Die Sage von der Riesin, die den Ennser Stadtturm errichtete
ENNS. Erich Weidinger, Buchhändler und Autor aus Seewalchen am Attersee, beschäftigt sich schon seit über 30 Jahren mit der österreichischen Sagenwelt. In seinem Buch „Sagenreiches Oberösterreich“ darf natürlich auch die älteste Stadt Österreichs nicht fehlen.

In der Sage „Der Stadtturm von Enns“ beabsichtigt der Stadtherr von Enns, den allseits bekannten Stadtturm zu errichten, um Feinde gleich aus der Ferne zu erkennen. Am geplanten Ort stand jedoch eine Kirche – die Scheiblingkirche –, die auf Erlaubnis des Papstes mitsamt dem umliegenden Friedhof abgerissen wurde. Bei den Abrissarbeiten und dem vier Jahre dauernden Bau des Stadtturms half eine Riesin, die in der Nähe von Enns wohnte, fleißig mit. Da die Steinplatten für den Boden des Rundganges auf dem Turm ausgingen, bat man sie, die alten Grabplatten des Friedhofs hinaufzutragen. Dort sind sie teilweise noch heute zu sehen. Ins Türmerzimmer bat man die Riesin, eine schwere Marmorplatte zu tragen. Zu spät merkte der Pfarrer, dass es sich dabei um den Altar aus der Scheiblingkirche handelte. Nach vier Jahren Bauzeit war der Turm fertig und diente später hauptsächlich als Wachturm und Glockenturm. Als die Riesin starb, entnahm man ihr eine Rippe, die bis ins 19. Jahrhundert im Durchgang des Turms hing.
Kein Friedhof bei Kirche
Der Ennser Stadtturm wurde tatsächlich wie in der Sage beschrieben in vier Jahren – nämlich von 1564 bis 1568 – errichtet. Auch die Scheiblingkirche, die ungefähr zwischen dem Stadtturm und dem Museum Lauriacum stand, hat es wirklich gegeben. Die Kirche war nicht mehr in einem guten baulichen Zustand und wurde auf Drängen der protestantischen Ennser Bürger und nicht auf Drängen des damaligen Stadtherrn unter Erzherzog Maximilian II. ab dem Jahr 1565 abgetragen. Das Baumaterial wurde für den oberen Teil des Stadtturms verwendet. „Einen Friedhof hat die Scheiblingkirche jedoch nicht gehabt. Es gab höchstens Gräber im Innern der Kirche“, sagt Reinhardt Harreither, der Direktor und wissenschaftliche Leiter des Museum Lauriacum.
Knochen von Mammut
Laut Harreither handelt es sich bei „Der Stadtturm von Enns“ nicht um eine klassische Sage, sondern um eine Erzählung aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Die Sage mit der Riesin sei wahrscheinlich dadurch entstanden, dass sich nachkommende Generationen nicht erklären konnten, wie das imposante 60 Meter hohe Bauwerk am Stadtplatz entstanden ist. „Damals wie heute glaubten die Menschen, dass etwas Übernatürliches im Spiel sein muss, wenn man sich etwas nicht erklären kann“, so Harreither. Ein Grund könnte auch der Knochen gewesen sein, der während der Franzosenkriege Anfang des 19. Jahrhunderts verschwand und bei dem es sich in Wahrheit um einen Mammut-Stoßzahn aus umliegenden Schottergruben gehandelt haben dürfte.


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