„Betrüger werden unsichtbar“ - Sakoparnig warnt vor digitalen Fallen
WARTBERG/OÖ. Seit mehr als drei Jahrzehnten jagt er Betrüger, seit 2014 leitet er die Betrugsabteilung des Landeskriminalamts: Der erfahrene Ermittler Gerald Sakoparnig aus Wartberg kennt die Tricks der Täter wie kaum ein anderer. Im Interview spricht er über neue Betrugsmaschen und wie sich jeder wirksam schützen kann.

Seine Laufbahn begann 1990 im Bereich der Vermögensdelikte. Damals dominierten noch klassische Betrugsformen: Heiratsschwindler, Einmietbetrüger, Versicherungsbetrug oder fingierte Notlagen. Täter traten persönlich auf und somit konnten Opfer sie beschreiben, manchmal gab es sogar Spuren. Heute hat sich das Bild drastisch verändert. „Rund 70 Prozent aller Betrugsdelikte laufen mittlerweile digital ab, nur noch 30 Prozent analog“, sagt Gerald Sakoparnig.
„Mit der Digitalisierung sind Täter für Opfer praktisch unsichtbar geworden.“ Gefälschte Profilbilder, gestohlene Identitäten und internationale Netzwerke erschweren Ermittlungen massiv. „Während Betrüger früher persönlich auftreten mussten, sitzen sie heute oft in Callcentern am anderen Ende der Welt.“ Als Folge sind Polizei und Justiz auf internationale Zusammenarbeit angewiesen – oft ein aufwendiger und langwieriger Prozess.
Schockanrufe
Eine der größten Sorgen der Ermittler bereiten sogenannte Schockanrufe. Betrüger geben sich als Polizisten, Staatsanwälte oder Ärzte aus und behaupten etwa, ein Angehöriger habe einen schweren Unfall verursacht, eine Kaution sei sofort zu zahlen oder ein Familienmitglied sei schwer krank und benötige teure Medikamente. Die Täter setzen ihre Opfer gezielt unter extremen psychischen Druck. „Die ältere Generation ist hilfsbereit und oft autoritätshörig erzogen worden. Wenn ein vermeintlicher Polizist anruft, wird schneller gehandelt“, so der Wartberger.
Anlagebetrug: 500.000 Euro Schaden pro Woche
Noch höhere Summen verursachen internationale Online-Anlagebetrüger. Sie werben mit prominenten Persönlichkeiten und versprechen traumhafte Gewinne. Die Masche ist immer ähnlich: Opfer klicken auf professionelle Online-Werbung, „Finanzexperten“ melden sich telefonisch, ein kleiner Einstiegsbetrag – zum Beispiel 250 Euro – wird investiert. Eine gefälschte Plattform zeigt rasche Gewinne, die Opfer zahlen immer höhere Summen ein. Doch am Schluss werden die Auszahlungen verweigert. „Die Opfer sehen am Bildschirm ihr Geld wachsen – aber in Wahrheit ist jeder Cent verloren“, erklärt Sakoparnig. „In Oberösterreich entsteht dadurch ein Schaden von rund einer halben Million Euro – pro Woche.“
Auch von besonders perfiden Fällen weiß der Ermittler zu berichten: „Nach einiger Zeit melden sich die Täter erneut und bieten Hilfe an, um das verlorene Geld zurückzuholen. Dabei kassieren sie erneut Gebühren. Das Geld bleibt trotzdem verloren.“
„Betrüger arbeiten mit Ausnahmesituationen“
Viele Menschen glauben, sie würden niemals auf Betrüger hereinfallen. Doch genau diese Selbstsicherheit sei gefährlich, warnt der Experte. „Betrüger arbeiten mit psychologischen Ausnahmesituationen wie Angst vor Geldverlust, Zeitdruck, Schock, Autoritätsdruck, Hilfsbereitschaft. Wenn Menschen in Panik geraten, handeln sie eher nicht rational – egal wie gebildet oder technikaffin sie sind.“
Jüngere Opfer trifft es häufig bei gefälschten Bank-SMS, Phishing-Mails im Namen von Behörden, Fake-Onlineshops, Paketbenachrichtigungen und Konto-Sperrdrohungen.
Angriffe auf Unternehmen
Auch Unternehmen geraten zunehmend ins Visier von Cyberkriminellen. Gefälschte Rechnungen, Schadsoftware durch E-Mail-Anhänge, Datendiebstahl, Verschlüsselung kompletter Firmensysteme und Lösegeldforderungen machen Unternehmen zu schaffen. „Manche Firmen verzichten aus Angst vor Imageschäden und Kundenverlust auf Anzeigen. Die Dunkelziffer wird daher hoch geschätzt. Manche Unternehmen zahlen lieber, als einen öffentlichen Vertrauensverlust zu riskieren.“
Schutz vor Betrug
„Technische Schutzmaßnahmen allein reichen nicht“, erklärt der Leiter der Betrugsabteilung. Als Grundregeln für den Alltag nennt Sakoparnig eine „gesunde Portion Misstrauen“. „Man soll nicht alles glauben, was man liest, hört oder sieht. Vorsichtig soll man vor allem sein, wenn Druck gemacht wird. Seriöse Stellen setzen keine Fristen von Minuten.“ Weiters rät er: Keine Links anklicken, besonders bei SMS oder unerwarteten Nachrichten. „Behörden schreiben auch keine offiziellen Forderungen per Whats-App oder SMS. Im Zweifel die Nachricht löschen – es passiert nichts.“
Wenn dennoch ein Betrug passiert ist, sollte man so rasch als möglich die Bank kontaktieren, manchmal können Überweisungen sogar noch gestoppt werden. Danach sollte unverzüglich Anzeige erstattet werden. „Je schneller die Meldung, desto höher die Chance, Geldflüsse nachzuvollziehen. Zeit ist der entscheidende Faktor.“
Familien spielen eine Schlüsselrolle beim Schutz gefährdeter Personen, erklärt Sakoparnig. „Innerhalb der Familie sollte über Betrugsmaschen gesprochen werden und es sollten Notfallpläne vereinbart werden. Man darf das Thema Geld in der Familie nicht tabuisieren. Prävention beginnt im Gespräch.“


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