Amstettner AMS-Leiter Harald Vetter: „Ein nochmaliger Lockdown hätte fatale Folgen für viele Betriebe“

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Michaela Aichinger Michaela Aichinger, Tips Redaktion, 13.01.2021 08:04 Uhr

BEZIRK. Die Corona-Pandemie hat Österreichs Wirtschaft in eine massive Krise gestürzt. Tips sprach mit Harald Vetter, dem Geschäftsstellenleiter des AMS Amstetten, über die Lage am Arbeitsmarkt im Bezirk.

Tips: Herr Vetter, seit über zehn Monaten bestimmt die Corona-Krise die Lage am Arbeitsmarkt. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das vergangene Jahr zurück? Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Harald Vetter: Das AMS Amstetten blickt auf ein sehr arbeitsintensives Jahr zurück. Das Coronavirus hat den Arbeitsmarkt fest im Griff. Nach dem Lockdown Mitte März haben sich binnen 14 Tagen 1500 Personen beim AMS Amstetten arbeitslos gemeldet und die Arbeitslosigkeit hat im Bezirk in den Monaten März/April einen historischen Höchststand erreicht. Der Kurzarbeit ist es geschuldet, dass die Arbeitslosigkeit nicht explodiert ist und viele Arbeitsplätze im Bezirk gesichert wurden.

So hatten im Bezirk Amstetten Ende April 950 Betriebe für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit beim AMS beantragt. Die schrittweisen Lockerungen der Covid-Beschränkungen ab Mitte Mai wirkten sich über den Sommer bis hinein in den Oktober stimulierend auf den heimischen Arbeitsmarkt aus. Fachkräfte waren wieder gefragt und es schafften im heurigen Jahr über 4700 Personen, die beim AMS Amstetten arbeitslos gemeldet waren, mit einer Arbeitsaufnahme wieder den Weg in das Berufsleben. Der neuerliche Lockdown ab Mitte November traf den heimischen Arbeitsmarkt zusätzlich zur einsetzenden Winterarbeitslosigkeit natürlich wiederum hart und bremst den Erholungsprozess der heimischen Wirtschaft deutlich.

Tips: In Österreich gab es im Dezember 2020 mehr als 500.000 Arbeitslose. Wie sehen die Arbeitslosenzahlen im Bezirk Amstetten aus und wie hoch ist ihr Anstieg im Vergleich zu Dezember 2019?

Vetter: Ende Dezember 2020 waren beim AMS Amstetten 3050 Personen – 1309 Frauen, 1741 Männer – arbeitslos vorgemerkt. Das bedeutet zwar einen Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 22,3 Prozent (NÖ 17,6 Prozent), ist aber trotz einsetzender Saisonarbeitslosigkeit der geringste Monatsanstieg im Krisenjahr 2020. Die Arbeitslosen-Steigerungszahlen im Vergleich zu 2019 waren im Bezirk Amstetten übrigens das ganze Jahr über dem Niederösterreich-Schnitt. Das hängt aber auch mit der de facto Vollbeschäftigung der Vorjahre im Bezirk als Vergleichsbasis zusammen.

Tips: Welche Altersgruppen sind derzeit im Bezirk vor allem von Arbeitslosigkeit betroffen?

Vetter: Ende Dezember 2020 waren das vor allem Menschen von 25 bis unter 50 Jahren (1686 Personen), gefolgt von den über 50-Jährigen (1033 Personen). Erfreulich ist, dass es trotz schwieriger Lage am Arbeitsmarkt gelungen ist, den Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit deutlich zu bremsen. Ende Dezember waren beim AMS Amstetten 331 Personen unter 25 Jahren arbeitslos vorgemerkt, das ist die gleiche Anzahl an Jugendlichen als ein Jahr zuvor. Im NÖ-Durchschnitt beträgt der Anstieg der Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen hingegen + 15 Prozent.

Tips: Wie viele offene Stellen in welchen Bereichen gibt es derzeit im Bezirk Amstetten?

Vetter: 2020 wurden 3998 offene Stellen von den Betrieben der Region dem AMS zur Besetzung gemeldet. Durchschnittlich standen pro Monat unseren arbeitslos vorgemerkten Kunden 849 freie Stellen zur Verfügung. Das waren um rund ein Viertel (- 24,7 Prozent) weniger offene Stellen als das Jahr davor. Die größte Nachfrage betraf die Metall- und Elektroberufe sowie Techniker. Am Bau und für Gesundheitsberufe waren sogar mehr Stellen ausgeschrieben als 2019.

Tips: Wie viele Menschen im Bezirk besuchen derzeit AMS-Schulungen?

Vetter: Durchschnittlich besuchten pro Monat im Vorjahr 426 Personen AMS-Schulungen, das sind um 9,4 Prozent weniger als 2019. Ende Dezember waren 405 Personen in Schulungen des AMS Amstetten.

Tips: Der für den Arbeitsmarkt zuständige VP-Landesrat Martin Eichtinger hat verkündet, verstärkt auf Umschulungen und Weiterbildungen zu setzen. Dafür sei gemeinsam mit dem AMS ein 69-Millionen-Euro-Paket an Maßnahmen geschnürt worden. Welche Maßnahmen enthält dieses Paket?

Vetter: Für Jobsuchende, bei denen ein rascher Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt nicht möglich ist, haben wir ein zukunftsweisendes Qualifizierungsangebot geschnürt, punktgenau auf die regionalen Besonderheiten abgestimmt und unser Kursangebot im Bereich Umwelt und Technik erheblich ausgebaut. So besteht in den Ausbildungszentren des AMS NÖ nun etwa die Möglichkeit, neue Lehrausbildungen für Klima- und Prozesstechnik zu absolvieren. Für Jobsuchende gibt es zwei wichtige Voraussetzungen, um diese Angebote nutzen zu können: sie müssen beim AMS arbeitslos vorgemerkt sein und können unter Berücksichtigung der Bedingungen am regionalen Stellenmarkt in absehbarer Zeit keine Beschäftigung finden. Auf der Weiterbildungsdatenbank des AMS finden interessierte Jobsuchende nähere Informationen zu den Angeboten in der Region. Für Fragen oder konkrete Ausbildungswünsche wird den Kunden empfohlen, ihren zuständigen AMS-Berater zu kontaktieren.

Tips: Wie viele Lockdowns verträgt die Arbeitswelt Ihrer Meinung nach noch?

Vetter: Ich hoffe natürlich, dass es nach dem jetzigen Lockdown im nächsten Jahr nicht noch einmal so weit ist. Es kämpfen jetzt schon viele Betriebe ums Überleben und ein nochmaliger Lockdown 2021 hätte fatale Folgen für viele Betriebe in der Region.

Tips: Wie sieht Ihre Arbeitsmarkt-Prognose für 2021 aus? Wie stehen Sie zur Corona-Impfung – was kann/wird sie Ihrer Ansicht nach in der Arbeitswelt 2021 bewirken?

Vetter: Vor dem Hintergrund des neuerlichen Lockdowns wird die Arbeitslosigkeit im 1. Quartal 2021 weiterhin auf hohem Niveau sein. Ab dem 2. Quartal 2021 rechnen wir mit einer moderaten Verringerung der Arbeitslosigkeit. Wir rechnen aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im nächsten Jahr auch mit einem starken Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit. Vor allem Personen ohne Ausbildung werden länger auf Arbeitssuche sein. Die Hoffnung und gleichzeitig Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft ist natürlich die Impfung gegen das Coronavirus.

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