufgezeichnet und schließlich Wort für Wort davon in den Computer übertragen. Dieses Gehörte am Computer abspielen und als Schriftzeichen abzuschreiben, mache ich oft während meiner Dienstzeiten in meinem Geschäft, sonst wäre für mich dies alles zeitlich nicht zu schaffen. Die Familie Frühwald – die Hechals – so heißen sie, weil sie zu Höchst am Berg wohnen, hatten Tagebuchaufzeichnungen und handschriftliche Aufzeichnungen über so manche Erlebnisse. Aus dem gesamten Datenmaterial - Interviews, Schriftstücke, Tagebuch, örtliche Begehungen - setzen sich die Geschichten und Berichte des Buches zusammen.

Tips: Wie oft bist du ins Mostviertel gefahren? Wie viele Stunden hast du dort mit Gesprächen und Interviews verbracht?

Eunike: Ich hab in meinem Geschäft Mittwoch Ruhetag, um die Zeit für solche Recherchearbeiten aufbringen zu können. Soweit es mir möglich war, war ich auch an Wochenenden im Mostviertel. Alleine die Tonbandaufzeichnungen mit Herrn Frühwald, in Reinschrift, auf den buchrelevanten Inhalt reduziert ergaben 220 A4 Seiten Datenmaterial. Die Stunden und genauen Tage kann ich nicht Stegreif beantworten. Manchmal fragt man sich rückblickend, wie sich alles zeitlich ausgegangen ist, das Geschäft, die Bücher mit ihren Recherchearbeiten, die Vorträge-Seminare, die Leitung der Recherchegruppe „Jahrespflanze“, die Tätigkeiten im Verein Naturvermittlung, meine neue Produktlinie - doch wenn das Herz dabei ist, und man eine zielgerichteten Einstellungs- und Arbeitsweise verfolgt und noch das Glück hat, die richtigen Menschen im Umfeld haben zu dürfen, ist alles möglich. Meine Tochter hat mir in dieser Zeit fleißig in meinem Geschäft geholfen. Bei der Umstrukturierung meines Geschäftes, mit dem neuen Warenshop, der ab Mitte November fertigen neuen Produktlinie „Eunike Grahofer Naturlinie“ habe in Liane Wöchtel mit Mash Marketing eine zuverlässige Geschäftspartnerin. Und Silvi Schmalzbauer, meine „Gute Seele“ im Geschäft unterstützt mich in Geschäftsbelangen jederzeit liebevoll. Und schließlich können wir heute, dank der Erfindung der elektrischen Lichtes und der im Sommer ohnehin langen Sonnenstunden, so manche Nächte zum Tage machen. Wenn man mit in der Natur, mit der Natur arbeiten darf, dann scheint es manchmal so, als gäbe sie einem unendlich Kraft zurück.

Tips:Wann hast du die Idee zu dem Buch gehabt?

Eunike: Ideen sind einfach da, die kann man nicht planen. Sobald wir sie im Kopf haben, gilt es für uns zu entscheiden: Folge ich meiner Idee oder verwerfe ich sie, ich entschloss mich ihr zu folgen, mich diesmal über die Viertelsgrenze hinauszulehnen und in das Mostviertel einzutauchen.

Zu dieser Frage fallen mit spontan zwei Zitate ein. „Die eigentliche Entdeckungsreise besteht darin etwas mit andere Augen zu sehen“ (Marcel Proust). Wenn wir unsere Heimat, unsere Wurzeln kennen, können wir auch andere Lebensorte entdecken. Können Vergleiche zwischen dem uns bekannten Heimatlichen und dem Neuen erstellen, erhalten so ein erweitertes Weltbild, neue Gedanken, neue Erkenntnisse, erkennen Zusammenhänge, zu denen uns vorher die Grundbausteine fehlten, welche sich nun aneinanderfügen. Für mich bleibt hierbei als Thema natürlich meine Leidenschaft, das Hinterfragen des überlieferten Pflanzenwissens, der alten Rezepturen, der Hausmittel und der damit verbundenen Überlebensstrategien.

