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„Ich habe gelernt, mein Leben zu leben – ich spüre und liebe es“

Olivia Lentschig, 28.05.2015 09:16

Eggenburg. Offen und ohne jegliche Berührungsängste erzählt Gerti Gundinger (35) im Gespräch mit Tips von ihrer beidseitigen Lungentransplantation. Niemand würde vermuten, welch steiniger Weg hinter dieser vitalen und lebensfrohen jungen Frau liegt. Sie hadert nicht mit ihrem Schicksal sondern zeigt sich froh und dankbar für die Zeit, die sie dadurch gewonnen hat.

  1 / 3   Das ist pure Lebensfreude: Gerti Gundinger (nach der Transplantation) genießt zum ersten Mal einen Urlaubs­aufenthalt. Fotos: Gerti Gundinger
Rund 700 Organtransplantationen werden jährlich in Österreich durchgeführt, mehr als 1100 Patienten sind derzeit für diese Maßnahme angemeldet. Gerti Gundinger war eine von ihnen. Schon im Kleinstkindalter wurde die Diagnose Zystische Fibrose (Mukoviszidose) gestellt. Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine vererbbare Stoffwechselstörung, die von Geburt an besteht. Die Krankheit führt zu chronischen Entzündungen der Atemwege durch Infektionen mit Bakterien. Im zarten Alter von 26 Jahren stand sie damals also vor der drastischen Entscheidung: lasse ich eine Transplantation zu oder beschließe ich mit einer Verweigerung dieser lebensrettenden Maßnahme meinen eigenen Tod? Gerti Gundinger: Sämtliche Therapiemöglichkeiten waren bereits ausgeschöpft. Seit meinem zwölften Lebensjahr musste ich hochdosierte Antibiotika einnehmen. In den letzten vier Jahren wurde ich im dreiwöchentlichen Rhythmus zur intravenösen Antibiotikagabe für jeweils 14 Tage im Spital behandelt. Zusätzlich bekam ich dauerhaft Sauerstoff zugeführt. Fakt ist allerdings, dass es sich bei all diesen Vorkehrungen lediglich um eine zeitweilige Lebensverlängerung handelte. 2002 war es dann soweit – meine Werte wurden immer schlechter und die Ärzte legten mir nahe, mich mit dem Thema Transplantation auseinanderzusetzen. Tips: Wie gingst du und auch dein Umfeld – deine Familie und Freunde damit um?Gerti Gundinger: Anfangs lehnte ich diese Möglichkeit rigoros ab. Ich hatte große Angst davor, nicht stark genug zu sein. Mir graute vor den Schmerzen, den Folgen und der Ungewissheit. Den nötigen Rückhalt und die Selbstsicherheit für diesen Schritt gaben mir im Endeffekt mein Glaube und all die lieben Menschen in meinem Umfeld. Allen voran meine Familie aber auch mein damaliger Freund und die tiefe Freundschaft zu zwei ganz besonderen Menschen. Dieses wunderbare soziale Netz gab mir den nötigen Halt um zu erkennen, dass ich die nötige Kraft besitze. Tips: Wie lief die Operation ab?Gerti Gundinger: Nach acht Monaten Wartezeit auf ein passendes Organ erhielt ich am 20. September 2006 den Anruf von Eurotransplant, der Vermittlungsstelle für Organspenden. Um 8 Uhr wurde ich in das Allgemeine Krankenhaus in Wien gebracht. Nach den routinemäßigen Untersuchungen kam der erlösende Bescheid: die Lunge gehört mir. Ich bin christlich und lebe diesen Glauben. Als ich um 13 Uhr in den Operationssaal geschoben wurde, dachte ich mir: nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille geschehe. Ich vertraute einfach darauf, dass es so passt, wie es kommt. Sieben Stunden später war ich erfolgreich und ohne weitere Komplikationen transplantiert. Insgesamt verblieb ich zweieinhalb Wochen im Spital. Die Fortschritte waren immens. Vor der Transplantation war ich schon so schwach, dass ich nicht mehr duschen gehen, Stufen steigen oder mir die Haare fönen konnte. Ich hatte einfach keine Kraft mehr und musste sechs bis sieben Stunden täglich damit verbringen, meine Lunge zu reinigen – unter anderem mit Inhalationen, Atemübungen und Abhusten.   „Meinem Spender gegenüber empfinde ich große Dankbarkeit“ Zitat, GERTI GUNDINGER   Am dritten Tag nach der Operation ging ich schon duschen und mein Gedanke war einfach und klar „Ich bin so dankbar!“. Tips: Was hat sich mit der Organspende für dich verändert?Gerti Gundinger: Ich lebe mein Leben jetzt intensiver als früher. Wenn du eine Lebenserwartung von maximal 18 Jahren prognostiziert bekommst, verliert vieles an Bedeutung. Ziele und einen Biss habe ich nie gehabt. Das bereue ich heute. Vor allem in der Schule habe ich einiges schleifen lassen – das habe ich im weiterführenden Ausbildungsweg zu spüren bekommen (schmunzelt). Ich habe mich dann für den Ausbildungsweg zur Buchhalterin entschlossen und habe nach wie vor großen Spaß an dem Job. Vor allem aber lernte ich die Leute richtig kennen. Früher nahm ich alles wie durch eine „Glasglocke“ wahr, viele Freundschaften waren eher oberflächlich. Jetzt lebe ich intensiv und stelle immer wieder fest, wie unzufrieden manche Menschen sind, obwohl es ihnen an so gut wie nichts mangelt. Vor der Operation habe ich viel geschlafen und dadurch alles Negative abgebaut. Dadurch war ich sehr abgeschirmt. Tips: Welche Einschränkungen gibt es für dich als Transplantierte?Gerti Gundinger: Gegen die möglichen Abstoßungserscheinungen muss ich lebenslang einen Mix aus bestimmten Medikamenten nehmen. Damit komme ich aber sehr gut zurecht. Generell muss ich gut auf meinen Körper und meine Gesundheit achten.   „Ich besitze ein geschenktes Leben. Ich muss es genießen und beschützen.“   Zitat, GERTI GUNDINGER    Dazu zählen moderate Bewegung, ausreichend Ruhezeiten und ein gesunder Lebenswandel. Wegen der Infektionsgefahr muss ich auch auf Thermenbesuche, Haustiere, Tattoos und Piercings oder Gartenarbeit verzichten. Auch auf Nachwuchs muss ich verzichten – ein Kind zu bekommen wäre sowohl für mich als auch für das Baby ein zu großes Risiko. Doch ich bin mit dem zufrieden, was ich habe. Tips: Feierst du seit der Transplantation zweimal im Jahr Geburtstag?Gerti Gundinger: Ja, definitiv! Als sich der „neue“ Geburtstag zum ersten Mal jährte, nahm ich am Radwandertag teil und legte dabei 40 Kilometer auf meinem Fahrrad zurück. (lacht) Einfach für mich selber. Mittlerweile jedoch genieße ich auch meinen „echten“ Geburtstag immer mehr. Mit jedem Jahr kann ich beweisen, dass ich es geschafft habe.  

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