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Nach Beiß-Attacke: Experten nehmen die Hundebesitzer und den Gesetzgeber in die Pflicht

Mag. Susanne Überegger, 06.08.2019 16:36

BEZIRK FREISTADT. Nach der Attacke eines Pitbull-Mischlings auf einen zwölfjährigen Buben in Ottensheim (Bezirk Urfahr-Umgebung) Mitte Juli ist eine Diskussion um eine Verschärfung des oö. Hundehaltegesetzes entflammt. „Tips“ sprach zum Thema mit Karin Binder vom Tierheim Freistadt und Gerald Koller, Bundesausbildner für Polizeihunde.

  1 / 2   Karin Binder ist Leiterin des Tierheims Freistadt, das jede Menge Problemhunde beherbergt. Foto: Patricia Koppenberger

Hund „Tyson“, der das Kind in Ottensheim angegriffen und schwerst verletzt hat, wurde nach der Attacke im Tierheim Feistadt untergebracht. Andere Tierheime hatten es zuvor abgelehnt, den Pitbull-Mischling aufzunehmen. Im Tierheim Freistadt musste der Hund nach einem Bescheid des Bürgermeisters von Feldkirchen – in dieser Gemeinde wohnt der Hundebesitzer – eingeschläfert werden.

„Eine fatale Kombination“

„Das hätte nicht passieren müssen, wenn man mit dem Hund von Anfang an ordentlich gearbeitet hätte. Tyson war ein extrem unsicherer Hund mit starkem Trieb, das heißt, er jagte alles, was rennt. Die Kombination mit einem nicht geeigneten Hundeführer erwies sich letztlich als fatal „, sagt Karin Binder, Leiterin des Tierheims Freistadt.

Resozialisierung der Problemhunde kostet viel Zeit und Mühe

Sie ist Expertin in Sachen Problemhunde, landen doch diese – wenn sie den Besitzern über den Kopf wachsen oder spätestens, nachdem sie zugebissen haben – bei ihr im Heim. Dort wird mit viel Mühe und enormen zeitlichen Aufwand versucht, die Tiere wieder zu resozialisieren, was aber nicht bei jedem Hund gelingt.

„Manche Hundebesitzer verwechseln Erziehung mit Verziehung“

„Das eine Problem ist, dass sich viele Leute einen Hund anschaffen, ohne sich vorher zu überlegen und zu informieren, welche Rasse sich für sie eignen würde“, sagt Binder. „Das zweite Problem ist, dass manche Hundebesitzer leider Erziehung mit Verziehung verwechseln. Jeder Hund muss eine ordentliche Erziehung genießen, sodass er keine Gefahr darstellt!“ Der Hundeführer müsse fähig sein, seinen Vierbeiner in jeder Lage zu kontrollieren.

Hunderasse muss zum Besitzer passen

„Gebrauchshunde etwa gehören nur in Hände, die auch arbeiten. Ein Hüte- oder Herdenschutzhund ist kein Hund, der sich mit zweimal äußerln gehen am Tag zufrieden gibt. Rassen wie Pitbull oder Rottweiler geraten leider oft in falsche Hände, weil der Besitzer mit ihnen stärker sein möchte. Oft ist er dem Tier jedoch nicht gewachsen“, sagt Karin Binder.

Problematisch sei, dass das Tierheim meist auf Hunden bestimmter Rassen oder Problemhunden sitzen bleibe. „So einen Hund kann ich ja nicht jedem geben. Und dem neuen Besitzer muss klar sein, dass er auch nach erfolgreicher Resozialisierung im Tierheim sehr konsequent mit seinem Hund weiterarbeiten muss.“

Kampf gegen Windmühlen

„Vor kurzem hätten sich drei verschiedene Personen explizit Staffordshire Terrier bei uns im Tierheim aussuchen wollen. Ich konnte es aber nicht verantworten, diesen Personen solche Hunde zu überlassen. Also haben sich alle drei einen Hund ebendieser Rasse aus dem Ausland besorgt. Schauen wir mal, wo die Hunde in einem Jahr sind – ziemlich sicher bei uns im Tierheim“, beschreibt Karin Binder ihren Kampf gegen Windmühlen.

Mehr Rückhalt von Seiten der Politik erwünscht

„Als wir Tyson einschläfern mussten, haben wir viele böse Nachrichten erhalten, das Tierheim Freistadt sei eine Tötungsstation und dergleichen. Aber was sollen wir machen, wenn es einen Bescheid von der Behörde gibt? Und nebenbei, man kann froh sein, dass das Kind den Angriff überhaupt überlebt hat.“ Binder wünscht sich mehr Rückhalt und Unterstützung aus der Politik. „Keiner der so genannten Experten hat sich Tyson bei uns angeschaut, keiner hat seine Hilfe angeboten oder gefragt, wie es uns geht“, fühlt sich Karin Binder allein gelassen.

Forderungen nach der Verschärfung des Hundehaltegesetzes

Sie fordert eine deutliche Verschärfung des oberösterreichischen Hundehaltegesetzes. „Meiner Meinung nach sollte jeder Hund über Wadelhöhe einen Wesenstest und die Begleithundeprüfung absolvieren müssen.“

Verpflichtender Hundefüherschein für bestimmte Rassen gefordert

Auch Gerald Koller aus Kefermarkt, Bundesausbildner für Polizeihunde, ist klar für eine Nachjustierung des oö. Hundehaltegesetzes: „Ich bin dafür, die geltenden Regelungen zu überdenken und zu verschärfen und plädiere dafür, den Zugang zu Hunden mit hohem Aggressionspotenzial und niedriger Reizschwelle – welche Rassen darunter fallen, muss erst noch definiert werden – zu erschweren, indem der Besitzer den Hundeführerschein verpflichtend absolvieren muss.“

„Zukünftige Hundebesitzer sollten sich im Vorfeld umfassend informieren“

„In meinen Vorträgen zum Sachkundenachweis (verpflichtend für alle Neo-Hundebesitzer, Anm.) frage ich immer, wer noch keinen Hund hat. Da zeigen von 30 Leuten meist bloß drei oder vier auf. Und genau hier liegt das Problem: Zukünftige Hundebesitzer sollten sich schon im Vorfeld erkundigen, welcher Hund zu einem passt und welche Anforderungen seine Rasse an Auslauf, Bewegung, Pflege und Zeit des Besitzers stellt. Kein Hund sollte nach der Optik ausgesucht werden oder weil die Rasse gerade „in“ ist“, nimmt Gerald Koller die Hundebesitzer in die Pflicht.


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