Ordensfrau im Interview: "Von den Armen kann man sehr viel lernen"
MOSTVIERTEL. Die Franziskanerin Karina Beneder ist seit eineinhalb Jahren als Missionarin in den Anden von Peru im Einsatz. Ende Mai berichtet sie in einem Vortrag über ihre Arbeit. Tips bat die gebürtige Kollmitzbergerin vorab zum Interview.

Tips: Frau Beneder, Sie sind seit 2021 in San Pedro de Cajas in den Anden von Peru (Diözese Tarma) als Missionarin tätig. Auf welche besonderen Erfahrungen, Begegnungen, Erlebnisse blicken Sie zurück?
Sr. Karina Beneder: Es gab viele besondere Erfahrungen und Begegnungen, speziell in den weit entlegenen Dörfern – wenn einem die Kinder zulaufen. Die Leute in den Anden sind nämlich sonst sehr verschlossen. Ich glaube, dass ich die Herzen der Menschen gewonnen habe ... Weitere besondere Erlebnisse waren der Aufbau einer Baumschule oder das Aufstellen von 40 Umwelt-Tafeln, die ich gemalt habe – mit Botschaften wie „Unsere Mutter Erde sagt: Danke, dass du keinen Müll aus dem Auto wirfst“. Ein spezielles Highlight gab es für mich im Norden in der Partnerschule – als für 600 Schulkinder das erste Trinkwasser aus der Leitung kam!
Tips: Was für uns selbstverständlich ist, ist es in anderen Teilen der Welt definitiv nicht ... Wie darf man sich die Lebensrealität der Menschen im Norden von Peru vorstellen?
Sr.Beneder: Dort wo ich arbeite, gibt es sehr viele einfache beziehungsweise sehr arme Menschen. Die Häuser werden aus Lehm errichtet. Die Menschen leben von einem Tag auf den anderen … die meisten haben keine Versicherung. Es gibt kein Trinkwasser. Die größte Herausforderung der Regierung ist die Korruption … Peru ist ein krisengebeuteltes Land mit Hochwasser, Dürren … die Pandemie hat das Land in der Entwicklung sehr zurückgeworfen.
Tips: Sie forcieren in peruanischen Schulen Umweltprojekte. Was darf man sich darunter vorstellen?
Sr. Beneder: Ich fahre in die Dörfer von San Pedro, die selten jemand besucht, und stelle ein Umweltthema in den Mittelpunkt, wie zum Beispiel „Wasser“, „Müll“, „Ökosysteme“ und dergleichen. Dabei arbeite ich mit dem Buch: „Kinder, diese Erde liegt in euren Händen“, das es in vielen Sprachen gibt und das P. Juan aus Peru geschrieben hat. Ich habe es mit einem Team ins Deutsche übersetzt. Das Buch gibt es bereits auf Polnisch, Französisch, Englisch und bald auf Ukrainisch … ich durfte das Rädchen sein bei allen Übersetzungen! Die Umwelttafeln habe ich schon erwähnt und jetzt bauen wir eine Baumschule in San Pedro de Cajas auf über 4.000 Metern Höhe auf. Die Organisation Horizont3000 unterstützt mich dabei.
Tips: Wie kann man von Österreich aus Ihre Arbeit unterstützen?
Sr. Beneder: Etwa durch die Unterstützung von Patenkindern mit 50 Euro pro Monat. Dabei handelt es sich um Schulkinder in Santa Bernardita, La Union. Das Geld der Paten sorgt dafür, dass die Kinder in diese ökologische Schule gehen können, die wir auf einer ehemaligen Müllhalde mit Spendengeldern aus Österreich aufgebaut haben. Andere Spenden werden etwa für Gemeinschaftsküchen eingesetzt, in denen alte Menschen oder Familien, die nicht genug zu Essen haben, täglich eine warme Mahlzeit bekommen. Oder auch für die Errichtung der Baumschule ...
Tips: Sie haben im westafrikanischen Ghana Ihre erste Erfahrung im Entwicklungsbereich gemacht. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Sr. Beneder: Einfach nur dankbar: Ich war die Lernende – auf alle Fälle. So geht es mir hier auch … von den Armen kann man sehr viel lernen.
Tips: Warum hat es Sie später nach Peru gezogen?
Sr. Beneder: Weil ich den Streetworker und Comboni-Missionar P. Juan in Zwettl kennengelernt habe [Anm. d. Red.: Die Kongregation der Comboni Missionare vom Herzen Jesu ist eine missionarische Ordensgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche“. Damals hat er noch als Straßenseelsorger in Deutschland gearbeitet. Bei meinen Besuchen in Peru ist immer etwas hängengeblieben, das mich nicht mehr losgelassen hat. So sind immer mehr Projekte entstanden und ich bin allmählich in die Sprache und Kultur hineingewachsen.
Tips: Wie viele Jahre haben Sie als Missionarin in Peru verbracht?
Sr. Beneder: Jetzt ist es das dritte Jahr. 2012 bis 2013 war ich ein Jahr in Peru. Da habe ich in einem Jugendhaus in einem Armenviertel in Lima gearbeitet – bis 2025 habe ich die Zusage von meiner Gemeinschaft der Franziskanerinnen Zwettl, in Peru zu arbeiten.
Tips: Apropos Orden: Wie sehen Sie die Rolle einer Ordensschwester im 21. Jahrhundert?
Sr. Beneder: Mit den Menschen unterwegs zu sein, die Bedürfnisse zu spüren und das Gemeinsame zu leben … nicht von oben … auf gleicher Augenhöhe … Vertrauen kann wachsen. Es braucht nicht so viele Worte – das Beispiel ist genug! Mir ist es wichtig, als Franziskanerin die Menschen in ihrer Bedürftigkeit wahrzunehmen und ihnen beizustehen.
Tips: Sie kommen nun auf Heimatbesuch nach Österreich – wie lange werden Sie bleiben und wie gehen Sie mit den sicherlich großen Unterschieden im Alltag um?
Sr. Beneder: Ich freue mich auf die Menschen, die mir schon immer nahe standen … auf die Familie, die Gemeinschaft, auf die Schulkinder in Zwettl … Ich freue mich schon auf eine Dusche!!! Der Unterschied ist jedes Mal gewaltig und ich habe so großen Respekt, wie die einfachen Menschen leben … ja, es wird anders sein, wenn zum Beispiel die Küche mit Wasser ausgestattet ist in Österreich oder ich nicht mit Haube und viel Kleidung schlafen muss … Ende Juni kehre ich dann wieder nach Peru zurück.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden