Gebürtige Amstettnerin verfasste Buch über ersten „Promi-Fotografen“
AMSTETTEN. In ihrem aktuellen Buch beschäftigt sich die gebürtige Amstettnerin Michaela Pfundner mit Ludwig Angerer, dem ersten Wiener Fotografen, dem von Kaiser Franz Joseph der Titel „Hof-Photograph“ verliehen wurde. Tips bat zum Interview.

Tips: Frau Pfundner, in Ihrem Buch steht der Wiener Fotograf Ludwig Angerer im Zentrum. Was war für Sie der Anlass, sich gerade mit ihm auseinanderzusetzen?
Michaela Pfundner: Den Anstoß gab ein Familienfoto der kaiserlichen Familie – das einzige Foto, auf dem Kaiser Franz Joseph und Sisi gemeinsam abgebildet sind. Ich wollte mehr wissen, über die Entstehung, die Datierung des Fotos, wo es aufgenommen wurde und wer der Fotograf war. So bin ich auf die Spur von Ludwig Angerer gekommen.
Tips: Was fasziniert Sie an der Person Ludwig Angerer?
Pfundner: Er war der erste „Promi-Fotograf“ in Wien, der erste österreichische Hof-Fotograf. Er ist bis heute bekannt für seine Porträts von Kaiserin Elisabeth, die unser Bild von ihrer Schönheit nachhaltig geprägt haben. Doch je tiefer ich in die Materie eingetaucht bin, desto vielfältiger hat sich sein fotografisches Werk erwiesen: Angerer hat neben diesen Studio-Porträts auch den Schritt aus dem Atelier gewagt. Das war damals nicht selbstverständlich und erforderte ein anderes Equipment. Er interessierte sich stets für technische Neuerungen und war extrem geschäftstüchtig. So konnte er sich ein schönes Stadtpalais inklusive Atelier in Wien errichten lassen. Er war immer am Puls der Zeit und hatte einen guten Riecher für Publicity. In sehr kurzer Zeit wurde sein Atelier das angesagteste Fotostudio in Wien. Jeder, der etwas auf sich hielt, wollte sich bei Angerer fotografieren lassen.
Tips: Alle Fotos im Buch sind detailliert beschrieben. Wie schwer ist es, ein Foto in den richtigen historischen Kontext zu stellen?
Pfundner: Es sind gründliche Recherchen nötig, manchmal musste auch geprüft werden, ob der Name der abgebildeten Person korrekt ist. Vor allem bei den Fotos von Adeligen war das eine Herausforderung. Aber es ist auch gleichzeitig das Eintauchen in eine andere Zeit. Man entwickelt ein Sensorium für diese Bilder und entdeckt nach oftmaligem Ansehen noch ein Detail. Da sieht man auch, mit welchem Aufwand und welcher Sorgfalt diese Bilder hergestellt wurden. Also habe ich die inhaltlichen Recherchen nie als Mühe empfunden, sondern als Bereicherung. Und für den Leser ist es wichtig, die Bilder einordnen zu können. Erst dann versteht man die Bildauswahl und ist überrascht, welche Personen damals zu den Promis zählten und die heute längst vergessen sind. So gibt man ihnen auch wieder ein Gesicht und erzählt ihre Geschichte.
Tips: Welche Fotografie Angerers fasziniert Sie besonders?
Pfundner: Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage, nachdem ich mich so lange so intensiv mit diesen Bildern beschäftigt habe und ich einige Lieblingsbilder habe. Ich denke aber, es ist das Bild, das den Anstoß zu meiner Beschäftigung gab, die „allerhöchste Kaiserfamilie“.
Tips: Was alles kann ein Foto dem Betrachter erzählen?
Pfundner: Fotos sind nicht nur Illustration, sie sind auch eine sozialgeschichtliche Quelle. Man lernt viel, wenn man ein Foto „lesen“ kann: über Mode, Standesunterschiede oder etwa Bärte ... Mit etwas Routine kann man dann Bilder sehr genau zeitlich einordnen. Und man lernt, die Überlieferungsgeschichte zu hinterfragen, Beschriftungen nicht immer für bare Münze zu nehmen. Ich bin auch die Verfechterin des analogen Fotoalbums, auch im digitalen Zeitalter. Das Album nimmt man in die Hand, es wurde bewusst angelegt und es schafft Erinnerungen, die weit über das sichtbare Foto hinausgehen.