„Wir lernen die Menschen kennen, indem wir zu ihnen gehen um zu erfahren“ (Johann Wolfang von Goethe). Die Feinheiten des Erzählten, der Rezepte, der Lebensweisen auch nur etwas zu verstehen, bedarf einer tiefen innerlichen Auseinandersetzung mit den vor Ort herrschenden Gegebenheiten, mit dem tatsächlichen Umfeld, mit den Böden, den Pflanzen vor Ort, den Witterungen, mit der Geschichte.

Tips:Inhaltlich hast du die Themen im Vergleich zur Leissinger Oma und zum Pepi Onkel ausgeweitet. Nicht mehr nur Kräuter und altes Kräuterwissen stehen im Fokus, sondern auch Brauchtum und altes Handwerk. Was steht für eine Idee dahinter?

Eunike: Pflanzenwissen, Hausmittel isoliert zu betrachten finde ich nicht seriös. Wir finden z.B. immer wieder einige Steinklee Rezepte. Für jemanden der Rezepte isoliert betrachtet, bedeutet dies, er pflückt sich einen Steinklee und die weiteren Zutaten des Rezeptes, kocht dies einfach nach und kostet es. Jemand der breiter hinterfragt, wird sich zu diesem Rezept, neben den Zutaten auch die Zeit anschauen, welche Lebensbedingungen herrschten damals, wie sahen die Glaubens- und Weltbilder der Menschen zu jener Zeit aus, welche Bräuche hatten die Menschen hierzu, in welcher Region lebten die Menschen, die dieses Rezept hinterließen - eher in Stadtnähe oder in den entlegenen Gegenden, herrschte vielleicht gerade Krieg… usw. So jemand, der breiter hinterfragt, wird die Zusammenhänge erkennen, dass jene Steinkleerezepte meist aus einer Zeit der großen Armut, oder der Kriegszeit stammen, wo noch dazu die Tradition des Totkochens aus der Not heraus gelebt wurde. Weil einfach nichts da war, kochte man auch für Speisen nicht so übliche Pflanzen, wie den Steinklee zum Essen, allerdings stand dieser im Kochtopf stundenlang, wenn nicht mehrere Tage am Rand des alten Holzküchenofens und köchelte dahin. Da waren nach so langer Kochzeit schlussendlich beim Verzehr nicht mehr viel aktive Inhaltsstoffe drinnen, das war einfach eine Substanz die gegessen wurde. Heute haben wir eine Tradition des fünfminütigen Kochens. Kochen wir jetzt so ein altes Rezept nach, in der fünf Minuten Kochweise, dann haben wir sehr wohl die Inhaltsstoffe im Essen, und der Steinklee hat blutverdünnende Wirkstoffe. Bei meinen anderen Bücher habe ich weniger vom Brauchtum einfließen lassen, doch ich finde mittlerweile, zum Verständnis der Zeit, zum Verständnis welches Weltbild, welche Lebensbedingungen herrschte zur Zeit der Rezepte, Anwendungen gehört auch dies dazu. Ich finde dieses Wissen dient auch zum besseren Verständnis unserer Voreltern, es bedeutet nicht, dass es heute in unserer technisierten, stressdominierten Welt mit einer nonkommunikativen Tendenz, noch generell so gelebt werden könnte, doch es erzählt vom Leben, vom Weltverständnis jener Menschen, speziell von der Naturverbundenheit jener Menschen, die unsere Voreltern sind. Welche die Natur mit Respekt und Wertschätzung betrachteten und nicht als etwas Fremdes, als etwas wovor man Angst haben müsste, wie man es heute aus reiner Unwissenheit der Menschen heraus selbst bei den alltäglichsten Pflanzen, verbreitetsten Wiesenpflanzen erlebt.

Präsentation und Lesung

Am Mittwoch, 30. November um 19 Uhr wird das Buch im Stadthotel Waidhofen präsentiert. Eunike Grahofer und die Hauptfiguren des Buches Leopoldine und Johann Frühwald sind anwesend. Musikalisch umrahmt wird die Buchvorstellung von Franz Wieczorek, die Schauspielerin Theresia Radl liest aus dem Werk. Moderator ist Martin Bogg.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden