„Ärztekammer, Gesundheitskasse und der Bund sollten da mal in sich gehen“
WELS. Die Situation mit Allgemeinmedizinern wird immer schwieriger. Gerüchte über Primärversorgungszentren gibt es. Aber es heißt weiter warten. Die Situation ist nicht einfach. SP-Gesundheitsreferent Klaus Schinninger spricht über die Herausforderungen, jedoch auch die schwierigen Verhandlungen mit anderen Entscheidungsträgern.

Tips:Immer wieder rufen Menschen in der Tips-Redaktion an und fragen um Hilfe, weil es immer schwieriger wird, einen Hausarzt zu bekommen. Stichwort Pensionierungswelle und so weiter. Was sagt der Gesundheitsreferent dazu?
Klaus Schinninger:Es ist leider kein Welser Phänomen. In Österreich fehlen mittlerweile über 2.000 Ärzte. Ein Grund dafür sind sicher die aktuell vielen Pensionierungen aber auch die Tatsache, dass von den Uni-Absolventen nur rund 60 Prozent tatsächlich den Beruf ergreifen beziehungsweise ein Teil der fertigen Mediziner ins Ausland abwandert. Das sollte den Verantwortlichen zu denken geben, ob nicht im System irgendetwas falsch läuft. Wie sonst ist zu erklären, dass junge Menschen eine mehrjährige Ausbildung, die gut und gerne schon mal zehn Jahre dauert, machen, und dann das Erlernte nicht im Beruf umsetzen. Ärztekammer, Gesundheitskasse und der Bund sollten da mal in sich gehen.
Tips: Immer wieder taucht der Name Primärversorgungszentrum (PVZ) Wels auf. Wie konkret ist die Umsetzung?
Schinninger: Ich freue mich erst dann über ein PVZ, wenn es tatsächlich umgesetzt ist und die Tinte auf den Verträgen trocken ist. Ich habe im letzten Jahr schon mehrfach gehofft, so, jetzt passt es. Leider gab es immer wieder den einen oder anderen Stolperstein, an dem die Umsetzung dann schlussendlich gescheitert ist. Die Gesundheitskasse muss da aufs Gas steigen, die Welser haben ein Recht auf die beste gesundheitliche Versorgung. Das sind wir allen Versicherten einfach auch schuldig. Schließlich zahlen wir alle mit unseren Sozialversicherungsbeiträgen in ein bisher gut funktionierendes System ein. Also ist es keine Gnade, eine ärztliche Betreuung zu erhalten, es ist unser aller Recht!
Tips: Können Sie schon mehr über Zeitplan, Standort und Ärzte verraten?
Schinninger: Darf ich diese Frage bitte fast unbeantwortet lassen. Wie bereits erwähnt, war ich schon öfter zuversichtlich, dass wir es endlich geschafft haben. Ich möchte nichts verschreien oder falsche Hoffnungen erwecken, aber in den nächsten Wochen könnte etwas gelingen.
Tips: Welche Anreize kann die Stadt für die Ansiedlung von Ärzten liefern?
Schinninger: Wir haben als Stadt ein umfangreiches Förderprogramm beschlossen. Jeder Arzt erhält bei Gründung beziehungsweise Übernahme einer Praxis bis zu 40.000 Euro, das erste Primärversorgungszentrum unterstützen wir sogar mit 150.000 Euro. Weiters helfen wir als Stadt bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, Grundstücken und so weiter.
Tips:Wie schwierig ist es allgemein die Kassenstellen zu besetzen?
Schinninger: Das ist offenbar eine ganz schwere Aufgabe, für die wir als Stadt aber de facto nicht zuständig sind. Es liegt alleine bei der ÖGK, der österreichischen Gesundheitskasse, die Ansiedlung von Ärzten beziehungsweise die Gründung von PVZ vorzunehmen. Ich bin da im ständigen Austausch mit den Verantwortlichen und mache auch laufend Druck. Es werden die offenen Stellen auf allen möglichen Plattformen ausgeschrieben. Die ÖGK versichert mir, dass es immer wieder Gespräche mit Interessierten gibt, die aber leider oft nicht zum erwünschten Ziel führen. Da erwarte ich mir endlich Lösungen, es kann nicht sein, dass wir vertröstet werden, wie schwierig es ist. Das beruhigt mich ganz und gar nicht!
Tips: Welche Projekte sind im Gesundheitsbereich geplant und welche Schwerpunkte werden in den kommenden Jahren gesetzt?
Schinninger: Unser Fokus als Stadt liegt im Bereich der Prävention. Die Kollegen im Gesundheitsdienst machen hier wirklich eine hervorragende Arbeit. Sie sind Experten auf mehreren Gebieten. So werden wir „Wels bewegt“ noch weiter ausbauen – wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass dieses Programm zu einem wahren Burner wird? Auch die Welser Gesundheitstage (18. und 19. Oktober) sind in Vorbereitung. Da haben wir mit dem max.center, dem Klinikum, dem Frauengesundheitszentrum und dem Roten Kreuz tolle Partner mit an Bord. Es wird ein abwechslungsreiches Programm für alle Altersgruppen geben. Auch das Thema Impfen dürfen wir nicht außer Acht lassen. Seit Corona werden Impfungen bei vielen kritisch gesehen, aber sie gehören zu den wirksamsten vorbeugenden Maßnahmen der Medizin und schützen vor schweren Infektionskrankheiten. Ein Impfpass-Check oder eine Impfberatung können hier mitunter Leben retten. Übergewicht beziehungsweise Adipositas, auch schon im frühen Kindesalter, werden wir gemeinsam mit dem „Netzwerk Gesunde Städte“ thematisieren. Vielen ist leider noch immer nicht bewusst, welche Gefahren hier für die Gesundheit bestehen. Sie sehen, ein umfangreiches Betätigungsfeld. Es gibt viel zu tun!


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