Tips: Im Nachwort bedanken Sie sich bei Ihrer Familie „für das geduldige Ertragen meines Ordner-Chaos und oftmaligen Abtauchens in die Angerer-Welt“. Wie darf man sich das Ausmaß dieses Ordner-Chaos beziehungsweise allgemein die Recherche für einen solchen Bildband vorstellen?
Pfundner: Ich habe systematisch alle Informationen gesammelt, die ich aus den verschiedensten Quellen und Archiven über Ludwig Angerer, sein Leben und seine Fotos zusammengetragen habe. Diese Materialien füllen im Laufe der Jahre doch einige Ordner. Eine schlimme Vorstellung war immer für mich, auf Zetteln kurze Notizen oder Ideen zu schreiben und diese dann zu verlegen oder zu verlieren. Da versuche ich sehr systematisch und sorgfältig zu sein. Ich kann mich bei Recherchen auch sehr verlieren (...) Das hat etwas Detektivisches. Wenn man bei der Suche erfolgreich ist, ist das gleichzeitig sehr befriedigend. Oft hat dann ein Stichwort oder ein Name gereicht und ich habe zuhause ansatzlos einen kurzen „Vortrag“ über ein Foto von Ludwig Angerer gehalten; manchmal zum Erstaunen meiner Familie, die in die vorherigen Gedankengänge natürlich nicht eingeweiht war. Ludwig Angerer war über lange Zeit sehr präsent, quasi ein unsichtbarer, aber hartnäckiger Gast im Hause Pfundner.
Tips: Wie lange dauerte es von der Idee bis zur Veröffentlichung des Buches?
Pfundner: Die ersten Anregungen habe ich bereits 2015/16 bei den Recherchen für die Ausstellung über Kaiser Franz Joseph im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten, wirklich konkret wurden die Pläne 2020 und ich habe mich sehr gefreut, dass sich der Verlag Winkler-Hermaden mit mir gemeinsam auf dieses Wagnis eingelassen hat. Es ist ein wunderschönes Buch geworden, ein würdiger Rahmen für diesen wichtigen Fotografen und ein befriedigender Abschluss meiner Recherchen!
Tips: Gibt es bereits ein nächstes Buchprojekt? Wenn ja – können Sie uns schon das Thema verraten?
Pfundner: Es gibt einige Überlegungen, diese sind aber noch zu wenig konkret, um darüber zu sprechen.
Tips: Sie arbeiten in der Österreichischen Nationalbibliothek unter anderem als Leiterin der Abteilung Bilddokumentation. Was darf man sich unter dieser Tätigkeit vorstellen?
Pfundner: Das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek beherbergt einen riesigen Schatz an Fotografien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, der durch die Erwerbung von Fotobeständen laufend erweitert wird. Diese Bestände sollen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein, daher werden bei uns in zahlreichen Digitalisierungsprojekten unsere Fotos gescannt und in die Datenbank eingepflegt. Ein weiterer wertvoller Bestand stellt unsere Plakatsammlung dar, die ebenfalls über unsere Website suchbar ist. Ich bin auch zuständig für Erwerbungsvorschläge und die internen Workflows meiner Abteilung. Daneben mache ich noch Präsentationen und Vorträge über unsere Bestände und kuratiere immer wieder Ausstellungen im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek.
Tips: Sie leben mit Ihrer Familie in Wien – kommen Sie auch hin und wieder noch ins Mostviertel?
Pfundner: Ja selbstverständlich, meine Mutter lebt ja nach wie vor in Amstetten und wir besuchen sie regelmäßig. Auch zum jährlichen Treffen des Absolventenvereins im Ostarrichi-Gymnasium komme ich gerne in meine Heimatstadt, genauso wie zu den regelmäßig stattfindenden Maturatreffen.


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