Thomas Brunner: „Niemand ist bereit, aufzugeben“
ST. FLORIAN/UKRAINE. Der St. Florianer Thomas Brunner ist Schweinezüchter in der Westukraine und Mitbegründer der Initiative „Support Ukraine Now Upper Austria“ (SUNUA). Im Interview verriet er Tips, wie die Flüchtlingshilfe nun koordiniert wird.

Tips: Die Sammelstelle der von Ihnen mitbegründeten Initiative „Support Ukraine Now Upper Austria“ (SUNUA) in der Linzer Landstraße hat seit 1. Juli geschlossen.Welchen Aufgaben widmet sich der Verein nun?
Brunner: Einen Teil der Spenden haben wir in unserem neuen Lager in der UNO Shopping untergebracht. Von dort organisieren wir jetzt aktuell noch ein bis zwei Lkw-Transporte mit Hilfsgütern in die Ukraine. Winterkleidung etc. lassen wir eingelagert bis zum Herbst, bis die Dinge wirklich gebraucht werden.
Tips: Wird der Verein eine neue Sammelstelle aufbauen, falls mit einer Zunahme der Flüchtlingszahlen zu rechnen ist?
Brunner: Eher nicht, denn die Sammelstelle war in erster Linie für die ersten Wochen gedacht, bis die staatlichen Hilfszahlungen und auch die großen Hilfsorganisationen in die Gänge kommen. Nach drei sehr intensiven Monaten von März bis Mai haben die Auszahlungsmodalitäten zu funktionieren begonnen. Der Großteil des Teams hilft im neuen Lager, aber wir konzentrieren uns ab jetzt in erster Linie wieder um die Hilfe in der Ukraine vor Ort.
Tips: Sie haben im April zur Unterstützung privater Initiativen wie SUNUA ein aktives Koordinationsteam für Oberösterreich gefordert. Hat sich die Organisation seitdem verbessert?
Brunner: Seit Mai funktioniert die Auszahlung der Hilfsmittel an die Ukrainer auch in Oberösterreich. Viele Flüchtlinge haben schon einen Job bzw. besuchen aktiv Sprachkurse. Aus jetziger Sicht ist der Ukrainekrieg und die Flüchtlingssituation sehr klar und bedarf derzeit keiner großen Koordination. Private Initiativen wie SUNUA nach ein paar Wochen aktiv zu unterstützen, wie es das Land OÖ auch gemacht hat, macht sicher Sinn.
Tips: 2006 hat Ihre Familie eine alte Kolchose in Timoschiwka in der Westukraine gekauft, wo Sie seit 2012 Schweine züchten. Wie läuft Ihr Betrieb in Zeiten des Krieges?
Brunner: Die Lage ist herausfordernd. Ich kann aber im Vergleich zu anderen Kollegen in der Ukraine speziell in den besetzten Gebieten natürlich nicht klagen. Wir liegen in keinem Kriegsgebiet, konnten unter nicht einfachen Bedingungen alle unsere Felder bestellen und haben jetzt schon mit der Ernte begonnen. Da die Häfen gesperrt sind, wissen wir nicht, wie und ob wir die Ernte im Herbst schon verkaufen können. Hier erweist sich die Schweinezucht als echter Glücksfall, da wir einen Teil der Ernte sowieso verfüttern. Im Gegensatz zu den meisten Kollegen habe ich somit eine konkrete Perspektive für einen Teil der Ernte. Außerdem sind die Schweinpreise gestiegen und die Futterkosten stark gesunken.
Tips: Leben Sie mit Ihrer Familie nach wie vor in der Ukraine oder pendeln Sie zwischen Österreich und der Ukraine hin und her?
Brunner: Meine Familie lebt seit vier Monaten in St. Florian. Ich pendle seit Anfang Mai zwischen der Ukraine und Österreich. Derzeit bin ich das erste Mal mit meiner ganzen Familie wieder in der Ukraine für die Weizenernte. Es ist bei uns ungefährlich und wir genießen es alle sehr, wieder Zuhause zu sein.
Tips: Wie ist die Lage bzw. der Durchhaltewille der Menschen vor Ort?
Brunner: In den unbesetzten Gebieten bzw. nicht direkt an der Front hat sich das Leben eingependelt. Es gibt wieder Treibstoff an den Tankstellen. Die Supermärkte sind voll, viel Obst und Gemüse aus der nun besetzen Südukraine wird mit Importware ersetzt. Es ist jedoch alles teurer geworden und die Hrivna (ukrainische Währung) hat auch um 25 Prozent abgewertet. Man versucht schon für den Winter vorzusorgen. Die Ukrainer stehen nach wie vor voll hinter der Verteidigung ihres Landes. Die letzten zwei Wochen sind endlich die großen Waffen in die Ukraine gekommen. Der Vormarsch der Russen konnte gestoppt und viele russische Waffenlager zerstört werden. Die Ukrainer sind nach wie vor sehr entschlossen, ihr Land von den russischen Besetzern zu befreien. Es gibt sehr viele Freiwilligenhilfe, und die Unternehmer suchen alle nach neuen Möglichkeiten. Niemand ist bereit, aufzugeben. Sie sind sehr dankbar für die Unterstützung durch Europa und Amerika, wünschen sich aber militärisch deutlich mehr Waffen, um den Krieg schneller beenden zu können.


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