Der Großtante mit einem Buch ein Denkmal gesetzt
ENNSDORF/STEYR. Der Ennsdorfer Autor und Journalist Florian Kobler hat seiner Großtante Inge im Buch „Inge. Bomben, Schmuck und Strümpfe“ ein Denkmal gesetzt. Tips-Redakteur Norbert Mottas bat ihn zum Interview.

Tips : Im Buch „Inge: Bomben, Schmuck und Strümpfe“ erzählt deine Großtante Inge ihre Lebensgeschichte. Wie kamst du auf die Idee, diese Geschichte aufzuschreiben?
Kobler : Als ich 18 Jahre alt war, überreichte mir meine Großtante einen Bericht über ihr Leben. Eineinhalb Seiten – mit der Schreibmaschine abgetippt. Diese Zeilen weckten meine Neugier und ich führte „Interviews“ mit meiner Großtante und meinen Großeltern. Aber es vergingen noch einmal zwölf Jahre, bis ich verstand, was Sätze wie „Da sind wir geflohen“ oder „Ich habe mein Kind zurückgelassen“ wirklich bedeuten. Meine Großeltern waren schon gestorben. Aber Inge lebte noch! Also fragte ich meine 92-jährige Großtante, ob sie mir ihre Geschichte noch einmal im Detail erzählen würde. Das war die letzte Chance – denn ein Jahr darauf ist sie gestorben.
Tips : In welchem Zeitraum fanden die Aufzeichnungen für dein Buch statt?
Kobler : Die meisten unserer Gespräche fanden zwischen 2018 und 2019 statt – wenige Monate vor ihrem Tod. Wir telefonierten, ich besuchte sie in ihrer Wohnung in Steyr und schlussendlich auch im Krankenhaus. Da ich schon als Journalist für den ORF arbeitete, fragte ich sie gleich zu Beginn, ob ich ihre Erzählungen später einmal veröffentlichen dürfe – als Radiobeitrag, im Internet oder als Buch. Sie war sofort einverstanden. Inge war sogar dahinter, dass ich mit meinen Fragen „fertig werde“, denn die Zeit drängte.
Tips : Wie wörtlich hast du die Erzählungen deiner Tante wiedergegeben?
Kobler : Die meisten unserer Gespräche habe ich mit einem Diktiergerät aufgenommen und danach aufgeschrieben. Insofern wird im Buch vieles wortwörtlich wiedergegeben. Gleichzeitig spricht man anders, als man schreibt. Die Geschichte ist außerdem wie ein Tagebuch aufgebaut, das es in dieser Form nie gegeben hat. Ich habe sehr viel gekürzt, vereinfacht und auch – mithilfe von Erzählungen anderer sowie mit Dokumenten - ausgeschmückt.
Tips :Das Buch erzählt auch die Geschichte der Sudetendeutschen, insbesondere die der Gablonzer. Ungeschminkt kommen auch die Verstrickungen in den Nationalsozialismus zur Sprache und die Vertreibungen nach dem Krieg. Hast du auf diese Passagen schon Reaktionen von Nachfahren der Sudetendeutschen bekommen?
Kobler:Nein, das Buch ist gerade erst erschienen. Ich bin selbst gespannt, ob da noch etwas auf mich zukommt. Mir ist bewusst, dass d ie Geschichte heikel ist. Aber gerade Inge, die einerseits beim BDM war und andererseits viele jüdische und tschechische Freunde hatte, zeigt, dass man nicht so einfach pauschal in Gut und Böse einteilen kann. Es kommt auch immer auf den einzelnen Menschen an - egal welche Nationalität im Dokument steht.
Tips : Wo siehst du in dem Bericht von Vertreibung und Flucht Parallelen zu den Fluchtgeschichten der Gegenwart?
Kobler : Kaum jemand flieht freiwillig aus der Heimat. Wenn es keine legalen Wege gibt, werden andere gesucht. Jeder versucht, seine Familie und Kinder zu schützen – oder ins sichere Land nachzuholen. Aktuell gibt es so viele Krisen. Am meisten erinnert mich der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und das damit verbundene Leid an so manche Erzählung von Inge. Was bedeutet Krieg? Wie werden Geflohene aufgenommen? Mit welchen Vorurteilen und Barrieren werden sie konfrontiert? Wie wird mit Angst und Hass Politik gemacht? Wer hilft? Vielleicht ist es gut sich daran zu erinnern, dass viele von uns selbst Vorfahren hatte, die einst fliehen mussten.
Tips : Trotz all der Schicksalsschläge und Entbehrungen berichtet deine Großtante ohne Bitternis von ihrem Leben. Woher hatte sie die Kraft, ihre positive Lebenseinstellung zu bewahren?
Kobler : Das wüsste ich auch gerne – und finde ich sehr bewundernswert. Sie hat immer nach vorne geschaut. Aber, so ehrlich muss man sein, der Krieg hat schon etwas mit ihr gemacht. In die Politik hatte sie kein Vertrauen mehr. Und sie hat sich sicher auch eine Spur weit in die Arbeit geflüchtet. Nach den langen Entbehrungen ist es für sie schlussendlich durch viel Fleiß doch noch bergauf gegangen. Der Neustart in Österreich ist meinen Vorfahren geglückt. Inge wurde Filialeiterin bei Palmers in Steyr, mein Opa baute mit seinen Brüdern einen Schmuckbetrieb mit 120 Beschäftigen auf. Da fällt es vielleicht leichter dankbar zu sein und ohne Bitternis weiterzugehen.
Tips : Im Buch kommt ausschließlich deine Tante zu Wort, nicht aber du als Autor. Warum hast du darauf verzichtet, ein Vorwort zur Entstehungsgeschichte des Buches zu schreiben oder ein persönliches Statement?
Kobler : Weil es um Inge geht und nicht um mich. Einerseits versteh ich es, wenn einen die Hintergründe interessieren. Andererseits finde ich, dass sich Autorinnen und Autoren manchmal zu wichtig nehmen. Ich hätte die Geschichte dramatisch und emotional am Sterbebett starten können, wo mir Inge bis zum Schluss aus ihrem Leben erzählt hat. Dazu meine Gedanken, Zweifel, Beweggründe und Nachforschungen. Aber das wollte ich nicht. Als Journalist fragt man sich immer: „Was ist die Geschichte?“ Und ich finde, es ist ausschließlich die von Inge.
Wer die Geschichte schlussendlich aufschreibt, ist zweitrangig. Aber stimmt schon, vielleicht wäre ein Nachwort, quasi Bonusmaterial, für viele interessant gewesen. Aber das kann man ja jetzt hier dank dir nachlesen. Es gibt im Buch allerdings echte Fotos im Anhang. Quasi ein Abspann, der sagt: „Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit.“


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