Ein letzter Wunsch, eine gehaltene Hand - Bernhard Kapeller begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg
NEUMARKT. Bernhard Kapeller aus Neumarkt begleitet seit 20 Jahren als Pfleger unheilbar kranke Menschen auf ihrem letzten Weg. Dabei erlebt er nicht nur Trauer und Abschied, sondern auch berührende Momente voller Nähe und Dankbarkeit.

Ein Stück Moos, ein Sonnenaufgang oder ein Teller Marillenknödel – was im Alltag selbstverständlich erscheint, kann am Ende des Lebens eine große Bedeutung bekommen. Bernhard Kapeller weiß das aus seiner täglichen Arbeit. Seit 20 Jahren begleitet er als Krankenpfleger Menschen auf der Palliativstation des Ordensklinikum Linz Barmherzigen Schwestern und ist Seelsorger in seiner Heimatgemeinde. Auf der Palliativstation geht es darum, Beschwerden zu lindern, Lebensqualität zu erhalten und ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen.
Die Patienten sind zwischen 18 und 100 Jahre alt, ihre Lebensgeschichten sind unterschiedlich, doch sie alle müssen sich mit der Endlichkeit auseinandersetzen. „Man muss den Tod annehmen lernen. Das ist ein Prozess, der bei jedem Menschen anders verläuft“, sagt Kapeller.
Vom Schicksal geprägt
Ein einschneidendes Erlebnis prägte auch seinen persönlichen Zugang zum Glauben. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia musste er eine Totgeburt verkraften. In dieser schweren Zeit fanden die beiden Unterstützung beim damaligen Pfarrer in Freistadt. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich Kapellers eigener Glaubensweg, der ihn schließlich zur Seelsorge führte.
Während seiner Ausbildung zum Krankenpfleger absolvierte er ein Praktikum auf der Palliativstation und arbeitete anschließend dort weiter. Heute meistert er beide Aufgaben, trennt sie im Alltag aber bewusst. „Am Anfang wissen die Patienten gar nicht, dass ich auch Seelsorger bin. Ich möchte ihnen zuerst als Mensch und Pfleger begegnen.“
Halt in schweren Stunden
Angst, Traurigkeit und Wut gehören zum Alltag auf der Station. Viele Patienten sorgen sich weniger um sich selbst als um ihre Angehörigen und darum, wie Partner und Kinder ohne sie zurechtkommen werden. Gleichzeitig fällt es den Patienten oft schwer, Hilfe anzunehmen, wenn selbst einfache Tätigkeiten nicht mehr allein möglich sind. „Es geht darum, für die Menschen da zu sein, zuzuhören und ihnen Sicherheit zu vermitteln, ohne sich vom Leid überwältigen zu lassen. Für die Patienten ist es wichtig, zu spüren: Da hört mir jemand zu.“
Patienten als Lehrmeister
Kapeller sieht die Patienten auch als Lehrmeister. „Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Es ist etwas Besonderes, jemanden am Lebensende zu begleiten und zu erfahren, was er alles erlebt und geschafft hat.“ Ärzte, Pflegekräfte, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten und Musiktherapeuten, Sozialarbeiter und Seelsorger arbeiten auf der Station eng zusammen. Im Mittelpunkt steht immer der einzelne Mensch mit seinen Bedürfnissen.
Kleine Freuden
„Mit fortschreitender Krankheit verlieren materielle Dinge häufig an Bedeutung. Es sind die kleinen, persönlichen Wünsche, die zählen. Eine Patientin liebte den Wald und ging früher bei Beschwerden gerne hinaus. Als das nicht mehr möglich war, brachte Kapeller ihr ein Stück Moos mit, um den Wald zumindest riechen zu können. Die Freude darüber war groß und die Übelkeit war rasch weg.“ Eine andere Patientin hatte lange sehr gesund gelebt und auf vieles verzichtet. „Am Lebensende wünschte sie sich noch einmal Marillenknödel. Für sie war es zugleich die letzte Mahlzeit.“
„Wenn ich einem Patienten zumindest zeitweise ein Stück seiner Lebensqualität zurückgeben kann, ist das etwas sehr Wertvolles.“ Manchmal möchten Patienten noch einmal die Sterne oder einen Sonnenaufgang sehen. Das Pflegeteam ermöglicht ihnen solche Momente, etwa auf der Dachterrasse. Die Palliativstation ist keineswegs nur ein Ort der Trauer. „Viele Menschen führen in dieser Phase Gespräche, die sie sonst nie geführt hätten. Die Beziehung zu den Angehörigen wird oft sehr intensiv. Manche fühlen sich zum ersten Mal wirklich frei“, erzählt Kapeller. Er erinnert sich an ein Paar, das sich nach 40 gemeinsamen Jahren durch offene Gespräche plötzlich neu kennenlernte.
Einsamkeit und Bedauern
In den vergangenen 20 Jahren hat Kapeller eine Veränderung beobachtet. Die Einsamkeit vieler Patienten nimmt zu. Manche haben kaum Angehörige, andere sind durch Familienstreitigkeiten von ihren Liebsten getrennt. Gerade in einer besonders schwierigen Lebensphase fehlt dann ein vertrautes Gegenüber. Immer wieder erlebt er auch, dass Menschen kurz nach ihrer Pensionierung erkranken, obwohl sie noch viele Pläne hatten. Statt Reisen und gemeinsamer Zeit bestimmen plötzlich Krankheit und Krankenhaus den Alltag. „Wir verschieben vieles auf später und glauben, irgendwann kommt der richtige Zeitpunkt. Aber manchmal kommt er nicht mehr.“
Tod als Tabuthema
Sein Glaube gibt Kapeller nach herausfordernden Tagen Kraft. „Ich erlebe immer wieder Situationen, in denen ich spüre, dass da etwas ist, das über uns hinausgeht.“ Ebenso wichtig sind Gespräche mit Kollegen, die Natur und seine Frau Claudia, die ebenfalls Seelsorgerin ist. Dass der Tod in unserer Gesellschaft oft tabuisiert wird, sieht Kapeller kritisch. „Der Tod gehört zum Leben und betrifft uns alle. Wir sollten lernen, darüber zu sprechen, statt das Thema wegzuschieben.“ Dazu gehört für ihn auch, Angehörigen – auch Kindern – einen bewussten Abschied zu ermöglichen. „Ein letzter Besuch, eine gehaltene Hand oder ein stiller Moment können viel bedeuten“, sagt Bernhard Kapeller.








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