Interview: „Partnergewalt ist keine Privatsache“
AMSTETTEN. Unter Nachbarn wird häusliche Gewalt oft als Erstes bemerkt – die Hemmschwelle einzuschreiten, ist aber groß. Tips sprach mit Magdalena Weilguny vom Projekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ über Zivilcourage in der Nachbarschaft.

Da sind sie wieder zu hören: Schreie aus der Nachbarwohnung, dann lautes Poltern, dann Stille. Und wieder hat man das Gefühl: Das kann kein gewöhnlicher Streit gewesen sein. Aber soll man sich wirklich einmischen – und wenn ja: auf welche Weise?
In allen Gesellschaftsschichten
Gewalt in der Partnerschaft und häusliche Gewalt kommen täglich vor – überall und in allen Gesellschaftsschichten. Die Betroffenen von dieser Gewalt sind vor allem Frauen und Kinder. Gewalt in der Partnerschaft zerstört Familien, Beziehungen, Gesundheit und das Leben der Betroffenen. Viele sprechen nicht über ihre Erfahrungen, sei es aus Angst, Scham oder aus Unsicherheit. Oder sie glauben, es sei Privatsache.
„Partnergewalt ist ein gesellschaftliches Problem“
„Aber Partnergewalt ist kein individuelles Problem oder eine Privatangelegenheit. Partnergewalt ist ein gesellschaftliches Problem. Sie verstößt gegen Menschenrechte und gegen das Recht auf ein gewaltfreies Leben“, erklärt Magdalena Weilguny. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ursula Kromoser-Schrammel ermutigt sie mit dem Projekt „StoP– Stadtteile ohne Partnergewalt“ in Amstetten dazu, Partnergewalt nicht zu verschweigen oder zu dulden.
„Gute Nachbarschaft kann Schutz vor Gewalt bieten“
„Durch das Aufzeigen von Unterstützungsmöglichkeiten bestärken wir Menschen darin, sich Hilfe zu holen oder zu geben. Wir zeigen, wie eine gute Nachbarschaft Schutz vor Gewalt bieten kann“, informiert Weilguny. Es sei daher wichtig, Nachbarschaftssicherheit zu entwickeln.
„Ring the Bell“-Prinzip
„Bei Schreien in der Wohnung oder im Haus nebenan muss man sich vor Augen halten: Ich muss hier nicht nur zuschauen oder zuhören. Ich kann etwas tun und aktiv auf Partnergewalt reagieren“, unterstreicht Weilguny. Ein Werkzeug sei das „Ring the Bell“-Prinzip. Dabei geht es darum, bei Schreien oder Poltern in der Nachbarwohnung dort anzuläuten und um eine Packung Milch, eine Packung Zucker oder um ein Handyladekabel zu bitten. „Der Sinn der Sache ist, den Gewaltakt zu unterbrechen und eventuell dem Gewaltopfer mit einem Blick zu verstehen zu geben: Ich bin da“, erklärt Weilguny.
Selbstschutz nicht vergessen
Wichtig sei aber, nicht die Grenzen zu überschreiten und sich selbst in Gefahr zu bringen. „Es gibt ja die Polizei und Hilfseinrichtungen, an die man sich wenden kann. Man kann und soll nicht alles im Alleingang machen“, betont Weilguny.
Workshops und Schulungen
Um ein besseres Grundverständnis für die verschiedenen Gesichter der Gewalt zu schaffen, bietet „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ auch (Jugend-)Workshops und Schulungen an. Hier lernen die Teilnehmer unter anderem das Einschätzen von verschiedensten Gewaltsituationen und ob beziehungsweise wann es gerechtfertigt ist, Hilfe anzubieten oder einzuschreiten. Eine Schulung wird am Mittwoch, dem 27. April, von 9 bis 13 Uhr im Amstettner Jugendzentrum A-Toll stattfinden. Anmeldungen sind noch möglich.
Nachbarschafts-Treffs
Außerdem wird es laut Weilguny im Frühjahr den zweiten Nachbarschafts-Treff geben. Hier geht es darum, in einem Amstettner Wohngebiet zu einem offenen Treffen und Austausch zusammenzukommen und seine Nachbarn besser kennenzulernen. „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt ist ein gemeinwesenorientiertes Projekt. Wir sind also mittendrin, statt nur dabei. Beim ersten Treff hatten wir einige Rückmeldungen von Menschen, die Gewalt in ihrer Nachbarschaft mitbekommen haben. Da sieht man, dass unser Projekt wirklich Sinn macht. Jede Person, der wir helfen können, ist ein Gewinn für uns. Und für die Betroffenen selbst ist es wichtig zu wissen: In diesem Bereich wird gearbeitet und man wird ernst genommen und muss sich nicht schämen“, so Weilguny.
Ehrenamtliche Mitarbeit
Zukünftig seien auch Frauen- und Männertische als Möglichkeit des Austausches geplant. „Wir freuen uns über jeden, der uns ehrenamtlich unterstützen und bei uns mitarbeiten möchte. Es gibt sicher immer was zu tun“, lädt Weilguny ein.
15 Standorte in Österreich
Das Projekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ besteht seit 1. Juli 2021 in Amstetten. Kooperationspartner ist das Frauenhaus Amstetten. Österreichweit gibt es derzeit 15 Standorte mit verschiedensten Finanzierungen. Das Amstettner Projekt wird vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz für ein Jahr finanziert. Um mehr Aufmerksamkeit für „StoP Amstetten“ zu erzielen, wurden übrigens Bierdeckel in einigen Amstettner Lokalen mit dem Projekt-Logo bedruckt. Das urheberrechtlich geschützte StoP-Konzept wurde vor über zehn Jahren von der Hamburger Hochschul-Professorin Sabine Sto¨vesand entwickelt und konnte in zwölf Stadtteilen in Deutschland erfolgreich eingesetzt werden. Die Standorte in Österreich bauen auf den Erfahrungen in Deutschland auf.


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