Corona-Hotspot Brasilien: Stefan Nemetz spricht über die Lage vor Ort
MAUERKIRCHEN/SAO Paulo. Der Mauerkirchner Stefan Nemetz lebt und arbeitet seit mehr als 15 Jahren in der brasilianischen Millionenmetropole Sao Paulo. Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr hat sich Tips bereits erstmals mit Nemetz unterhalten. Jetzt, wo die Corona-Lage im südamerikanischen Land erneut besonders angespannt ist, hat der 44-Jährige wieder einen Einblick über die Situation vor Ort gewährt.

Tips:Herr Nemetz, wie stellt sich die Lage in Brasilien und bei Ihnen in Sao Paulo derzeit dar?
Stefan Nemetz: Die Situation in Brasilien verschlimmert sich momentan leider gerade wieder stark. Bislang hatte Südamerikas größtes Land bereits über 220.000 Todesopfer zu beklagen und liegt weltweit hinter den USA mit Abstand an zweiter Stelle. Nachdem es im Oktober und Anfang November so ausgesehen hat, als ob das Schlimmste vorbei wäre, hat jetzt die zweite Welle das Land voll getroffen. Besonders schlimm ist es momentan in Manaus im Amazonasgebiet, wo der Sauerstoff ausgegangen ist. Es ist schon bezeichnend, dass in der „Lunge der Welt“ Sauerstoff fehlt. Diese Manaus-Mutation des Covid-Virus ist dafür verantwortlich, dass derzeit viele Länder die Grenzen schließen und sogar Flüge aus Brasilien verbieten. Für die nächsten Monate sehen Experten in Brasilien eine starke Zunahme der Ansteckung und einen Anstieg der Todeszahlen auf über 2.000 Menschen täglich voraus. Hoffentlich irren sie sich.
Tips: Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Regierung?
Nemetz: Die brasilianische Regierung und insbesondere Präsident Bolsonaro haben die Pandemie von Anfang an heruntergespielt und als eine kleine Grippe bezeichnet. Hydroxychloroquin wurde fälschlicherweise als das Wundermittel gegen Covid angepriesen und der Wettlauf um die Impfstoffe total verschlafen. Nach den Rücktritten von mehreren Gesundheitsministern hat Präsident Bolsonaro einen Armeegeneral zum Gesundheitsminister ernannt, der zwar kein Experte auf dem Gebiet ist, aber macht, was ihm der Präsident befiehlt. Die brasilianische Bevölkerung war zunächst über die staatlichen Corona-Zuschüsse in Höhe von monatlich 100 Euro erfreut.Nach dem Auslaufen der Fördergelder Ende 2020 sind seine Beliebtheitswerte aber wieder abgesackt und der Ruf nach einem Impeachment wird täglich lauter. Der Bundesstaat Sao Paulo hat sich von Anfang an um die chinesischen Impfstoffe von Sinovac bemüht, die hier im Institut von Butantan hergestellt werden können und momentan die Basis für das Impfprogramm sind, welches seit Mitte Jänner läuft. Bis ein Großteil der 220 Millionen Einwohner Brasiliens aber geimpft ist, werden noch viele Monate oder gar Jahre vergehen.
Tips:Wie gestaltet sich Ihr Familienleben derzeit?
Nemetz: In der 20-Millionen-Einwohner-Metropole Sao Paulo gibt es zur Zeit einen Teil-Lockdown. Wirtschaftsbereiche wie Hotellerie, Gastwirtschaft oder Fitnesscenter leiden enorm darunter. Am schlimmsten ist die Situation aber für die Schulkinder, die seit mehr als zehn Monaten, wenn überhaupt, nur noch Online-Unterricht hatten. Unser familiärer Tagesrhythmus hat sich schon einigermaßen auf die neue Normalität umgestellt und wir versuchen in der Freizeit mit Spazierengehen, Netflix schauen und Freunde via Videokonferenz treffen die Zeit bestmöglich zu überbrücken. Momentan ist ja hier Sommer und letztens konnten wir sogar ein paar Tage am Meer verbringen, was für die Stimmung sehr positiv war. Ein Österreichaufenthalt ist aufgrund der angespannten Flug- und Quarantänesituation momentan jedenfalls noch nicht planbar.


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