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„Konflikte gehören unweigerlich zum Berufs- und Alltagsleben dazu“

Thomas Lettner, 31.03.2021 07:33

ENNS. Als Mediatorin versucht die Ennserin Astrid Öllinger, Menschen aus Konfliktsituationen hin zu einem friedlichen Miteinander zu begleiten.

Astrid Öllinger ist selbstständige Mediatorin, Coach und Unternehmensberaterin. Foto: Wolfgang Simlinger

Tips:Haben Sie als Mediatorin derzeit eher mit Kunden aus der Wirtschaft oder mit Privatkunden zu tun?

Öllinger: Sowohl als auch. Die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Krisensituation stellt die Bevölkerung wie auch die Wirtschaft gleichermaßen vor große und neue Herausforderungen. Die Geschwindigkeit, in der sich momentan alles verändert sowie die Angst um die wirtschaftliche Existenz erzeugen einen besonderen Druck. Durch die Umstellung auf Homeoffice und den eingeschränkten Präsenzunterricht sind derzeit viele Menschen gezwungen, Arbeit und Kinderbetreuung zu Hause unter einen Hut zu bringen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Erholung verschwimmen zusehends bzw. existieren zum Teil gar nicht mehr. Hinzu kommt, dass persönliche Begegnungen für ein klärendes Gespräch (privater wie auch beruflicher Natur) bzw. der gemeinsame Urlaub momentan wegen Reisebeschränkungen und Ansteckungsgefahr wegfallen.

Tips:Unter Mediation versteht man, gemeinsam mit den Konfliktparteien Lösungsansätze zu finden. Gelingt das immer?

Öllinger: Mediation richtet den Blick der Beteiligten auf die gemeinsame Zukunft und nicht auf die Suche nach Schuldigen. Das Besondere an den Lösungen, die in einer Mediation erarbeitet werden, ist, dass diese von den Klienten selbst entwickelt und dementsprechend auch von allen mitgetragen werden. Die Freiwilligkeit der Teilnahme sowie die Bereitschaft, Verantwortung für den eigenen Konflikt zu übernehmen, sind wichtige Grundlagen für den Erfolg einer Mediation. Sind diese Grundvoraussetzungen gegeben und schaffe ich es als neutrale Vermittlerin im Mediationsprozess eine vertrauensvolle und allparteiliche Haltung zu wahren, ist die Chance groß, dass der Konflikt konstruktiv bearbeitet wird und für alle Parteien lebbare und nachhaltige Lösungen gefunden werden können.

Tips:Kann man auch lernen, mit Konflikten zu leben?

Öllinger: Konflikte gehören unweigerlich zu unserem Berufs- und Alltagsleben dazu und sind oft ein Zeichen für Veränderung. Wichtig ist es meiner Meinung nach, den Umgang mit Konflikten bzw. die Konfliktfähigkeit zu erlernen bzw. zu verbessern. Ein erfolgreich beigelegter Streit stärkt die eigene Konfliktkompetenz nachhaltig und setzt positive Energien frei. Einen Konflikt auszutragen ist keineswegs gleichbedeutend damit, eine hässliche Auseinandersetzung vom Zaun zu brechen, wo gegenseitig Grenzen überschritten werden. Es gilt viel mehr, das Problem offen anzusprechen und seinem Mitmenschen zu verdeutlichen, dass man Wert auf eine positive Veränderung der Situation legt. Das sollte auf jeden Fall rechtzeitig geschehen, sodass es erst gar nicht zur Eskalation der Situation bzw. zu chronischen, schwelenden Konflikten kommen kann.

Tips:Gibt es Konfliktparteien (z.B. Eltern-Kind, Arbeitgeber-Arbeitnehmer), wo Mediation besonders schwierig ist?

Öllinger: Die beiden Bereiche, die Sie ansprechen, stellen aufgrund des Machtungleichgewichts der Parteien eine besondere Herausforderung in der Mediation dar. Entscheidend für eine gelingende Vermittlung bei ungleichen Hierarchien ist, dass innerhalb des Mediationsrahmens auf Machtausübung verzichtet wird und sich die Konfliktpartner auf Augenhöhe begegnen. Mediation bedeutet aber nicht, dass außerhalb des Settings die sonst üblichen Machtstrukturen ungültig sind. Ein Vorgesetzter bleibt ein Vorgesetzter und darf auch weiterhin Entscheidungen fällen, die nicht den Konflikt betreffen. Auch bei Mediationen im familiären oder schulischen Kontext besteht ein Machtgefälle, das es auszugleichen gilt. Junge Menschen haben oft andere Interessen, Bedürfnisse und Konflikte, die Erwachsene nur schwer nachvollziehen können oder anders erleben. Wichtig ist es, Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum zu ermöglichen, um über Sorgen, Gefühle und Gedanken zu sprechen und Lösungen für Problembereiche zu finden, mit denen alle Beteiligten gut leben können.

Tips:Stichwort Mobbing: Was hilft die beste Mediation, wenn eine Gruppe einen Einzelnen als Mensch ablehnt?

Öllinger: Im Fall von Mobbing gilt es zunächst einmal herauszufinden, wie weit sich die Situation schon zugespitzt hat und wer aller daran beteiligt ist. Hier sind im Rahmen einer Mediation Einzelgespräche im Vorfeld unabdingbar. Gelingt es, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und zu einer lösungsorientierten Klärung zu motivieren, wird häufig ein langfristiger, positiver Entwicklungsprozess angestoßen. In einem hoch eskalierten Mobbingprozess ist jedoch der Schutz der betroffenen Person vordergründig. Eine direkte Konfrontation mit den Tätern könnte sich schlimmstenfalls noch belastender auswirken. In solchen Fällen wäre Coaching das Mittel der Wahl, damit der Betroffene in einem sicheren Rahmen wieder innere Stärke aufbauen kann und lernt, sich besser zu behaupten und abzugrenzen.


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